AnleihenWie der anhaltende Nullzins den Markt verändert

EZB-Chef Mario Draghi (3.v.l.) bei der Pressekonferenz in Vilinius
EZB-Chef Mario Draghi (3.v.l.) hält an der Nullzinspolitik der Notenbank festEuropean Central Bank / Flickr.com (CC BY-NC-ND 2.0), Link

Sieben Jahre währt die Durststrecke für Anleihekäufer nun schon. Mit der Mission, den Euro zu retten, hatte die Europäische Zentralbank (EZB) im Jahr 2012 begonnen, immer mehr Geld in Umlauf zu bringen. Billiges Geld, für das die Währungshüter die Leitzinsen Jahr für Jahr weiter senkten. Seit drei Jahren liegen die Zinsen nun auf Nullniveau – und das wird sich auch so schnell nicht ändern. Bis Mitte 2020 wolle sie die Leitzinsen nicht anrühren, verkündete die EZB kürzlich nach ihrer Ratssitzung in Litauens Hauptstadt Vilnius. Bisher galt diese Frist nur bis Ende des Jahres. Für Besitzer von Bonds ist das freilich keine schlechte Nachricht. Schließlich erhöht sich der Wert ihrer Anleihen, wenn neu herausgegebene Papiere kaum Rendite abwerfen. Anleihekäufern hingegen dürften die Zeiten restriktiver Geldpolitik inzwischen vorkommen wie eine weit entfernte Oase in der Wüste.

Notenbankchef Mario Draghi begründete die Entscheidung der EZB mit zunehmend pessimistischen Wirtschaftsaussichten. Zwar fällt das Wirtschaftswachstum seit Anfang des Jahres vielerorts besser aus als erwartet, doch Unsicherheiten wie der Brexit und der Handelskrieg zwischen China und den USA böten weiterhin konjunkturelle Risiken. „Wir sind weit entfernt von Normalisierung, weil die Welt und die Herausforderungen weit davon entfernt sind, normal zu sein“, befand Draghi. Dies rechtfertige eine Verlängerung der Niedrigzinspolitik.

Keine Anzeichen für eine Deflation

Für viele Experten kam die Ankündigung der Notenbank nicht überraschend. „Der Kollaps der Rendite auf deutsche Staatsanleihen in den vergangenen Wochen signalisierte ja, dass sich die Märkte nicht um mögliche Zinserhöhungen sorgen, sondern ganz im Gegenteil eine weitere Zinssenkung als wahrscheinlicher erachten“, sagt Wolfgang Bauer, Fondsmanager bei M&G Investments. Die Nachfrage nach risikoarmen Staatsanleihen dürfte angesichts der Verschärfung des Handelsstreits dennoch solide bleiben, heißt es im aktuellen Investment-Kompass der Deka-Bank. „Darüber hinaus profitierte die Nachfrage insbesondere nach langlaufenden Papieren in den vergangenen Monaten vom deutlichen Rückgang der Inflationserwartungen“, schreiben die Analysten.

Tatsächlich zeigte sich EZB-Präsident Draghi bei der Sitzung in Vilnius besorgt über die niedrigen Inflationsprognosen. Allerdings sieht er keine Anzeichen für eine Deflation. Im Deka-Bericht ist sogar davon die Rede, dass die Inflationsraten bald wieder moderat steigen könnten, weil sich der Abwärtstrend der Erwartungen nicht mehr allzu weit fortsetzen dürfte. Die EZB hatte die Inflationsprognose für das aktuelle Jahr zuletzt leicht angehoben – von 1,2 auf 1,3 Prozent.

Inflationsrate der Eurozone


source: tradingeconomics.com

Sollten sich die makroökonomischen Risiken weiter verschärfen, sei der EZB-Rat bereit, „alle Instrumente einzusetzen, die im Werkzeugkasten liegen“, kündigte Draghi an. Tatsächlich ließ der Notenbankchef durchblicken, dass die EZB angesichts makroökonomischer Risiken sogar eine weitere Senkung des Einlagenzinses für Banken diskutiert. Auf Einlagen von Bargeld bei der EZB müssen Banken inzwischen einen Negativzins von minus 0,4 Prozent zahlen. Laut Notenbankchef Draghi habe dies der Profitabilität der Banken bisher nicht geschadet – ob das für die Zukunft gelte, sei aber unklar. Auch weitere Anleihekäufe seien möglich, wenn sich die Konjunkturaussichten weiter verschlechtern. Davon sei jedoch erst einmal nicht auszugehen, sagt Daniel Hartmann, Chefökonom bei Bantleon. „Wir gehen unverändert von einer konjunkturellen Aufhellung in diesem Jahr aus. Die Notenbank dürfte daher bald wieder auf den Kurs der geldpolitischen Normalisierung zurückkehren und von zusätzlichen Lockerungen absehen.“