KolumneWarum ich Özil eine weiße Weste kaufe

Mesut Özil und Joachim Löw vor dem WM-Spiel der Nationalmannschaft gegen Südkorea
Mesut Özil und Joachim Löw vor dem WM-Spiel der Nationalmannschaft gegen Südkorea Getty Images

Der allgemeine Konsens scheint nun Özil zu sein. Ach, herrlich: Schuldigen gefunden, Problem gelöst. Dann können wir uns nun ja wieder wichtigeren Dingen widmen. Nur holte der politisch irrlichternde Özil dann zum Gegenschlag aus und es folgte eine Debatte über Integration und wer nun an deren offensichtlichen Versagen die Schuld trägt.

Mit Verlaub – das ist doch Quatsch. Nicht die grundsätzliche Frage, ob Integration funktioniert. Sondern zu glauben, eine einzige Person könnte für das Leid der Welt oder das Versagen einer Nation im Fußball verantwortlich sein.

Der schwarze Peter geht an …

Ich kann nicht sagen, dass es mich wundert, wie das ganze Debakel abgelaufen ist. In komplexen Situationen ist es immer der Weg des geringsten Widerstandes, sich einen Buhmann zu suchen. Denn dann kann das Denken aufhören. Und das ist bequem. Wir haben ja den Verantwortlichen ausfindig gemacht. Die ursprünglich weiße West von Özil ist nur noch bestenfalls grau und das Leben geht weiter.

Nun kann man in der WM-Diskussion noch anbringen, dass die daraus entstandene Debatte um Integration in Deutschland wichtig und richtig ist, aber auch hier bleibt die Frage: Wurde denn schon eine Lösung gefunden? Oder haben wir uns nicht alle wieder auf die Schulter geklopft, dass Bierhoff und Co. schuld sind und sind wieder unserer Wege gegangen?

Denken endete immer da, wo Probleme Gesichter bekommen. Leider nicht nur im Sport.

Auch die Wirtschaft ist ein Spielfeld

Auch in der Wirtschaft sucht Fußballdeutschland viel zu gerne nach den Autoren bestimmter Situationen! Nehmen Sie nur Christian Sewing. Als der Heilsbringer für die gebeutelte Deutsche Bank wurde er gehandelt. Mein Doktorvater bezeichnete dieses Denken schon damals als „strukturell unterkomplex“, also als doof und naiv. Denn es kann niemals ein Mensch für solch eine komplexe Rettungsaktion verantwortlich sein. Kausalität hat hier nichts verloren.

Die Suche nach einem Helden ist genauso verpuffte Energie wie die Suche nach einem Schuldigen. Natürlich sind diese hochgradigen Trivialisierungen medial anschlussfähig, aber erhellend sind sie nicht.

Der Erfolg oder Misserfolg der Deutschen Bank steht und fällt nicht mit Sewing. Er ist nicht der alleinige Autor der Geschichte. Genauso wenig wie das deutsche Fußballteam nur dank Manuel Neuer oder Toni Kroos gewinnt oder wegen Mario Gomez und Jerome Boateng verliert.

Weg mit den Kausalitäten

Ich warte sehnsüchtig auf den Tag, an dem deutsche Manager ihre Gebetsbücher aufschlagen und den Absatz streichen, immer eine schuldige oder verantwortliche Person finden zu müssen. Das erspart vielleicht auch unnütze Personalentscheidungen, nach denen sie sich zwar auf die Schulter klopfen können, nicht aber das eigentliche Problem erfasst haben.

Sie brauchen weder in Ihrer Organisation, noch bei der nächsten WM den einen richtigen Spieler als Held. Sondern viele gute Drahtzieher. Einen Trainer, der die Dynamiken und Passungen in einer Mannschaft versteht. Das kann vielleicht auch immer noch Joachim Löw sein. Der sieht die Komplexität in Situationen, auch wenn das dieses Mal im Detail nicht so ganz geklappt hat.

Und wenn der DFB es tatsächlich schafft, wieder ein Team aus Spielern und Trainer zu erzeugen, die gemeinsam am Erfolg arbeiten, dann können die Manager in Organisationen vielleicht auch mal in die komplexen Probleme ihres Unternehmens schauen – und nicht nach personifizierten Lösungen im schwarzen Anzug suchen.