Aufmerksamkeitsökonomie Emotionen sind der stärkste Anlass zum Handeln

Niels H.M. Albrecht
Niels H.M. Albrecht
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Für eine gute Präsentation braucht es kein Powerpoint. Vom Film lässt sich lernen, wie man sein Publikum fesselt. Niels Albrecht erklärt, wie man die Zündstufen entfacht, um die Emotionen auf die richtige Flughöhe zu bringen

Steve Jobs hat sich selbst und andere immer radikal geführt. Wenn es um die schnelle Beurteilung ging, verfügte er meistens nur über zwei Kategorien: Liebe oder Hass. So war er Zeit seines Lebens in die eigene Apple-Werbung und seine Präsentationen verliebt. Dabei war er kein rhetorisches Naturtalent, doch er wollte die Menschen in den Bann ziehen und sie mit seinen Geschichten berühren. Darum steckte er viel Zeit und Hingabe in seine Vorträge und probte stundenlang seine Livepräsentationen. Er legte an alles die höchsten Maßstäbe an, und es durfte nichts zwischen ihm und seinem Publikum stehen – nicht einmal eine Folie.

Steve Jobs verachtete den Einsatz von Folien bei Vorträgen und ließ daran nie einen Zweifel aufkommen: „Ich hasse es, wenn jemand Präsentationen auf Folien macht, anstatt nachzudenken. Menschen, die wissen, worüber sie reden, brauchen kein Powerpoint.“ Damit hatte Jobs ein elementares Problem angesprochen. Die meisten Businesspräsentationen werden als nicht überzeugend und zielführend wahrgenommen. Dabei sind langweilige Powerpoint-Präsentationen kein deutsches Problem. Sie sind eine globale Seuche.

Aufmerksamkeitsökonomie: Emotionen sind der stärkste Anlass zum Handeln

Weltweit werden pro Tag rund 30 Millionen Powerpoint-Präsentationen gehalten, wovon laut einer Studie 84 Prozent als einschläfernd empfunden werden. 25 Millionen Präsentationen werden demnach sofort wieder vergessen. Es wird viel geredet, aber nichts gesagt. Es bleibt einfach nichts hängen. Damit ist es die reinste Zeitverschwendung. In der Geschäftswelt spricht man längst von einer Folienschlacht mit unzähligen Aufzählungszeichen und sinnentleerten Halbsätzen, wozu die Vortragenden eine Art „Powerpoint-Karaoke“ singen oder im schlimmsten Fall ihre Halbsätze dem Publikum noch vorlesen. 

Dabei muss eine Powerpoint-Präsentation nicht per se schlecht sein. Häufig wird vergessen, dass die erste Version der Präsentations-Software auf einem Macintosh-Computer lief. 1987 brachte Apple das Produkt auf den Markt, und noch im gleichen Jahr wurde es von Microsoft lizenziert. Bill Gates erkannte den massenhaften Einsatz dieser Software, und schnell wurde Powerpoint zum weltweiten Standard für Präsentationen. Apple hatte die eigene Entwicklung unterschätzt und Steve Jobs kämpfte gegen die Folienflut. Doch das eigentliche Übel lag woanders: Durch die wahllos aufeinander folgenden Folien wurde die Kreativität aus den Vortragssälen verdrängt. Immer der gleiche Vorgang: Der Beamer wird ausgerichtet, der PC hochgefahren. Und schon startet die bunte Powerpoint-Show. Im Mittelpunkt stehen nicht mehr die Redner:innen, ihre Ideen und Geschichten, sondern der Beamer.

Stellen Sie keine Technik zwischen sich und das Publikum. Suchen Sie wie Steve Jobs die Nähe zu den Menschen und beziehen sie diese mit ein. Trotz der Vermittlung von technischen Applikationen gelang es dem ehemaligen CEO von Apple, eine Atmosphäre wie am Lagefeuer zu schaffen. Bei jeder Präsentation liegt das Holz bereit. Es ist die große Kunst, es zu entzünden und die Menschen für eine Idee zusammenzuführen. Auch der Einsatz von Folien kann diese Wärme erzeugen. Wichtig ist, dass mit einer eigenen Bildsprache eine neue Perspektive eröffnet wird. Dabei können gut ausgewählte Bilder nicht nur den vorgetragenen Text unterstützen, sondern auch beide Gehirnhälften der Zuhörer:innen ansprechen. Eine eigene Bilderwelt kann die Verarbeitung des Inhalts erheblich erleichtern. So stimulieren Sie die Synapsen des Publikums. Wichtig ist, dass Sie den Text auf den Folien so weit wie möglich reduzieren. Die Menschen sollen nicht an den Folien, sondern an Ihren Lippen hängen.

Niels H. M. Albrecht: Kommunikationsmacht – Strategien der Aufmerksamkeitsökonomie, 480 Seiten, gebunden, 24,95 Euro, ISBN 978-3-98212-621-0, Blick ins Buch
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Der eigentliche Erfolg einer Präsentation entsteht durch ihren Aufbau. Die Dramaturgie Ihrer Geschichte muss ein klares Ziel verfolgen. Und das Ziel wird nur über einen gut gespannten Spannungsbogen erreicht. Zudem braucht Ihre Geschichte eine Kernaussage, die bei den Teilnehmer:innen im Kopf bleibt.

Genau hier lag die Stärke von Steve Jobs. Bei einer Feier der Universität Stanford hielt er 2005 eine bewegende Rede vor den frisch diplomierten Studierenden und gab ihnen seine Lebensempfehlung mit auf den Weg: „Lassen Sie sich nicht durch den Lärm der anderen Meinungen Ihre eigene innere Stimme ertränken. Und das Wichtigste, haben Sie den Mut, Ihrem Herzen und Ihrer Intuition zu folgen. Diese beiden wissen schon irgendwie, was Sie wirklich werden wollen. Alles andere ist sekundär.“ Und am Ende seiner Rede nahm er einen sehr persönlichen Rückblick vor, der zum Ausblick für die jungen Universitätsabsolvent:innen und ihn selbst wurde:

„Als ich jung war, gab es eine wunderbare Publikation namens ‚The Whole Earth Catalog‘, die eine der Bibeln meiner Generation war. Sie wurde von einem Mann namens Stewart Brand nicht weit von hier im Menlo Park geschaffen, und er erschuf sie mit seinem poetischen Touch. Dies war in den späten 1960er-Jahren, vor dem PC und Desktop-Publishing, daher war alles mit Schreibmaschinen, Scheren und Polaroid-Kameras gemacht. Es war eine Art Google in Taschenbuchformat, 35 Jahre bevor Google kam: Es war idealistisch, und überbordend mit nützlichen Werkzeugen und großen Ideen. Stewart und seine Mannschaft gaben einige Ausgaben des vollständigen ‚The Whole Earth Catalog‘ heraus, und dann, als es seine Zeit gesehen hatte, gaben sie eine letzte Ausgabe heraus. Es war Mitte der 1970er-Jahre, und ich war in Ihrem Alter. Auf der Rückseite ihrer abschließenden Ausgabe war ein Foto einer morgendlichen Landstraße. Jene Art, die Sie als Tramper erleben können, wenn Sie etwas abenteuerlich wären. Darunter waren die Worte: ‚Bleibt hungrig. Bleibt albern.‘ Es war ihre Abschiedsbotschaft, als sie aufhörten. Bleibt hungrig. Bleibt albern. Und genau das habe ich mir immer für mich selber gewünscht. Und jetzt, da Sie Ihr Diplom haben, um von Neuem zu beginnen, wünsche ich das für Sie: Bleibt hungrig. Bleibt albern.“

Diese Rede hielt Steve Jobs, als er mit dem Krebs kämpfte. Tag für Tag konnte sein Leben ein Ende finden. Doch die Rede war sein eigener Ansporn: Er wollte, dass die Jugend jeden Tag hungrig und albern bleibt. Und er selbst wollte dieser Losung folgen. Es war seine Therapie gegen den Krebs.

Steve Jobs war von seiner sehr persönlichen Botschaft überzeugt. Er brannte für sie. Emotional sprach er von seinen Erfahrungen, beruflichen Höhen und Tiefen und seinem Kampf um Leben und Tod. Der Funke sprang auf die Zuhörer:innen über. Jeder Satz war echt. Jeder Satz war authentisch. Er teilte Freud und Leid mit der Öffentlichkeit.

Viele Redner:innen mögen nichts Persönliches preisgeben; dabei erhöht gerade die Offenlegung des eigenen Erfahrungshintergrunds die Wirksamkeit. Das Charisma kann aus der grauen Masse hervortreten. Doch der wesentliche Erfolgsfaktor von Steve Jobs war, dass er nie eine fertige Lösung oder gar ein Produkt verkaufte, sondern eine Idee in den Raum stellte, die er als Geschenk anbot.

So auch bei „Bleibt hungrig. Bleibt albern.“ Beides kann man nicht vorschreiben oder verordnen. Es ist ein Angebot, das sich Steve Jobs auch selber unterbreitete und an das er sich hielt. Doch auch vor hungrigen und albernen Menschen macht die teuflische Krankheit keinen Halt. Sechs Jahre später, im Oktober 2011, starb Steve Jobs. Geblieben sind seine Botschaften und Präsentationen mit einer hohen Selbstoffenbarung, die ihn stets nahbar machten.

Wie emotional wollen und können Sie Ihre Zuhörerschaft ansprechen? Welche Botschaft haben Sie bei Ihrer letzten Präsentation hinterlassen?

Präsentationstechniken

Wenn Sie wirklich eine tolle Präsentation halten wollen, können Sie sich an Rudi Carrell orientieren. Der niederländische Entertainer, der seine größten Shows im deutschen Fernsehen hatte und von einem Millionenpublikum verehrt wurde, pflegte immer zu sagen: „Wer etwas aus dem Ärmel schütteln will, muss vorher was hineinlegen.“ Nach diesem Prinzip baute er seine unzähligen TV-Formate auf. Im ersten Schritt bedeutet dies harte Arbeit, die am Ende niemand sieht. Und genau das müsste auch Ihr Ziel sein. Niemand will die zahlreichen Schleifen, die Sie gedreht haben, erkennen. Es soll alles ganz leicht aussehen. Um das zu erreichen, nutzen Sie die besten Präsentationstechniken. Die erste und vielleicht härteste Übung ist die Reduktion: Verdichten Sie Ihre Story auf ein Minimum. Hierzu empfehle ich Ihnen die Pecha-Kucha-Technik.

Aufmerksamkeitsökonomie: Emotionen sind der stärkste Anlass zum Handeln

Pecha Kucha

Diese Präsentationstechnik, die „petscha-kutscha“ gesprochen wird, kommt aus dem Japanischen und ist ein lautmalerischer Begriff, welcher die Geräusche beschreibt, die entstehen, wenn viele Menschen reden. Sie wurde das erste Mal 2003 von den beiden Architekten Astrid Klein und Mark Dytham im Rahmen einer Designveranstaltung in Tokio angewendet. Sie versuchten, zu ihrem mündlichen Vortrag die passenden Bilder an die Wand zu projizieren, sodass ihr Publikum in kürzester Zeit in eine neue Welt eintauchen konnte. Bei dieser Technik gelten klare Regeln: 20 Bilder werden anhand einer Folienpräsentation jeweils 20 Sekunden eingeblendet und unterstützen die mündlichen Ausführungen.

Die Pecha-Kucha-Präsentation dauert somit genau sechs Minuten und 40 Sekunden. Hiermit endet auch die maximale Sprechzeit.

In diesem kurzen Zeitfenster haben die Vortragenden ihre Gedanken zu präsentieren und die Zuhörer:innen auf eine kleine Reise mitzunehmen. Die 20x20-Regel kommt gut an. Die Geschwindigkeit erzeugt Dynamik, und der Vortrag bleibt für die Zuhörer:innen kurzweilig. Pecha Kucha ist damit die härteste Form der Fokussierung. Allerdings muss man, wie bei allen radikalen Ansätzen, aufpassen, dass man keinen verkürzten Inhalt präsentiert, der sinnentleert erscheint.

Pecha Kucha führt uns jedoch zur zentralen Fragestellung, welcher Neuigkeitswert in diesem Zeitfenster vermittelt werden muss. Hierbei ist klar, dass man nicht alle Inhalte in dieser Zeit präsentieren kann – und doch hilft Ihnen die Methode: Wenn Sie diese Kurzform verwenden, können Sie in einem zweiten Schritt weitere Ergänzungen vornehmen, sodass Sie aus der 20x20-Technik eine vollständige Präsentation entwickeln. Denn die meisten Präsentationen leiden unter zu vielen Informationen und zu vielen Folien. Meistens geht erst der rote Faden, dann die Aufmerksamkeit und am Ende die Zustimmung des Publikums verloren. Das Lose-Lose-Prinzip setzt ein. Längst hat die Pecha-Kucha-Technik Einzug in die Wirtschaft gefunden. Viele Unternehmen versuchen so, die Informationsflüsse in internen Meetings und bei Veranstaltungen zu fokussieren und eine gleichberechtigte Zeiteinteilung vorzunehmen. Viel-redner:innen wird so der Stecker gezogen.

Bei den Vorträgen von Steve Jobs oder den vielen ausgezeichneten Redner:innen bei TED Talks, die Sie alle im Internet abrufen können, werden Sie schnell erkennen, dass viele unterschiedliche Präsentationsstile zum Erfolg führen. Das heißt, Sie müssen Ihren eigenen Stil finden. Hierbei gilt: Je authentischer Sie sind und je mehr Sie Ihre Persönlichkeit und Position darlegen, umso glaubwürdiger erscheinen Sie. Zeigen Sie ruhig Ihre Ecken und Kanten. Das Publikum mag keine oberflächlichen Rhetorikmaschinen, sondern Menschen, die Expert:innen auf ihrem Gebiet sind und ihre Schwächen und Niederlagen nicht verstecken müssen. Zusätzlich sollten Sie die elementaren Merkmale einer guten Präsentation beachten, damit auch Ihr Vortrag zu den weltweit fünf Millionen gehört, an die sich die Zuhörer:innen erinnern können.

Wenn Sie etwas über Präsentationen lernen wollen, müssen Sie sich nur vor den Fernseher setzen und die alten Shows von Rudi Carrell ansehen; oder noch besser, Sie gehen gleich ins Kino. In den beiden Genres werden alle Register einer erfolgreichen Präsentationstechnik gezogen, daher empfehle ich Ihnen einen Blick hinter die Kulissen. Nichts passiert dort aus Zufall. Es ist harte Arbeit, und Sie müssen sich fragen, welches Ass Sie aus dem Ärmel schütteln wollen.

Präsentations-Treatment

Eine Präsentation sollte wie ein Film entwickelt werden. Hierbei ist es egal, ob es sich um einen Spielfilm, Dokumentarfilm, Historienfilm oder um einen Naturfilm handelt. Den Inhalt bestimmen Sie. Entscheidend bei einer Präsentation sind, wie im Film, der richtige Aufbau, der erzeugte Spannungsbogen und der rote Faden innerhalb der Handlung.

Aufmerksamkeitsökonomie: Emotionen sind der stärkste Anlass zum Handeln

Ziel ist es, Bilder in den Köpfen der Zuhörer:innen zu verankern. Um all das zu erreichen, orientieren wir uns an dem Treatment der Filmindustrie. Das Treatment ist in der Filmbranche die Vorstufe zum Drehbuch. Anhand des Treatments wird entschieden, ob in ein Drehbuch und später in die Umsetzung des Films investiert wird. Die Treatment-Technik kann die Voraussetzung für eine gelungene Präsentation schaffen. Sie bietet Ihnen die Möglichkeit, aus einer Präsentation eine zusammenhängende Geschichte zu entwickeln. Das Treatment vor Ihrer Präsentation sollte die vollständige und dramaturgisch schlüssige Geschichte, die Sie erzählen wollen, vermitteln, ohne sich in der Tiefe der Details zu verlieren.

Stellen Sie sich vor, Sie sollen die Geschichte eines Films nacherzählen. Dann werden Sie versuchen, die wichtigsten Inhalte darzustellen. Ähnlich wie in einer Nacherzählung sollten im Treatment die Struktur, der Spannungsbogen und der rote Faden der Handlung erkennbar sein. So auch in der späteren Präsentation.

Mit dem Treatment-Aufbau wird die Erstellung einer Präsentation leichter, und Sie gewinnen Sicherheit, denn Sie haben alle wesentlichen Punkte durchdacht.

Niels H. M. Albrecht ist Leiter der DEACK – Deutsche Akademie für Change und Kommunikation. Der Speaker, Dozent und Buchautor berät Regierungen, Unternehmen, Stiftungen, Vereine und Kirchen in Veränderungsprozessen und Krisensituationen. Zuletzt hat er das Buch „Kommunikationsmacht – Strategien der Aufmerksamkeitsökonomie“ veröffentlicht. Daraus stammen die verschiedenen Kommunikationstools, die er in seiner 14-tägigen Kolumne auf Capital.de vorstellt. Mehr Infos zum Autor gibt es hier.


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