InterviewWarum ETFs den Corona-Crash verkraftet haben

Börsencrash: Weltweit sind im März die Kurse an den Aktienmärkten abgestürztdpa

Enrico Bruni

Mit der wachsenden Bedeutung von börsengehandelten Indexfonds (ETF) haben in der Vergangenheit auch die Warnungen vor deren Risiken zugenommen. Doch diese waren möglicherweise überzogen. Denn als im die Kapitalmärkte wegen der sich rasch ausbreitenden Corona-Pandemie im Februar und März in die Knie gingen, hielt nicht nur die Marktinfrastruktur insgesamt stand, auch der ETF-Handel funktionierte recht reibungslos. Warum die Investoren während des Crashs sogar noch stärker die zuvor als kritisch betrachteten Anleihe-ETF ansteuerten, erläutert im Interview Enrico Bruni, Europa- und Asienchef der Handelsplattform Tradeweb.

„Wir sind ein börsennotierter Betreiber von Online-Marktplätzen für Finanzprodukte“, beschreibt er die Tätigkeit des Unternehmens. Wobei gesagt werden muss, Tradeweb ist ein voll regulierter Handelsplatz und spielt auf Augenhöhe mit traditionellen Börsen wie der London Stock Exchange (LSE) oder der Deutschen Börse. Im Mai wurden auf den Plattformen von Tradeweb nach Firmenangaben im Tagesdurchschnitt 791,7 Mrd. Dollar umgesetzt, ein Plus von 7,2 Prozent gegenüber dem Vorjahrsmonat. Dennoch hat sich das Geschehen ein wenig beruhigt, im März lag der durchschnittliche tägliche Handelsumsatz mit Aktien, ETF, Anleihen, Derivaten und Geldmarktprodukten noch bei gut 1 Billion Dollar pro Tag. Das war rund ein Drittel mehr als im Jahresschnitt 2019.

„Dies ist keine Finanzkrise, sondern eine öffentliche Gesundheitskrise“

Enrico Bruni

Über die Risiken der zunehmend bei institutionellen wie privaten Anlegern beliebten passiven Anlageprodukte gibt es seit Jahren Kontroversen. Diejenigen, die vor Risiken warnen, stellen insbesondere auf das Thema Liquidität ab: Ein ETF könne nicht liquider als die von ihm abgebildeten Vermögenswerte – also etwa Aktien oder Anleihen – sein, so die Argumentation. Dies gelte insbesondere für Unternehmensanleihen oder risikoreichere Rentenprodukte wie Hochzinsanleihen. Der Handel mit ihnen wird nur zu einem geringen Teil an regulierten Börsen abgewickelt und erfolgt stattdessen bilateral zwischen Banken und Brokern. Doch wenn nur geringe Anteile einer Anleihe börsengehandelt werden, so könnte es zu einem Preissturz kommen, wenn ein ETF in großem Stil abgestoßen wird.

Doch als im März die Märkte abstürzten, sind Bruni zufolge im ETF-Handel keine gravierenden Probleme zu beobachten gewesen. „Es ist ganz klar, dass die Marktinfrastruktur verlässlich und konsistent während der Zeit höchster Unsicherheit funktioniert hat“, sagt Bruni. „Dies ist keine Finanzkrise, sondern eine öffentliche Gesundheitskrise.“ Die Erwartungen an die strengere Regulierung der Handelsplätze – in Europa durch die Mifid II-Regeln – habe sich bewährt. „Die Märkte blieben transparent und Investoren geschützt, das ist wichtig in Stresszeiten.“

Stark erhöhtes Umsatzvolume

Allerdings, zu spüren war der Crash schon – und zwar an den so genannten Spreads. Sie geben den Unterschied zwischen Kaufbereitschaft („Geld“ oder „Bid“) und Verkaufsbereitschaft („Brief“ oder „Ask“) an. Je größer die Differenz ist – im Marktjargon: Je weiter der Spread ist – desto illiquider ist typischerweise ein Finanzprodukt. „Bei den ETF weiteten sich die Spreads im März aus“, berichtet Bruni. „Dies war aber konsistent mit der Ausweitung der Spreads bei Rentenprodukten, gleiches gilt für Aktien.“ Außerdem deuteten alle Daten – Tradeweb beobachtet etwa die Dauer für die Abwicklung eines Trades – vor der Intervention der Notenbanken auf „einen Liquiditätsengpass bei Unternehmensanleihen“ hin.

Insgesamt verzeichnete Tradeweb wie andere Börsenbetreiber auch, auf dem Höhepunkt der Krise, ein stark erhöhtes Umsatzvolumen. Bruni spricht von einem „substanziellen Anstieg“, der sich im April und Mai wieder etwas beruhigt hat. Auf hohem Niveau geblieben sei allerdings der ETF-Handel. Im ersten Quartal lag der tägliche durchschnittliche Umsatz von in Europa und USA börsennotierten ETFs bei 9,2 Mrd. Dollar, das war mehr als doppelt so viel wie im Vorjahresquartal. Im Mai waren die Volumina zwar niedriger, aber mit 3,8 Mrd. Dollar (USA) bzw. 1,6 Mrd. Dollar (Europa) noch immer 60,6 bzw. 5,1 Prozent über dem Vorjahresmonat.

Run auf Anleihe-ETFs

„Wir sahen ein substanzielles Wachstum beim Handel mit ETF“, berichtet Bruni. „Relativ gesehen gab es den größeren Anstieg bei Anleihe-ETF.“ Bruni zufolge entfielen im April 46 Prozent des ETF-Handels auf Rentenprodukte, unter normalen Umständen wären es wohl nur 30 bis 35 Prozent gewesen. Im Mai sah es ähnlich aus.

In der Krise gewannen also genau jene Produkte an Bedeutung, bei denen die größten Probleme erwartet worden waren, nämlich die Anleihe-ETF. „Auf dem Höhepunkt der Krise wollten Investoren ihre Ansicht zu bestimmten Makro-Themen zum Ausdruck bringen oder sich absichern“, sagt Bruni. Im März war eine Flucht von Anlegern in US-Staatsanleihen zu beobachten gewesen. Offenbar nutzen viele von ihnen dafür ETF. Im April sei das Volumen zwar wieder etwas gesunken, das relative Übergewicht von Renten-ETF habe jedoch fortbestanden.

Allerdings legte auch der Handel mit einzelnen Anleihen im April deutlich zu. Das durchschnittliche tägliche Handelsvolumen mit US-Staatsanleihen kletterte auf der Tradeweb-Plattform im Jahresvergleich um 16,7 Prozent auf 89 Mrd. Dollar. Bei europäischen Staatsanleihen zog der Handel sogar um 23,5 Prozent auf 27,3 Mrd. Dollar an. „Wir sahen im März und April verstärkte Aktivitäten“, sagt Bruni. „Die Märkte für Staatsanleihen in den entwickelten Ländern wurden im März stark beeinflusst durch die Aktivitäten der Zentralbanken und im April dann auch durch verstärkte Emissionstätigkeit der Staaten.“

 


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