InterviewEric Liedtke: „Wir sind stolz auf unsere Kundenbesessenheit“

Adidas-Markenchef Eric Liedtke
Adidas-Markenchef Eric LiedtkeAdidas


Wie bleibt man zukunftsfähig? Und wo bleiben dabei die Menschen? Wie wird die Zukunft der Arbeit gestaltet – und vor allem der Weg dort hin? Was treibt Unternehmenslenker um? Wenn Unternehmen sich neu erfinden müssen, um sicher auf Kurs zu bleiben: Was ist unverzichtbar? Stefanie Unger hat Strategen und Denker namhafter Unternehmen nach diesen und vielen weiteren Faktoren befragt – mehr auf www.zukunftsfähig.com.


Was hält Sie nachts wach?

Unser Output sind unsere Produkte. Wir sind ein produzierendes Unternehmen, und was mich nachts wach hält, das ist die Frage: Wie verbessern wir unseren Output? Der Output mag ein vom Kunden individuell gewünschtes Produkt sein. Es geht aber auch darum, wie wir eine Kultur des richtigen Verhaltens schaffen, um das Potenzial unseres wertvollsten Gutes freizusetzen, nämlich das Potenzial unserer Mitarbeiter. Für mich als Führungskraft ist das die erste, zweite und dritte Priorität zugleich.

Und wie erreichen Sie das?

Wir nennen es „die Kultur der drei Cs“: „creativity“, „collaboration“ und „confidence“. Eine Kultur ist niemals einfach vorhanden, und es ist die Aufgabe des Chefs, dafür zu sorgen, dass diese Kultur jeden Tag aufs Neue von der höchsten Hierarchie-Ebene abwärts mit Leben erfüllt wird. Richtiges Verhalten muss ebenso Konsequenzen haben wie schlechtes.

Wie finden Sie heraus, was sich Ihre Kunden wünschen, wonach sie suchen?

Wir sind stolz auf unsere Kundenbesessenheit. Die bedeutet, dass wir uns um den Kunden herum organisieren: Wir stellen ihn in den Mittelpunkt und ermutigen unsere Mitarbeiter, ihn so für uns zu gewinnen. Wir weisen unseren Managern spezifische Rollen zu. So haben wir einen Manager für Sport und Style, einen für Football, einen für den Bereich Fitness und so weiter. Jeder Einzelne von ihnen ist dazu aufgefordert, den Kunden zu gewinnen.

Von welchem Unternehmen können sie am meisten lernen und warum?

Die High-Tech-Welt hat mich immer schon angezogen. Als ich meine neue Rolle als Markenchef übernahm, gehörte es zu den ersten Maßnahmen, mit ein paar Bussen Google in Zürich zu besuchen. Einfach um etwas über ihre Kultur zu lernen. Es ging nicht darum, bessere Werbeflächen bei Youtube zu kaufen oder um die Suche nach einem Ansatzpunkt für andere vordergründige Optimierungen. Es ging darum, wie sie ihre Mitarbeiter stärken, wie sie cross-kulturelle Innovationen von Weltklasse etablieren.

Wer sollte in einem Unternehmen dafür verantwortlich sein, sich mit der Zukunft zu befassen?

Das ist eine große Frage, die sich nicht leicht beantworten lässt. Von meinem Standpunkt als CMO aus gibt es auf vielen Gebieten Menschen, die sich mit der Zukunft beschäftigen. Als Mitglied des Vorstands bin ich für globale Marken sowie in diesem Kontext für alles Kreative verantwortlich … hinsichtlich der Produkte, der Firmen etc. Daher muss ich mich gemeinsam mit meinem Führungsteam als meinem engsten Umfeld zumindest mit den nächsten fünf Jahren befassen. Wenn Sie sich die anderen Verantwortlichkeiten der Vorstandsmitglieder anschauen, dann haben Sie da einen CEO, einen CFO, einen Chief Sales Officer und sie haben einen COO. Naturgemäß kümmern die sich alle eher um das zeitnahe operationale Geschäft – vielleicht mit Ausnahme des CEO. Weil aber die Produktionspläne stets einen großen Vorlauf haben, müssen wir im Blick behalten, was als nächstes ansteht oder was irgendwann später noch auf uns zukommt. Ich beginne schon darüber nachzudenken, wie wir im Jahr 2025 dastehen müssen. Was erwartet der Kunde von uns, wenn wir die beste Sportmarke der Welt sind? Wenn wir heute das Jahr 2020 bereits in Sichtweite haben, was sind dann die Erwartungen für einen drei- bis fünfjährigen Sprint? Die Frage ist, wie wird unsere künftige Einnahmequelle aussehen, wenn sie heute zu 100 Prozent auf Shirts, Schuhen und Accessoires basiert? Sollten wir eine zusätzliche Quelle in Form einer Art Service-Mitgliedschaft einführen? Sollte das in Zukunft 20 Prozent unserer Bruttoeinnahmen ausmachen? Falls ja, woher kommt das dann? Das meine ich, wenn ich davon spreche, in die Zukunft zu schauen.

Wie lang- oder kurzfristig sollten wir die Zukunft planen?

Unterschiedlich. Vom Standpunkt der Produktentwicklung aus haben wir drei- bis siebenjährige Horizonte. Zudem haben wir auch noch eine Gruppe, die sich mit der ferneren Zukunft befasst, also über die Sieben-Jahres-Marke hinaus, aber gemäß des strategischen Businessplans schauen wir zyklisch fünf Jahre voraus. Aktuell befinden wir uns also in der Mitte unseres „2020“-Plans. Aber während ich vorausschaue, arbeiten wir schon am nächsten Fünfjahresplan. Alles jenseits von drei Jahren ist meiner Ansicht nach Kristallkugel-Territorium. Man kann vorausplanen und Dinge entwickeln, aber am Ende ist nichts wirklich konkret planbar, das mehr als drei Jahre voraus liegt. Du weißt es einfach nicht. Alles andere wäre naiv. In der heutigen Welt ändern sich die Dinge zu schnell.

Was bedeutet für Sie Erfolg und was werden Sie in Zukunft daran ändern?

Am Ende des Tages werden wir an unserem finanziellen Erfolg gemessen. Das ist das Spielfeld, auf dem wir uns bewegen. Wir sind eben nur ein Unternehmen, das Profit erwirtschaften soll. Wir sind Teil der Sportindustrie, also haben wir alle einen Sport-Hintergrund. Wir alle denken, dass Konkurrenz ziemlich cool ist, und wir wollen alle gewinnen. Wir definieren uns darüber, wie Leute uns wahrnehmen und was sie über uns sagen. Unter dem Strich bedeutet Erfolg für uns, die größte und beste Sportmarke der Welt zu sein.

Welche Eigenschaften wünschen Sie sich bei Leuten, die Sie einstellen wollen oder mit denen Sie arbeiten?

Ich will Leute, die Erfinder und Macher sind, die keine Angst davor haben, etwas zu zerstören, um es dann neu zu machen. Leute, die den erreichten Status quo ständig und immer wieder infrage stellen. Die Kerntugenden nach denen ich suche sind in erster Linie Authentizität, als wichtigster Charakterzug jeder guten Führungskraft, Empowerment der Mitarbeiter und Bescheidenheit.

Wo sehen Sie im Moment in Ihrem Bereich die größten Investments? Was sind Ihre größten Investments?

Wir investieren wie verrückt in den digitalen Wandel. Digital ist unser Ziel Nummer eins. Wir haben uns selbst Ziele gesteckt, um unseren E-Commerce-Handel bis zum Jahr 2020 von 1 Milliarde auf 4 Milliarden Euro zu bringen, und wir investieren aggressiv in alles, was die digitale Welt derzeit so bietet.

Wie würden Sie das Bild eines innovativen Zukunftsunternehmens beschreiben?

Es muss eine Organisation sein, die ihre Leute befähigt, den Verbraucher zu gewinnen. Das schafft nur ein agiles Unternehmen, das sich durch ein höchstes Maß an Kollaboration auszeichnet. Das sich selbst wirklich in Intervallen von nur 90 Tagen bewerten und anpassen kann. Dinge, die ich über die digitale Welt lerne und Dinge, die ich über die Welt lerne, in der wir leben – hier in Deutschland – sind weniger hierarchische Dinge. Es geht vielmehr darum, wendiger und agiler zu werden … und daran zu arbeiten, objektive Ergebnisse mithilfe einer Methodologie zu erreichen, die wir der digitalen Welt nachempfinden. Wenn man das verinnerlicht, dann kann man wirklich wendig und schnell vorankommen.

Wer oder was inspiriert Sie und welchen Einfluss hat das auf ihren Job?

Im Alltagsgeschäft muss es für unser Handeln ein Warum geben. Ich bin ein großer Fan von Simon Sinek, wenn es darum geht, was unser Warum ist. Und ich denke, wenn wir das wirklich durch Sport etablieren können, dann haben wir die Kraft, Leben zu verändern. Wir nehmen das sehr ernst, und das Schlüsselwort ist, dass WIR durch den Sport die Kraft haben, Leben zu verändern. Wenn ich nur eine einzige Person herausgreifen müsste, die das verkörpert, jemand Externen, dann würde ich sagen, das ist Howard Schulz von Starbucks. Aber ich würde auch sagen, dass ich von allen Leuten beeinflusst und inspiriert werde, die um mich herum großartige Dinge tun … die leben und gleichzeitig tun, was sie tun. Ob sie bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise helfen oder Kunststoffe aus dem Ozean filtern: Es gibt so viele Menschen, die großartige Dinge tun, um die Welt zu verbessern!