Gastkommentar Warum Unternehmer den Zufall nutzen müssen

René Mauer ist Professor für Entrepreneurship und Innovation an der ESCP Business School in Berlin
René Mauer ist Professor für Entrepreneurship und Innovation an der ESCP Business School in Berlin
© Yvonne Ploenes
Nicht wenige Produkte, die aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken sind, verdanken wir dem Zufall – und dem Geschäftssinn ihrer Entdecker. Warum Unternehmer das Potenzial von Zufällen nutzen und wie sich ihnen die Tür öffnen lässt

Der schwedische Ort Jukkasjärvi hat dem Gründer Yngve Bergqvist mindestens genauso viel zu verdanken wie dem Zufall. Bergqvist in der Hinsicht, dass er das touristische Potenzial der Sommermonate in dem Ort erkannte. Für Tourismus im Winter jedoch, so beschreibt er es , traf er auf Bedenkenträger. Zu kalt, zu düster, Nordschweden im Winter eben.

Doch er ließ nicht locker und plante ein Projekt mit Eisskulpturen, inklusive einer Kunstgalerie aus Eis und Schnee für die Exponate in Form eines Iglus.

Und nun kommt auch der Zufall ins Spiel: Als eine Gruppe Menschen der kalten Winternacht zum Trotz im Ort bleiben wollte, sich aber keinen beheizten Hütten mehr fanden, bot Bergqvist kurzerhand an, in der Kunstgalerie selbst, dem Iglu, zu übernachten. Die Gäste mochten es. Das Icehotel war geboren.

Zufälle schaffen Potenziale aus dem Nichts

Yngve Bergqvist hat den Zufall als Freund akzeptiert: Aus einer zufälligen Entwicklung heraus hat er sein Potenzial erkannt. Es war nie sein Ziel, ein Icehotel zu bauen, aber als er erkannte, dass die Idee ankam, verfolgte er sie weiter.

Genauso erging es dem Post-it. Denn ursprünglich stand die Entwicklung eines Klebers im Mittelpunkt, der jedoch gar nicht so fest klebte, wie erhofft. Dieser Fehlversuch fand jedoch bei einem Kollegen des Kleber-Entwicklers Verwendung, der sich Stellen im Notenbuch seines Kirchenchors markieren wollte. Normale Zettel verrutschten, mit dem Kleber seines Kollegens passierte das nicht mehr – der Prototyp des Post-its war geboren .

Wie treten wir dem Zufall gegenüber?

Bergqvist hätte die Faszination der Iglu-Gäste auch als Einzelfall abtun können. Der Kirchenchor-Sänger hätte seine Klebe-Kreation auch für sich behalten können, weil sein Problem ja gelöst war. Beide entschieden sich jedoch für andere Wege. Wege, die unternehmerisch denkende Personen gehen.

Die entscheidende Frage, wenn unternehmerische Gründer und Mitarbeitende dem Zufall gegenübertreten, lautet also: Wird der Zufall angenommen und sein Wirken begrüßt oder wird er als Verunsicherung, als Abkehr vom eigentlichen Plan, zurückgewiesen?

Ausschlaggebend ist zunächst das Mindset, wie mit dem auftretenden Zufall umgegangen wird. Noch spannender ist allerdings die Frage, welches Verhalten an den Tag gelegt werden kann, um dem Zufall auf die Sprünge zu helfen.

Es wäre doch verlockend, wenn der Zufall häufiger oder doch zumindest im richtigen Moment anklopfen könnte. So könnte er doch jeder und jedem die nächste Geschäftsidee oder Innovation verschaffen.

Aber es ist der Eigenheit des Zufalls geschuldet, dass er eben zufällt und nur sehr begrenzt heraufzubeschwören ist. Klar ist: Den einen hilfreichen Zufall kann man nicht erzwingen. Aber unternehmerische Menschen können Zufällen die Tür öffnen. Und das wortwörtlich. Denn nur, wer sich exponiert, nur, wer sich für Kontakt und Austausch öffnet, wird den Zufall ermöglichen.

Effectuation als Türöffner des Zufalls

Radikale Innovation entstehen nicht in standardisierten Ideen-Funnels. Denn für radikale Innovationen gibt es keine Erfahrungswerte. Etwas radikal Neues lässt sich nicht mit bekannten Parametern bewerten und im Prozess begleiten. Stattdessen muss als Grundlage ein organisiertes Chaos hergestellt werden.

Die empirisch fundierte Effectuation-Methode aus der Entrepreneurship-Forschung konkretisiert diesen Ansatz: Statt aufwendig ausgewählte Teammitglieder auf Ideenentwicklung entlang festgelegter Abläufe zu schicken, sollte nur ein grober Rahmen, eine Mission bzw. Herausforderung vorgegeben werden, dem sich eine Gruppe intrinsisch motivierter Freiwilliger widmet.

Denn Effectuation folgt zwei großen Grundüberzeugungen.

Erstens: Alle relevanten Informationen für Innovationen stecken in den Menschen – es ist nur nicht klar, welche, und in wem und wie sie verknüpft werden müssen. Zweitens: In Momenten hoher Unsicherheit gelingen Vorhersage und Planung nicht. Das bedeutet, dass gerade zu Beginn eines Innovationsprozesses der kreative Freiraum möglichst groß sein muss. Um dann, bei mehr Wissen über das Projekt und sein Potenzial, strukturierende Tools schrittweise hinzuzuziehen.

Hätte Bergqvist einen Businessplan gleich zu Beginn aufgestellt oder Design Thinking genutzt – er wäre vermutlich nicht auf sein Icehotel gekommen. Stattdessen hat er jedoch den Zufall akzeptiert und eiskalt das Beste aus ihm gemacht. Ratsam ist es daher, häufiger mal den Zufall zum Mitarbeiter des Monats zu machen.

René Mauer ist Professor für Entrepreneurship und Innovation an der ESCP Business School in Berlin. Sein Spezialgebiet ist die unternehmerische Entscheidungsfindung in Venture- und Corporate-Kontexten. In Praxisprojekten hat er mit KMUs und größeren Unternehmen wie BASF, BMW und Deutsche Post DHL zusammengearbeitet. Zudem ist er Mitinhaber eines Familienunternehmens und u. a. am Expertennetzwerk Effectuation Intelligence beteiligt, dessen Partner er ist.


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