KolumneÜber Sinn und Unsinn von Fußballanalogien

Lars Vollmer
Lars VollmerAndré Bakker

Seit Dienstagabend ist es klar: Der Bundessegen hängt schon wieder schief. Nach Lockdown, Impfdesaster und Abrechnungsaffären jetzt auch noch die Niederlage gegen Weltmeister Frankreich. Uns droht trotz aufopferndem Kampf das erneute frühzeitige Aus bei einem großen Turnier. Na ja, eigentlich droht das Aus nur der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, aber gefühlt ist das fast das Gleiche. Fußball ist nun mal in vielerlei Hinsicht der beliebteste Sport in Deutschland.

Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass Fußballvergleiche und -analogien für alles Mögliche herhalten müssen. Sie haben seit Jahren bei uns Hochkonjunktur, ganz unabhängig davon, wie die Deutschen sich gerade international schlagen. Auch ich verwende sie gerne.

Daher dachte ich, ich nehme diese EM mal zum Anlass, mir Gedanken über den Sinn und Unsinn von Fußballanalogien zu machen. Beides trifft nämlich zu.

Zwei gute Gründe

Meiner Beobachtung nach gibt es zwei Gründe dafür, dass die Welt des Fußballs in Deutschland so ausgesprochen häufig für Zitate, Vergleiche und Analogien herhalten muss. Viel häufiger übrigens als in anderen Nationen, selbst in den ähnlich Fußball-verrückten.

Natürlich sind viele Sprüche schlicht ulkig („Der springende Punkt ist der Ball“ – Dettmar Cramer), aber der erste tiefere Grund ist, dass das Fußballspiel selbst so herrlich unpolitisch ist. Mit der Religion oder sonstigen Weltanschauungen kommen Sie damit auch nicht in Konflikt. Mit Fußball zu argumentieren, ist also weitgehend unverfänglich. Sie können sich höchstens für oder gegen einen Club aussprechen – aber bei den Allermeisten ist ja selbst diese Rivalität nur inszeniert und nicht wirklich ernst gemeint.

Der weitaus interessantere Grund aber ist: Fußball ist ein hochkomplexer Sport. Das heißt, es kann jederzeit auch das Gegenteil passieren („Ich bleibe auf jeden Fall wahrscheinlich beim KSC“ – Sean Dundee). Deshalb: Fußballanalogien stimmen immer. Vielleicht sind sie gerade deshalb in Politik und Wirtschaft so beliebt.

Richtig ist das Gegenteil

„Wer erfolgreich sein will, muss auch Risiken eingehen. Wer nicht den Mut hat, auch einmal zu verlieren, der spielt immer auf ein Null zu Null. Das bringt uns nicht weiter, das ist wie im Fußball.“ Das hat zum Beispiel Kasper Rorsted gesagt, damals CEO bei Henkel, jetzt bei Adidas. Und er hat Recht, dagegen kann man nichts sagen.

Und das Gegenteil ist auch richtig: Wer hinten ständig die Buden reinkriegt, wird es schwer haben zu gewinnen. Also ist auf „Null zu spielen“ auch eine erfolgsversprechende Taktik – nicht nur Otto Rehhagel kann Ihnen dazu einiges erzählen („Jeder kann sagen, was ich will“). Wie weit reicht also die praktische Aussagekraft dieser Analogie?

Unsinn ist das Gegenteil

Wo der emsige Fußballbeobachter Parallelen zum Managementalltag erkennt, lässt er sich eben schnell zu Handlungsempfehlungen hinreißen. Was da rauskommt, ist aber nicht selten Quatsch. „Auch bei uns im Unternehmen muss das Runde ins Eckige“ – ah ja! Was sollte das Eckige auch im Runden?

An solche Aussagen fühle ich mich oft erinnert, wenn ich die Leitbilder vieler großer Unternehmen lese: „Die Mitarbeiter stehen bei uns im Mittelpunkt“ – ah ja! Leitbilder sind dafür da, eine gewisse Handlungsorientierung zu bieten. Formulierungen, deren Gegenteil einfach nur Quatsch sind, bieten null Orientierung. Sie sind heiße Luft.

Nein, genau genommen sind sie deutlich schädlicher als heiße Luft, weil sie Erwartungen wecken, die sie nicht erfüllen können und die Mitarbeiter zu Business-Theater verführen („Im Fußball baut man dir schnell ein Denkmal, aber genauso schnell pinkelt man es an“ – Hans Meyer).

Oder doch ein Eigentor?

Dritte Möglichkeit: Sie können sich mit Fußballanalogien auch gekonnt ein – Achtung, Fußballanalogie – Eigentor schießen. So gehört von Sigmar Gabriel 2016, als sein SPD-Parteivorsitz wackelte: „Das ist wie im Fußball. Bei abstiegsbedrohten Vereinen wird immer über den Trainer diskutiert. Das ist nichts Unehrenhaftes.“ Diese Aussage ist an sich nicht falsch. Was er aber vergessen hatte, dazuzusagen: Dass die Trainer dann auch ganz häufig ausgetauscht werden. Und der Verein meist trotzdem absteigt. Genau wie seine Partei.

Verbieten sich also Fußballvergleiche von Haus aus?