Interview„Ein Grexit ist die denkbar schlechteste Option“

DIW-Chef Marcel Fratzscher
DIW-Chef Marcel Fratzscher
© DIW Berlin/B.Dietl

Marcel Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin. Von 2001 bis 2012 hat er für die Europäische Zentralbank gearbeitet. 


Capital: Nach dem eindeutigen Ausgang des Referendums – wie groß sind die Chancen dass es doch noch eine Einigung mit Griechenland gibt?

Fratzscher: Es wird früher oder später zu einer Einigung kommen. Denn Griechenland wird in den kommenden Jahren nicht ohne weitere Hilfen Europas überleben können – mit oder ohne Euro. Je länger die griechische Regierung eine Einigung herauszögert, desto mehr Vertrauen wird zerstört, desto größer der Einbruch der Wirtschaft und desto schmerzvoller die Reformen. Damit wird Griechenland, je länger sich eine Einigung hinauszögert, immer mehr (und nicht weniger) abhängig von europäischer Hilfe.

Können der griechischen Bevölkerung überhaupt noch weitere Sparmaßnahmen zugemutet werden?

Die Frage ist nicht ob der griechische Staat Einsparungen vornehmen muss, sondern lediglich wie hoch diese Einsparungen sein müssen. Die griechische Regierung hat mit ihrem Verhalten das Land in eine perverse Situation getrieben: je länger sie eine Einigung herauszögert, desto stärker wird die Wirtschaft einbrechen und desto höher werden die Einsparungen sein müssen. Die griechische Regierung hat also nichts, überhaupt nichts, mit ihrer Verhandlungstaktik gewonnen, sondern das eigene Land an die Wand gefahren.

Die griechische Verwaltung scheint weiterhin in einem erbärmlichen Zustand, die Korruption tief in der griechischen Gesellschaft verankert. Hand aufs Herz: Macht es überhaupt Sinn, dass dieses Land weiter Teil der Eurozone ist? Oder sind die Unterschiede zum Rest einfach zu groß?

Ein Grexit ist keine Lösung für Griechenland, gerade weil die schlechten staatlichen Institutionen das größte Problem des Landes sind. Ein Austritt aus dem Euro und eine eigene Währung werden dieses Kernproblem nicht lösen, sondern eine Lösung nur noch unendlich viel schwerer machen. Es gibt keinen Automatismus, der Griechenland aus dem Euro drängen kann. Dies ist eine rein politische Entscheidung Athens. Ein Grexit ist und bleibt die denkbar schlechteste Option für alle, für Griechenland als auch für Europa. Ein Grexit wäre ein moralisches und wirtschaftliches Vergehen der griechischen Regierung an der eigenen Bevölkerung.

„Die größte Sorge macht mir Italien“

Wie groß wären die Ansteckungsrisiken bei einem Grexit für Länder wie Spanien und Portugal?

Wir dürfen das Risiko einer Ansteckung nicht unterschätzen. Diesen Fehler haben wir bei der Lehman Pleite 2008 gemacht. Wir sollten ihn nicht wiederholen. Die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung mag gering sein, die Kosten jedoch enorm. Die größte Sorge macht mir Italien, denn das Land hat mit 135 Prozent der Wirtschaftsleistung nicht nur eine exzessive Staatsverschuldung, sondern die Volkswirtschaft ist in den vergangenen sieben Jahren um zehn Prozent geschrumpft. Europa kann die Griechenland-Krise bewältigen, aber eine Krise Italiens wäre der Super-GAU für ganz Europa und gerade für Deutschland. Eine tiefe Rezession, gerade auch in Deutschland, wäre das Resultat.

Wieviel deutsches Steuergeld wäre weg bei einem Grexit?

Ein Grexit würde für Deutschland wesentlich teurer werden als wenn Griechenland im Euro bleibt. Deutschland hat knapp 70 Mrd. Euro an öffentlichen Krediten nach Griechenland vergeben – oder knapp 850 Euro für jeden Deutschen. Bei einem Exit müsste wohl ein großer Teil dieser Forderung abgeschrieben werden und damit deutlich mehr als wenn es nicht zu einem Grexit kommt.

Ganz konkret – wo sind eigentlich die Milliarden aus Europa für Griechenland genau hineingeflossen in den vergangenen Jahren? Tatsächlich vornehmlich in die Bankenrettung wie einige behaupten?

Die europäischen Rettungsgelder haben auch deutschen und französischen Banken geholfen ihre Verluste in Griechenland zu minimieren. Der größte Teil der öffentlichen Kredite ist jedoch dem griechischen Staat für laufende Ausgaben zugutegekommen. Dies zeigt, dass in Griechenland überhaupt nicht von einem Sparkurs gesprochen werden kann, denn der griechische Staat lebt nach wie vor über seine Verhältnisse.