Kolumne Führungskräfte müssen ihr Menschenbild ständig hinterfragen

Markus Väth
Markus Väth
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Das Menschenbild ist die entscheidende Größe für eine Führungskraft. Es zu hinterfragen, muss Teil des Führungsalltags sein – damit wir in unserer Arbeitswelt Teil der Lösung werden – und nicht im Problem verharren

Ich muss etwas gestehen: Ich habe eine Marotte, die ich irgendwie nicht mehr abstellen kann. Bei den – wenigen – Zeitschriften und Zeitungen, die ich abonniert habe, werfe ich sofort alle Werbebeilagen weg. Bei den Zeitschriften reiße ich sogar die kompletten Beilagen raus. Ich habe seit Jahren eine Aversion gegen Werbung und versuche sie aus meinem Alltag zu verbannen, wo es nur geht.

Damit ich nicht missverstanden werde: Ich halte Werbung für einen wichtigen Teil der Wirtschaft. Werbung weist uns auf erhältliche, vielleicht sogar sinnvolle Dinge hin, die wir kaufen können und, wenn die Werbung gut gemacht ist, sogar kaufen wollen. Genau das ist bei Werbung leider oft der Knackpunkt, denn gut gemacht ist sie in den seltensten Fällen. Deshalb sind viele Menschen genervt von Werbung. Sie schalten in Filmpausen um, bauen Werbeblocker ein oder tun ihrem sorgfältig gedruckten Printmagazin Gewalt an – so wie ich.

Dabei gibt es geradezu geniale Werbung. Eine Bank warb vor einigen Jahren mit dem Spruch „Vertrauen ist der Anfang von allem“. Meiner Meinung nach könnten diesen Slogan 95 Prozent aller Menschen unterschreiben – eine gigantische Zielgruppe. Vertrauen brauchen wir in der Familie, in der Gesellschaft und natürlich auch bei unserer Arbeit. Vielen hässlichen Anekdoten in unserem beruflichen Alltag wohnt leider ein Moment des gebrochenen Vertrauens inne. Täuschung, Mikropolitik, Manipulation gehören zu unserem Alltag – womit wir bei der Causa Mathias Döpfner und der geleakten SMS an seinen (nun nicht mehr befreundeten) Kollegen Benjamin Stuckrad-Barre wären. Döpfner hatte seinen Mitarbeiter Julian Reichelt als „den letzten und einzigen Journalisten in Deutschland“ bezeichnet, der noch mutig „gegen den neuen DDR-Obrigkeitsstaat“ aufbegehre. Döpfner sah sich in einer Medienlandschaft voller „Propaganda-Assistenten“, worüber ihm offensichtlich die Lichter aus- und die Pferde durchgingen. Die Empörung musste raus, nur hätte er aus seiner überreichen Kontaktliste besser jemand anderen als Stuckrad-Barre zum Gesprächspartner gewählt.

Unterschiedliche Menschenbilder

Vertrauen war wahrscheinlich auch hier der Anfang, Verrat leider das Ende dieser Männerfreundschaft aus dem Medienbiotop. Das kleine Dramolett zwischen Döpfner und Stuckrad-Barre offenbart jedoch nicht nur unterschiedliche Auffassungen zum Thema Medienlandschaft, sondern eben auch zum Thema Vertrauen (darf eine private SMS veröffentlicht werden oder nicht?) und einen Dissens um grundlegende Menschenbilder.

Spätestens seit der Aufklärung glauben wir, unser Menschenbild sei „humanistisch“ oder in irgendeiner Form positiv aufgeladen. Edel sei der Mensch, hilfreich und gut. Wer möchte sich schon vorhalten lassen, ein Menschenhasser zu sein? Nur ist das mit dem positiven Menschenbild ein wenig verzwickter als gedacht. So ertappe ich immer wieder Führungskräfte dabei, ihre Mitarbeiter als überwiegend extern motiviert einzuschätzen („Die Meyer, die braucht einfach mehr Geld, dann marschiert die schon!“), während sie sich selbst eine innere Motivation zugute halten („Ich brauche Sinnerfüllung in meinem Job!“).

Während man sich selbst also eine moralisch höherwertige Position zuschanzt, weist man dem anderen einen niederen, „falschen“ Platz zu. Man selbst handelt richtig und in Abstimmung mit seinem Gewissen, während der andere einfach „noch nicht weit genug“ ist, um das moralisch Überlegene der eigenen Position zu erkennen. Stuckrad-Barre hätte ja mit Döpfner das Gespräch suchen können, bevor er ihn medial ans Messer liefert (eine gute Führungskraft hätte das getan).

Vertrauen ist nur bedingt der Anfang von allem

Mein Menschenbild beeinflusst in erheblichem Maße, wie ich anderen Menschen begegne und wie ich sie einschätze. Und es ist keineswegs so, dass Führungskräfte automatisch ein „humanistisches“ Menschenbild pflegen. Dieses geht zum Beispiel davon aus, dass Menschen nach Selbstverantwortung streben, nach Autonomie, nach Entfaltung, aber auch originale Geschöpfe sind, mit Körper, Geist und Seele ausgestattet. Und Menschen sind intensiv soziale Wesen, die auf Kooperation ausgelegt sind und die sich begegnen wollen.

Es gehört daher zu jeder vernünftigen Führungskräfte-Entwicklung, dass man sein eigenes Menschenbild hinterfragt. Damit man nicht in blinde Flecken hineinläuft. Damit man mit seinem Umfeld tragfähige Beziehungen aufbaut. Und damit man nicht in moralische Affekthandlungen hineinläuft, wie es bei Stuckrad-Barre der Fall ist. Denn Vertrauen ist nur bedingt der Anfang von allem. Mein Handeln als Führungskraft steht und fällt mit meinem Menschenbild. Das zu hinterfragen und aktiv zu formen sollte Teil unseres Führungsalltags werden – damit wir in unserer Arbeitswelt Teil der Lösung werden – und nicht im Problem verharren.

Markus Väthgilt als einer der führenden Köpfe der New-Work-Bewegung in Deutschland. Er ist Gründer und Geschäftsführer der auf New Work spezialisierten humanfy GmbH und Verfasser der New Work Charta, die sich für eine klare, humanistische und soziale Version von New Work einsetzt. Er hat mehrere Bücher zu New Work und Management verfasst und ist Lehrbeauftragter für New Work und Organisationsentwicklung an der Technischen Hochschule Nürnberg. Mit seinem Ansatz des Organisationscoachings begleiten er und sein Team Unternehmen in ihrer Transformation hin zu echtem New Work und einer neuen Arbeitswelt. Hier finden Sie weitere Kolumnen von Markus Väth


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