KlimaschutzVon der Leyen braucht für ihren „Green Deal“ die Finanzbranche

Ursula von der Leyen hielt im Juli eine Grundsatzrede im Europäischen Parlament
Ursula von der Leyen hielt im Juli eine Grundsatzrede im Europäischen ParlamentFlickr.com / European Parliament (CC BY 2.0), Link

Noch kann Ursula von der Leyen mit ihrer Arbeit als EU-Kommissionspräsidentin nicht beginnen. Doch Gedanken darüber, wie sie die ersten 100 Tage im Amt angehen will, hat sie sich schon früh gemacht: „Ich will, dass Europa der erste klimaneutrale Kontinent der Welt bis 2050 wird“, sagte sie in einer Rede vor dem Europäischen Parlament im Juli. Auf die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union (EU) kommen damit einige Veränderungen zu – unter anderem soll der Kohleausstieg forciert, Wohnungen energieeffizient saniert und das europäische Emissionshandelssystem ausgeweitet werden. Von der Leyens sogenannter „Green Deal“ ist ein Mammutprojekt: Die EU-Kommission schätzt den jährlichen Investitionsbedarf auf etwa 180 Mrd. Euro. Für Kommissionsvizepräsident Frans Timmermanns, der die Pläne bis 2020 ausarbeiten soll, stellt sich daher eine zentrale Frage: Wie finanziert man dieses Vorhaben?

Ohne Unterstützung aus der Finanzindustrie wird der Wandel zu einem klimaneutralen Europa nicht funktionieren. Davon ist Dieter Aigner, Geschäftsführer der Raiffeisen KAG, überzeugt. „Die Finanzindustrie kann und muss einen substanziellen Beitrag zur Erreichung dieses Ziels leisten, sonst wird man diesen Bedarf nicht stemmen können“, sagte er Mitte Oktober auf einer Raiffeisen-Veranstaltung in Wien. 2600 Asset Manager hätten inzwischen die „Principles for Responsible Investment“ (PRI) der Vereinten Nationen unterzeichnet und sich damit dem verantwortungsvollen Investieren verschrieben. „Diese Unterzeichner verwalten fast 100.000 Mrd. Dollar Assets under Management“, sagt Aigner. Die Mittel seien also vorhanden.

Welche Investments sind wirklich grün?

Tatsächlich wird die Finanzierungsszene immer grüner, stellt die Beratungsgesellschaft Capmarcon fest: In den ersten neun Monaten dieses Jahres betrug das Volumen grüner Finanzierungen weltweit 160 Mrd. Euro – das ist bereits mehr als je in einem Gesamtjahr zuvor. Vor allem Vermögensverwalter, Finanzdienstleister und Geschäftsbanken verzeichneten einen starken Zuwachs an klimafreundlichem Engagement: Ihr Anteil an grünen Finanzierungen stieg um 16,5 Mrd. Euro auf insgesamt 43 Mrd. Euro.

Die Herausforderung: Noch fehlt es an klaren Kriterien, welche Investments wirklich grün sind. Dazu braucht es eine einheitliche Taxonomie, eine einheitliche Definition für den Nachhaltigkeitsbegriff also. Zwar orientieren sich viele Fondsmanager bei ihrer nachhaltigen Anlagestrategie an den sogenannten ESG-Kriterien (Environment, Social, Governance) – kürzlich führte etwa die DWS ESG-Kriterien bei ihren Geldmarktfonds ein. Jedoch ist nicht gesichert, dass jede Fondsgesellschaft ökologisches und soziales Engagement gleich bewertet. Neben einer eindeutigen Taxonomie zählt deshalb auch Transparenz über die jeweilige Anlagestrategie. Nur so lässt sich gewährleisten, dass Investorengeld auch in tatsächlich nachhaltige Unternehmen und Projekte fließt – und damit zur Klimaneutralität der EU beiträgt.

Investoren sollten Einfluss auf Unternehmen nehmen

Auch andere Maßnahmen könnten dazu beitragen, Anleger zu nachhaltigem Investieren zu motivieren. Der Fondsanbieter Vontobel etwa will Investoren plastisch vor Augen führen, welchen positiven Einfluss ihr angelegtes Vermögen hat: So stellt die Vermögensverwaltung zum Beispiel dar, dass eine Investition von 1 Mio. Euro in den nachhaltigen Vontobel-Fonds die Bereitstellung sauberer Energie für 475 Menschen für ein ganzes Jahr bedeutet.

Und die Finanzbranche kann noch mehr tun, um den „Green Deal“ zu forcieren: Statt nur zu entscheiden, in welche Unternehmen sie investieren oder nicht, sollten Portfoliomanager aktiv mit ihnen in Kontakt treten „oder die mit Aktien verbundenen Stimmrechte ausüben“, sagt Aigner von der Raiffeisen KAG. Man müsse hinterfragen, welche Rolle soziale Verantwortung und Nachhaltigkeit in einer Firma spielen. Durch Gespräche oder die Stimmrechtsausübung könnten Vermögensverwalter die Unternehmen zu mehr Transparenz oder gar einer Strategieänderung bringen.