GeldanlageWarum Anleihen auch nicht immer Engel sind

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Symbolbild GeldanlageGetty Images

Beim nächsten Mal wird alles anders, das sagt man sich oft, wenn man gerade eine große Schlappe erlebt oder einen dicken Fehler begangen hat. Auch wenn Krisen in vollem Gange sind, trösten sich Ökonomen mit diesem Gedanken: Der Crash sei nicht vorherzusehen gewesen, weil die Umstände diesmal ganz anders gewesen seien als sonst. Auf eine Art stimmt das, denn selten laufen Dinge zweimal genau gleich ab. Dennoch gibt es Warnzeichen, die der Markt aussendet. Man muss sie nur auch erkennen. Ein Alarmsignal machen Analysten derzeit bei Anleihen aus, und es könnte schlimme Folgen haben, wenn die Zinsen weiter steigen. Dort blähe sich eine gigantische Spekulationsblase auf, warnen Profiinvestoren schon länger. Investor George Soros setzt viel Geld auf den Crash des Anleihenmarktes. Und auch die sonst so forsche Deutsche Bank warnte bereits vor der größten Anleihenblase der Geschichte in diesem Marktsegement. Vor allem jetzt, wo die Zinsen in Amerika bereits stärker steigen – und in Europa demnächst auch – könnten sich die Kräfte am Bondmarkt verschieben.

Das Problem geht dabei aber nicht in erster Linie von den steigenden Zinsen und den spiegelbildlich fallenden Kursen aus. Sondern eine andere Zahl stimmt die Experten zunehmend nachdenklich: Einen immer größeren Anteil in „guten“ Anleihendepots machen jene Anleihen aus, die ein BBB-Rating haben. Sie sind sozusagen vom Kredit-Rating her die schlechtesten Anleihen, die ein Investor noch halten kann, wenn er sogenannte Investment-Grade-Papiere sucht, also nur verhältnismäßig sichere Papiere mit niedrigem Ausfallrisiko. Auf solche Investment-Grade-Papiere sind vor allem jene Investoren angewiesen, die besonders sicher Geld für andere anlegen müssen, etwa Pensionsfonds und Stiftungen. Sie dürfen tatsächlich nur in Investment-Grade investieren. Aber auch Privatleute, bei denen der Kapitalerhalt an erster Stelle steht, beschränken sich meist auf solche Anleihen, weil er die verhältnismäßig beste Bonität und größte Stabilität verspricht.

Vor 20 Jahren nun lag der Anteil der BBB-Anleihen in diesen Portfolios im Schnitt bei rund 28 Prozent. Vor zehn Jahren waren es dann 33 Prozent. Seit aber 2008 die Finanzkrise ausbrach, in deren Folge die Notenbanken begannen, die Zinsen nach unten zu schrauben und die Liquidität nach oben zu treiben, wuchs der Anteil der BBB-Anleihen gewaltig. Inzwischen besteht rund die Hälfte aller Anleihen aus dem Investment-Grade-Universum aus BBB-Papieren, sagen Marktauswertungen. Das heißt: Jedes zweite Papier in den vermeintlich sicheren Anleihedepots ist nur noch von verhältnismäßig schlechter Qualität.

Marktvolumen mit BBB-Anleihen sprunghaft gewachsen

Woran liegt das? Zum einen haben die Zentralbanken mit der zusätzlichen Liquidität, die sie in den Markt pumpten, die Unternehmen dazu ermuntert, lieber auf dem Weg über Anleihen Geld am Kapitalmarkt einzusammeln – als Kredite bei Banken aufzunehmen. Überdies haben die Banken wegen der strengeren Regularien zunehmend restriktiver Kredite an schlechtere Schuldner vergeben. Deshalb war die Verschuldung über Anleihen für viele Firmen oft die einzige Möglichkeit, günstig an Geld zu kommen. Dann kam noch das Anleihenkaufprogramm der Zentralbanken dazu. Noch immer kauft die Europäische Zentralbank (EZB) nicht nur Staatsanleihen südeuropäischer Schuldenländer, um deren Zinsen stabil zu halten, sondern sie erwirbt auch Unternehmensanleihen von Firmen außerhalb des Finanzsektors, wodurch sie den Anleihenmarkt künstlich stützt, die Zinsen drückt und eine zusätzliche Nachfrage nach solchen Papieren schafft.

Deswegen haben immer mehr bonitätsschwächere Firmen ihre Finanzierung umgestellt und sind von Bankkrediten auf BBB-Anleihen eingeschwenkt. Viele liehen sich auf diesem Wege auch das Geld für Akquisitionen und Unternehmenszusammenschlüsse oder kauften Aktien mit dem Kredit der Anleger zurück. Insgesamt jedenfalls ist das europäische Marktvolumen mit BBB-Anleihen von ursprünglich 450 Mrd. Euro gestiegen auf 755 Mrd. Euro, beziffern große Vermögensverwaltungsgesellschaften. Davon gingen rund 200 Mrd. Euro auf das Konto von Erstemittenten, also von Debütanten im BBB-Bereich. Dass es nun viel mehr Unternehmen gibt, die solche Papiere begeben und dass hohe Darlehen daran hängen, die Firmen bei den Kapitalanlegern aufgenommen haben, ist nicht das eigentliche Problem. Das beginnt aber, wenn die Zinsen weiter steigen und langsam aber sicher das Wirtschaftswachstum schwächen oder gar abwürgen.