KolumneWarum Führungskräfte in Krisenzeiten schreiben sollten

Lars Vollmer
Lars VollmerAndré Bakker

Dass Amazon-Chef Jeff Bezos vor einiger Zeit jegliche Powerpoint-Präsentationen in seinen Meetings gestrichen hat, das wussten Sie vermutlich schon. Was das aber mit den Augenbrauen meines Onkels zu tun hat – und warum sich hier ein Fingerzeig für krisengeschüttelte Unternehmen und ihre Entscheider ergibt –, das wissen Sie noch nicht.

Also wohlan: die Augenbrauen …

Haariges in der Hotellobby

Als ich noch jünger (und haariger auf dem Kopf) war, fand eine Familienfeier statt. Von weit her waren die verschiedenen Zweige des Vollmer-Clans zu diesem Anlass angereist – und so geschah es, dass ich in der Hotellobby von einem meiner Onkel eine Lektion in Sachen Führungskultur erhielt.

Es war einer dieser Momente, den Menschen in den Endzwanzigern so lieben. Wenn sie von Altvorderen mit sonoriger Stimme belehrt werden. Mein Onkel, den ich wirklich mag und sehr schätze, saß zu diesem Zweck in einem gewaltigen Ledersessel. Wenn diese Szene in dieser Hotellobby nicht so klischeehaft gewesen wäre, dann hätte ich sie erfinden müssen.

Er saß also in diesem gewichtigen Sessel und erzählte unter riesigen Augenbrauen herausschauend (denken Sie an Theo Waigel, dann sind sie auf der richtigen Spur) mit großer Geste davon, wie die Großen Business machen. Das gedämpfte Licht der Hotellobby ließ seine Stimme noch bedeutungsvoller erscheinen – dennoch fand ich damals, was er erzählte, antiquiert. Ein alter Zopf.

Mein Onkel erzählte von seiner Zeit in der Geschäftsführung eines der größten deutschen Traditionskonzerne und von den wöchentlichen Geschäftsführungssitzungen. Jedes Mitglied des höchsten Firmengremiums, das ein Thema für die Sitzung hatte, musste am Freitag der Vorwoche ein Memo zu diesem Thema einreichen. Das wurde dann an alle in der Geschäftsführung verteilt. Und es war selbstverständlich, dass jeder die Memos der anderen gelesen und sich auf das jeweilige Thema vorbereitet hatte. Der Einreicher musste also zu Beginn der Sitzung sein Thema nicht vorstellen, man konnte sofort zur Debatte kommen.

Und das führt mich zurück zu Jeff Bezos.

Mit Bulletpoints in den Untergang

Um Klarheit über eventuelle Probleme in seinem Unternehmen zu bekommen, war es sicherlich hilfreich, dass Jeff Bezos Powerpoint aus den Meetings verbannt hat. Ob Amazon wohl deswegen heute so gut dasteht? Moment, ich frage mal Alexa …

Aber zurück zum Punkt: Bezos’ Entscheidung fand ich so sinnvoll, weil wir vermutlich vor einer Krise stehen oder gar schon mittendrin. Kurzarbeit in der Automobilbranche, Zulieferer kürzen Stellen, von den Banken ganz zu schweigen … Wenn wir nicht mit klarem Blick die Probleme lösen, die den Kern dieser Krise ausmachen, ist Schicht im Schacht.