FührungTalente fördern, nicht vergraulen

Statt Potenziale zu erkennen und zu fördern, lassen Führungskräfte Talente verkümmern und verlieren sie an die Konkurrenz.Getty Images

Wie das Frühjahr die Jahreszeit der neuen Liebe, scheint der Herbst die Jahreszeit für berufliche Neuanfänge zu sein. In meinem Bekanntenkreis wird fleißig gekündigt und neu gestartet – was dahinter steckt, hat dann aber auch ein bisschen was von Beziehungsstress.

Meine Freunde haben sich nicht alle einfach in einen neuen Arbeitgeber verliebt. Vor der Wonne kommt leider oft der angestaute Frust. Dass sie mit ihrem alten Arbeitgeber Schluss machten, lag nicht etwa an Avancen eines anderen, viel attraktiveren Nebenbuhlers. Es lief einfach nicht mehr gut. Und das hat nichts mit zu wenig Work-Life-Balance oder einem fehlenden Kicker im Pausenraum – ganz nach angeblicher Generation Y-Manier – zu tun.

Die Trennungsgeschichten:

Kathrin: „Meine Arbeit macht mir immer noch wahnsinnig viel Spaß, aber meine Vorgesetzten unterstützen meine jungen Kollegen und mich nicht bei der Umsetzung neuer Methoden. Das ist frustrierend und bremst unsere Erfolge.“ Der Ex-Arbeitgeber ist eine Interessenvertretung, beim umstrittenen Berufsfeld geht es um politische Bildung.

Anna: „Ich mag meine Arbeit, aber ich komme mit meinem Thema einfach nicht voran. Meine Vorgesetzten unterstützen mich zu wenig dabei, es in der Unternehmenskultur zu verankern.“ Der Ex-Arbeitgeber ist ein großer Konzern, der umstrittene Bereich die Digitalisierung.

Lukas: „Die Perspektiven, die mir mein Arbeitgeber aufzeigen kann, bieten keine Möglichkeiten zur inhaltlichen Mitgestaltung.“ Der Ex-Arbeitgeber ist eine politische Interessenvertretung.

Zu hohe Ansprüche oder fehlende Flexibilität?

Das Konfliktthema bei allen dreien also: Zu wenig Mitgestaltung. Obwohl die Beispielpersonen alle Anfang 30 und damit relativ jung sind, sind sie mit drei bis fünf Jahren Berufserfahrung keine absoluten Einsteiger mehr. Warum bieten ihre Arbeitnehmer ihnen also nicht mehr Gestaltungsraum? Liegt es an ihren (zu) hohen Ansprüchen oder bedarf es eines grundlegenden Mentalitätswechsels in deutschen Unternehmen – weg von starren Hierarchien, hin zu mehr Flexibilität und Mitgestaltung?

Partizipation ist nicht nur für die Jugend

Verschiedene Studien zeigen: Letzteres ist der Fall. Das Zukunftsinstitut hat herausgefunden, dass es gerade jungen Menschen zwischen 20 und 35 Jahren darum geht, bei der Arbeit etwas zu gestalten und bewirken zu können.

Doch Partizipation ist nicht nur für die Jugend: Viele Menschen möchten in ihrem Job wahrgenommen und gefördert werden. Der Gallup Engagement Index zeigt, dass die „Möglichkeit, das tun zu können, was man richtig gut kann“, auf Platz 3 der Erwartungen von Arbeitnehmern an ihr Unternehmen steht. Das Problem: Viele Führungspersonen wissen nicht einmal, was sich ihre Mitarbeiter wünschen, denn sie meiden das Gespräch. Und das führt – wie in jeder Beziehung – zu Frust, der angestaut zu innerlicher oder echter Kündigung führt.

Gesucht: Führungskräfte, die ihre Mitarbeiter zu schätzen wissen

Der Fehler liegt bei den Führungskräften. Statt Potenziale zu erkennen und zu fördern, lassen sie Talente verkümmern und verlieren motivierte Mitarbeiter an die Konkurrenz. Es fehlt an Grundlegendem: Ein wenig Kommunikationsbereitschaft und Offenheit für Neues.

Ist ein gewisses Frustrationslevel im Job nämlich erst einmal erreicht, muss als Alternative nicht mehr der neue Traumjob vor der Türe stehen: Kathrin gibt ihren alten Job – ausgeübt mit Leidenschaft und Idealismus – für einen neuen im Staatsdienst auf. Die Revolution muss warten, aber immerhin wird sie für ihre kreativen Ansätze geschätzt und hat jetzt mehr Handlungsspielraum. Anna tauscht einen bequemen, sicheren Arbeitsplatz bei einem Konzern gegen eine Befristung. Aber für das neue Unternehmen ist Digitalisierung kein Fremdwort, sondern Unternehmensphilosophie. Und Lukas nimmt für den neuen Job weniger Freizeit in Kauf, kann dafür aber selbst Strategien entwickeln und inhaltliche Schwerpunkte setzen.

Nein, für all diese Freunde brauchte es keinen kopfverdrehenden Traumjob – sondern einen soliden Partner, der ihr Potential erkennt und zu schätzen weiß.