InterviewWas Karl-Theodor zu Guttenberg nachts wach hält

Karl-Theodor zu Guttenberg
Karl-Theodor zu Guttenberg ist Chairman der Investment- und Beratungsfirma Spitzberg Partners. Zuvor war der CSU-Politiker Wirtschafts- und Verteidigungsminister, bis er über eine Plagiatsaffäre stürzte dpa


Wie bleibt man zukunftsfähig? Und wo bleiben dabei die Menschen? Wie wird die Zukunft der Arbeit gestaltet – und vor allem der Weg dort hin? Was treibt Unternehmenslenker um? Wenn Unternehmen sich neu erfinden müssen, um sicher auf Kurs zu bleiben: Was ist unverzichtbar? Stefanie Unger hat Strategen und Denker namhafter Unternehmen nach diesen und vielen weiteren Faktoren befragt – mehr auf www.zukunftsfähig.com.


Was hält Sie nachts wach?

Der Gedanke an die Zukunft meiner Kinder in einer sich neu definierenden Weltordnung.

Wie würden Sie diese neue Weltordnung beschreiben?

Als nicht mehr den Maßstäben genügend, die sich in die Köpfe heutiger Entscheidungsträger eingebrannt haben. Es ist eine sehr viel volatilere, eine von neuen geopolitischen Entscheidungsträgern gestaltete Welt, die nicht mehr den klassischen Mustern entspricht. Wir sprechen nicht mehr über irgendwelche Regierungen, die sich eine Weltordnung zurechtlegen. Wir haben mittlerweile große Tech-Konzerne, die über ein Machtpotenzial verfügen, das sie selbst zum Teil noch gar nicht richtig wahrnehmen – das aber enorme Auswirkungen auf nahezu alle gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen hat. Das ist etwas, was als solches noch in keine Form gegossen ist – und es wird noch in einer völlig unkoordinierten Art aufgegriffen. Das hält mich nachts wach.

Gibt es einen Politiker oder eine Politikerin, von der wir lernen können?

Eine Antwort im positiven Sinne fällt mir schwer, da in unseren westlichen Demokratien die meisten Politiker von den Umständen so eingeschränkt sind, dass ihr eventuell vorhandenes Potenzial gar nicht zum Ausdruck kommt. Am ehesten können wir momentan wahrscheinlich von denjenigen lernen, die sich von den Werten in unserem westlichen System am radikalsten abwenden. Damit will ich diese Leute nicht positiv beurteilen. Aber wir sollten die Erfolgsgeschichte dieser nationalistischen Populisten genau analysieren und unsere Schlüsse daraus ziehen.

Wie beschäftigen Sie sich mit dem Thema Zukunft, wie lang- beziehungsweise kurzfristig betrachten und planen Sie Ihre Zukunft?

Bei unseren Investments und bei unserer Beratung ist es ein Mix aus beidem. Grundlage sind meine Erfahrungswerte, die ich in Wirtschaft und Politik gewinnen durfte. Man hat eine Neigung dazu, sich sehr schnell in Ad-hoc-Entscheidungsmuster drängen zu lassen und wagt so den größeren, langfristigen Blick nicht mehr. Es gibt Elemente des Tagesgeschäfts, die über einen gewissen Zeithorizont gar nicht hinausgehen können. Auf der anderen Seite ist es für mich entscheidend, dass die Dinge, die ich anpacke, eine Generationenperspektive haben. Von mir getroffene Investitionsentscheidungen sind in der Regel immer langfristig. Wenn das nicht gegeben ist, nehme ich gerne Abstand.

In welchen Bereichen investieren Sie, wo sehen Sie Ihre Chancen?

Wir richten unseren Blick auf die geopolitische Lage, was aber nichts mit klassischer Sicherheitspolitik zu tun hat. Sondern es kann sich dabei beispielsweise um künstliche Intelligenz oder um Big Data handeln. Was in Amerika funktioniert, kann in Deutschland auf große Barrieren stoßen. Was in Indien funktioniert, kann sich in China komplett anders entwickeln. Dann haben Sie es mit Unternehmen zu tun, die global aufgestellt sind und die durch das Internet und die Blockchain keine Grenzen kennen. Das sind Entwicklungen, die uns sehr interessieren. Spannend ist auch das ganze Thema Internet der Dinge – also Trends, die das Potenzial haben, die existierende Ordnung auf den Kopf zu stellen oder es bereits tun.

Mit welchen branchenfremden Personen beziehungsweise Bereichen tauschen Sie sich aus, um mal einen ganz anderen Blickwinkel auf Ihr Geschäft zu werfen?

Das fängt schon mit den Leuten an, die ich bei uns anstelle. Ich will von Menschen umgeben sein, die über Erfahrungswerte verfügen, die ich in der Tiefe nicht habe. Leute, die in der Lage sind „Thinking outside of the box“ zu gewährleisten. Von daher kann für ein technologisches Problem von einem Historiker, einem Philosophen, einem Biologen oder einem Neurowissenschaftler eine viel spannendere Lösung kommen als von einem Programmierer oder Ingenieur. Es ist geradezu eine Notwendigkeit, sich ein eklektisches Umfeld zu schaffen.

Welche Rolle spielt Unternehmenskultur heute und welchen Einfluss wird die Zukunft auf sie haben bzw. welche Veränderungen mit sich bringen?

Unternehmenskultur wird immer eine Rolle spielen, muss aber neu definiert werden. Wir befinden uns hier in unterschiedlichen Zügen mit sehr unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Die Unternehmenskultur eines klassischen deutschen Mittelständlers unterscheidet sich fundamental von einer Start-up-Kultur, die Sie hier in New York oder an der US-Westküste vorfinden. Genauso unterscheidet sich eine Start-up-Kultur in Berlin von der, die Sie hier vorfinden und von der in Israel oder Indien. Es gibt keine Blaupause dafür, sondern es hängt davon ab welche Individuen, ein Unternehmen gründen und leiten, welche Führungsqualitäten sie mitbringen und welche Werte sie in ein Unternehmen einbringen. Dadurch definiert sich eine individualisierte Unternehmenskultur. Von Schablonen halte ich gar nichts.