InterviewMichael Bolle: „Die Autoindustrie muss sich komplett neu erfinden“

Michael Bolle ist seit 1. Juli 2018 Geschäftsführer der Robert Bosch GmbH. Er verantwortet als Chief Digital Officer und Chief Technology Officer (Technikgeschäftsführer) die Zentralbereiche Forschung und Vorausentwicklung sowie Informationsverarbeitung (IT). Darüber hinaus ist er zuständig für die Tochtergesellschaft Bosch Software Innovations GmbH und die Zentralstelle Koordination Technik und Entwicklungsmethodik
Michael Bolle ist seit 1. Juli 2018 Geschäftsführer der Robert Bosch GmbH. Er verantwortet als Chief Digital Officer und Chief Technology Officer die Zentralbereiche Forschung und Vorausentwicklung sowie ITdpa


Wie bleibt man zukunftsfähig? Und wo bleiben dabei die Menschen? Wie wird die Zukunft der Arbeit gestaltet – und vor allem der Weg dort hin? Was treibt Unternehmenslenker um? Wenn Unternehmen sich neu erfinden müssen, um sicher auf Kurs zu bleiben: Was ist unverzichtbar? Stefanie Unger hat Strategen und Denker namhafter Unternehmen nach diesen und vielen weiteren Faktoren befragt – mehr auf www.zukunftsfähig.com.


Was hält Sie nachts wach?

Ich schlafe sehr gut, aber es gibt natürlich Dinge, die mich beschäftigen. Dazu gehört die dramatische Beschleunigung der technischen Entwicklung in den vergangenen fünf Jahren. Produktentwicklungszyklen werden immer kürzer. Auch die Zahl innovativer Geschäftsmodelle nimmt zu und bestehende Geschäftsmodelle verändern sich dramatisch. Große Technologiefirmen ohne lange Geschichte gab es vor 20 Jahren noch nicht. Heute gibt es einen extrem hohen Veränderungsbedarf. Firmen müssen sich immer schneller und stärker anpassen. Auch Bosch mit seiner 130-jährigen Unternehmensgeschichte und weltweit mehr als 400.000 Mitarbeitern ist ein Unternehmen im Umbruch und im Aufbruch. Unser Ziel ist und bleibt es, mit unseren Produkten und Lösungen Technik fürs Leben zu schaffen.

Von welchem Unternehmen können Sie am meisten für Ihre Zukunft lernen und warum?

Etablierte Unternehmen können von erfolgreichen Start-ups lernen. Insbesondere von denjenigen, die wirklich disruptiv waren und sind. Wie haben es diese Firmen geschafft, ihren heutigen technischen und wirtschaftlichen Einfluss zu erreichen? Da gibt es immer einen technologischen Kern. Und diesen muss man frühzeitig mit einem innovativen Businessmodell verknüpfen. Dann wird man erfolgreich sein. Bosch ist sehr erfolgreich darin, eine bestimmte Richtung einzuschlagen und sie langfristig zu verfolgen. Start-ups gehen oft sehr mutig neue Wege, um eine innovative Idee, von der sie überzeugt sind, umzusetzen. Das finde ich beeindruckend. Auch wir fördern die Start-up Kultur innerhalb unseres Unternehmens. Große Unternehmen mit erfolgreicher Geschichte sollten den Mut haben, sich immer wieder neu zu erfinden.

Wer beschäftigt sich bei Ihnen im Hause mit dem Thema Zukunft?

Uns mit der Zukunft zu beschäftigen, mit den großen und kleinen Veränderungen des Marktes und mit Zukunftstrends, ist fest in unserer Unternehmenskultur verankert. Wir arbeiten permanent daran, uns zu verbessern und neue Lösungen und Strategien zu finden. Das findet nicht nur in einem Bereich statt, sondern im gesamten Unternehmen.

Wie lang- bzw. kurzfristig betrachten und planen Sie Ihre Zukunft?

Unsere Betrachtung reicht rund 50 Jahre in die Zukunft. Dazu gehört, dass wir uns die Megatrends anschauen, wie zum Beispiel die demografische Entwicklung oder die Frage, wie es mit dem Klima weitergeht. Das gleiche machen wir auf technologischer Ebene, hier sind die Stichwörter künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen. Wir sind uns sicher, dass automatisiertes Fahren und Elektromobilität große Bedeutung gewinnen werden, deshalb beschäftigen wir uns schon seit langem sowohl in der Forschung und Entwicklung als auch in den Geschäftsbereichen mit diesen Themen.

Wie werden sich die Bedürfnisse und Wünsche Ihrer Kunden in der Zukunft ändern und wie beschäftigen Sie sich damit?

Am Beispiel der Mobilität sehen wir, wie sich die Bedürfnisse der Menschen verändern. Wichtig ist für die Menschen heute, dass sie von A nach B kommen. Das kann mit einem Mix unterschiedlicher Verkehrsmittel geschehen. Sharing-Angebote und Mitfahrservices werden immer wichtiger. Für uns bedeutet das, dass wir den Wandel hin zu einem Anbieter von Mobilitätsservices stark vorantreiben und damit für diese Bedürfnisse passende Lösungen schaffen.

Was bedeutet für Sie Erfolg heute und was glauben Sie, wird sich in der Zukunft an den Bestandteilen von Ihrem Erfolg verändern?

Für mich ist Erfolg, wenn wir es schaffen, unsere innovativen Lösungen und Produkte erfolgreich in den Markt zu bringen. Wir machen Technik fürs Leben, das bedeutet: Unsere Innovationen müssen einen Mehrwert für die Menschen haben. Das wichtigste Ziel des automatisierten Fahrens, um ein Beispiel zu nennen, ist es, die Zahl der Verkehrstoten zu reduzieren. Da setzten wir an, um wirklich Menschenleben zu retten. Das treibt uns an.

Was sind momentan Ihre größten Investitionen in die Zukunft?

In den Bau des Halbleiterwerks in Dresden investieren wir rund eine Milliarde Euro. Das ist die größte Einzelinvestition in der Unternehmensgeschichte von Bosch. Außerdem investieren wir zum Beispiel in Schlüsseltechnologien der Zukunft wie die künstliche Intelligenz. In das Anfang 2017 gegründete Bosch Center for Artificial Intelligence fließen bis zum Jahr 2021 300 Mio. Euro.

Wie wird sich Ihre Branche in der Zukunft weiter entwickeln bzw. verändern?

Die digitale Vernetzung wird zu einem grundlegenden Wandel in allen Lebensbereichen führen. Dadurch verändert sich zum Beispiel auch die Automobilindustrie. Wichtig für uns als Unternehmen ist es, dass wir diesen Wandel aktiv mitgestalten.

Wie würden Sie Ihr Bild des Unternehmens der Zukunft beschreiben?

Das ist für mich ein Unternehmen, das einen klaren Purpose definiert und danach handelt. Das Unternehmen der Zukunft wird sich ganz zentral an den Bedürfnissen der Menschen orientieren und schnell und agil darauf reagieren.