InterviewSchmuck und sein Mehrwert

Mit der unverkäuflichen Unikate-Kollektion „Cosmora by Kim“ stößt die Juwelierkette Wempe in die internationale Spitze der Branche vor. Einzelstücke mit Edelsteinen aus aller Welt fertigte das Atelier in Schwäbisch-Gmünd schon immer, doch jetzt wurde erstmals ein thematisch rundes Projekt gestemmt, dessen ästhetische Komplexität und handwerkliche Brillanz sich hinter keinem internationalen Mitbewerber verstecken muss.

Zu zwölf Städten – darunter New York, Rio, Paris und Berlin – haben sich die Edelsteinschleifer, Steinfasser, Goldschmiede und Feinpolierer Ringe als Juwel gewordene Hommage gestaltet. Capital sprach mit der Chefin der Juwelierkette Kim-Eva Wempe.

Capital: Können Sie sich noch an ein ganz besonderes Schmuckstück erinnern, das Ihr Vater einmal Ihrer Mutter geschenkt hat?

Wempe: Da muss ich gar nicht überlegen: das Bettelarmband meiner Mutter. Sie war Stewardess bei Pan Am in New York und als mein Vater und sie sich kennenlernten, hat er es ihr geschenkt. Da hing ihr Flugzeug, eine DC-07, dran, ihr Pudel, eine Dschunke und über die Jahre kamen insgesamt 16 weitere Anhänger dazu, die mit ihren gemeinsamen Reisen und Interessen zu tun hatten. Ich würde es gern häufiger tragen, aber das Flugzeug pikst leider unangenehm am Handgelenk, wenn man den Arm irgendwo auflegt. Viele Anhänger davon trage ich daher an einer langen Kette.

Gibt es im gleichen Kontext einen Ring oder eine Kette, die Ihnen ihr Mann schenkte? Oder schenken Sie sich qua ihres Jobs und ihrer Berufung Schmuck selbst?

Als ich meinen Mann traf, der damals Musiker war, hat er mir einen Goldring geschenkt, den er am kleinen Finger trug. Das war wie die Lederjacke des Freundes tragen – einfach das Größte. Zur Hochzeit hat er mir dann aus dem Familienschmuck einen Ring mit einem großen Rubin in einer Ballerinafassung geschenkt. Er sagte dazu: „Kim, du wirst ihn wahrscheinlich nie tragen, aber trotzdem möchte ich ihn dir schenken, einfach symbolisch.“ Er hatte mit beidem recht: An meinem Finger war er seither nie, und hat doch einen besonderen Ehrenplatz, in der Mitte meiner Schmuckschatulle. 

Sie haben zwei Kinder im Teenageralter: Schenken Sie denen Schmuck? Vielleicht ein ganz besonderes (Erb-)Stück, über das Sie uns etwas mehr erzählen können?

Beide haben natürlich aus Tradition ein Namensbändchen bekommen, noch im Babyalter, wie man auch eine Zahndose schenkt und für sie aufhebt. Von meinem Vater hat seine Enkelin zum 15. Geburtstag ihr erstes goldenes Schmuckstück bekommen, einen Ring aus der Serie „Hellioro“. Da mein Mann mit seinem Lederlabel Pirate Style auch Schmuck macht, viel rockiger natürlich, ist auch mein Sohn, der 18 wird, bestens versorgt.

Der San-Francisco-Ring aus der „Cosmora-by-Kim“-Kollektion
Der San-Francisco-Ring aus der „Cosmora-by-Kim“-Kollektion
© Wempe

Welche praktischen Tipps können Sie Männern bei der Auswahl von Schmuck als Geschenk für ihre Frau oder Freundin geben. Womit liegt Mann meist richtig, vor welchen Stücken ist Vorsicht geboten?

Ich glaube, viele Männer glauben wenigstens zu wissen, welchen Schmuck oder welche Uhr die Frau oder Freundin mag. Beim Zeitmesser gehen sie oft von ihrer eigenen Lieblingsmarke aus und Sie kriegt dann ein kleineres oder reicher verziertes Modell. Gefragt haben die meisten Herren die Angebetete jedoch nie und sie sind ziemlich unsicher, wenn wir im Geschäft dann doch mal genauer nachfragen. Mir geht es da nicht anders, beispielsweise habe ich meinem Mann schon einige Rollkragenpullover aus Kaschmir geschenkt, die er nie angezogen hat. Ich liebe Männer im Rolli, er findet nichts schlimmer.

Also hilft es, die Frau des Herzens einmal ganz genau anzuschauen und über ihre Vorlieben mehr zu erfahren: Welche Farben trägt sie in der Mode? Sind ihr filigrane Kreationen lieber als Statement-Stücke? Wie sieht ihr selbst gewählter Schmuck aus, mag sie vielleicht gar keine Kette am Hals haben oder wünscht sie sich nach zahlreichen Modeschmuckstücken auch mal ein echtes? Bleibt sie beim Schaufensterbummel eher bei Platin oder Roségold stehen? Und so fügt sich Stück für Stück ein Mosaik zusammen, mit dessen Teilchen ein Mann dann zum Juwelier seines Vertrauens gehen und sich gezielt beraten lassen kann. Eines verspreche ich Ihnen: Hat er sich diese Mühe gemacht, um wirklich etwas zu finden, was ihren Geschmack trifft, wird sie sich mindestens doppelt freuen. Weit mehr, als wenn er nur ins Geschäft geht und sagt: „Einen Ring mit großem Stein für um die 5000 Euro, bitte …“

Und welche Preziosen lassen Männer oft zu Unrecht „links“ liegen?

Junge Männer sind extrem vorsichtig mit Ringen, auch wenn die zu unseren Bestsellern bei von Männern gekauften Geschenken gehören. Weniger aus Angst, er könnte nicht passen, sondern weil er unter Umständen (zu) viel bedeuten könnte. Leider sind Frauen wie Männer noch immer bei Farbsteinen etwas zögerlich, was mich besonders betrübt, denn die sind meine große Leidenschaft! Woran das liegt, weiß ich auch: Kunden haben das Gefühl, dabei im Gegensatz zum Diamanten den Wert nicht wirklich einschätzen zu können. Viele haben schon von den Qualitätskriterien Cut, Color, Clarity gehört, dann natürlich von Karat. Doch bei bunten Edelsteinen  kennt man halt rasch nicht mal mehr den Namen.

Mein Rat: Einfach schön finden und fragen, da tut sich ein fantastisches Schmuckuniversum auf! Ihre Frau trägt gern Grün? Sicher, da kommt ein kostspieliger Smaragd in Frage – aber eben auch ein Turmalin, ein grüner Prasiolith und viele weitere. Auch Perlen haben übrigens völlig zu Unrecht unter der Assoziation „altbacken“ zu leiden. Dabei gibt es auch in diesem – übrigens extrem wertstabilen Schmuckgenre – traumhaft moderne Designs zu entdecken. Ich erwarte hier definitiv ein Comeback.

Der Hanburg-Ring aus der „Cosmora-by-Kim“-Kollektion
Der Hanburg-Ring aus der „Cosmora-by-Kim“-Kollektion
© Wempe

Wie verändert sich der Schmuckgeschmack einer Frau eigentlich über die Jahre? Werden aus Ihrer Erfahrung zum Beispiel die Stücke eher größer, Steine bunter oder Uhren wichtiger?

Der Schmuckgeschmack wächst im Allgemeinen mit dem eigenen Budget. Ich habe mir selbst beispielsweise einen Ring mit einem tropfenförmigen Diamanten geschenkt – zum 40. Geburtstag und als Belohnung für eine sehr erfolgreiche Zeit mit reichlich harter Arbeit. Das hätte ich mit 20 völlig übertrieben gefunden. Viele Frauen aber bleiben sich ihrer Materialvorliebe treu, zum Beispiel der Goldton oder ob sie lieber Ringe, Ketten, Armbänder oder ähnliches mögen. Ihr Leben lang. 

Wie wichtig ist Schmuck eigentlich als Business-Status-Symbol für eine Frau? Herren tragen in Meetings oder zum Golfen mit dem Chef auch nicht irgendeine Uhr, da steckt oft zur Leidenschaft auch noch Taktik dahinter. Agieren Sie bei der Wahl ihres Schmuckes oder einer Uhr mitunter auch strategisch? 

Wir haben mal eine Werbung mit dem Slogan „Belohnen Sie den Menschen, dem Sie am meisten zu verdanken haben: Sich selbst.“ Das trifft auf Männer ebenso wie Frauen zu. Nicht immer auf ein Geschenk warten, sondern sich einfach mal etwas gönnen. Und die Klaviatur der Statussymbole beherrschen wir Frauen zweifellos ebenso gut wie die Männer, ob im Business, wo es eben auch Schmuck und Uhren gibt, die Autorität oder Position unterstreichen, oder privat. Nicht umsonst bringt der Kauf eines Verlobungsrings amerikanische Männer mittlerweile schier um den Verstand. Wer will schließlich der Grund sein, dass die Zukünftige ihre Hand verschämt in der Kostümtasche lässt, weil sie sich schämt, vor Freundinnen nicht mit mindestens einem Einkaräter aus einem roten oder türkisfarbenen Etui glänzen zu können.

Der Peking-Ring aus der „Cosmora-by-Kim“-Kollektion
Der Peking-Ring aus der „Cosmora-by-Kim“-Kollektion
© Wempe

Sie reisen viel für die außergewöhnlichsten Steine, da geht es bei Zielen wie Brasilien sicherlich auch mal abenteuerlich zu. Können Sie uns eine Anekdote hinter einem der Steine erzählen, die in der neuen „Cosmora by Kim“-Kollektion zum Einsatz kamen?

Ich werde nie vergessen, wie wir auf Maultieren in eine brasilianische Mine geritten sind. In der größten Hitze und vielleicht nicht völlig dem Anlass entsprechend kernig gekleidet. Aus dem Schnappschuss unseres „Höllenritts“ wurde später eine schreiend komische Weihnachtskarte unserer PR-Abteilung.

Welche Steine sind Ihnen die Liebsten – von der Farbe her, vom Cut?

Das sind Mandarin-Granate, die leuchten wie der schönste Sonnenuntergang just ehe der Feuerball am Horizon versinkt. Schade nur, dass mir die Farbe nicht sonderlich steht an Hand oder Hals. Also sammle ich die wunderschönen Steine ungefasst.

Was macht Schmuck auch im Zeitalter der kompletten Digitalisierung, der Apps und Smart Watches zu einem ungebrochen begehrlichen Präsent? Worin liegt für Sie persönlich seine Magie?

Die mechanische Uhr hat ihre rein praktische Funktion als Zeitmesser erst an Digitalziffern Handy & Co. abgeben müssen, um als begehrtes Objekt, als Königsdisziplin der Handwerkskunst wiederentdeckt und geschätzt zu werden. Dem Schmuck ist das so nie passiert – und er ist natürlich ungleich älter. Seine Symbolmacht hat alle Kulturen bestimmt: von Geschenken an Könige und Kaiser, dem Kuss des Papstes bis zu Siegelringen und okkulten Ritualen. Nicht nur für J.R.R. Tolkien steckte viel Macht und Emotion in einem Ring, der sentimentale Wert eines Schmuckstückes ist unschätzbar.