Verwahrentgelte Tschüss, Negativzinsen! Ein Abschiedsbrief

Die Europäische Zentralbank will im Sommer die Zinswende einleiten. Das bedeutet das Ende der Negativzinsen
Die Europäische Zentralbank will im Sommer die Zinswende einleiten. Das bedeutet das Ende der Negativzinsen
© IMAGO / imagebroker
Mit der ING kippt die erste große Direktbank die Negativzinsen für den Großteil ihrer Kunden – andere Institute werden folgen. Strafzinsen werden dann der Vergangenheit angehören. Es ist Zeit, Abschied zu nehmen

Liebe Negativzinsen,

nach acht langen Jahren macht ihr euch nun also vom Acker. Bei der Direktbank ING gibt es euch schon ab Juli nicht mehr. Mit einer Ausnahme zwar, doch die betrifft nur einen illustren Kreis aus Wohlhabenden, der mehr als eine halbe Mio. Euro auf dem Konto hat. Uns Normalos verlasst ihr. Die Banken können euch schließlich nicht mehr rechtfertigen, wenn eure Chefin, die EZB, im Sommer die Zinsen anhebt. Euer Abgang ist ok, es reicht jetzt auch.

Seien wir ehrlich: Unser Verhältnis war schon länger schwierig. Viele konnten euch noch nie leiden und schimpften über die Verwahrentgelte, wie ihr offiziell heißt. Und irgendwie muss man sagen: Sie hatten Recht – ihr wart schon wirklich anstrengend für den Geldbeutel vieler. Eure Sicht der Dinge ist sicher eine andere.  Und fairerweise muss man tatsächlich sagen: Ihr habt uns durch eine wirklich schwere Zeit geholfen. Das werden wir nicht vergessen. 

Denn vielen Staaten in Europa ging es damals schlecht, ihr kamt also zur rechten Zeit. Eure Geburtsstunde liegt mitten in der europäischen Schuldenkrise. Euer Erfinder heißt Mario Draghi, damals Präsident der EZB, heute Italiens Regierungschef. Am Donnerstag, den 5. Juni 2014, hat er eure Ankunft in Frankfurt am Main verkündet.

Wer hätte damals ahnen können, dass unsere Beziehung so eng und lange dauern wird. Die meisten von uns hielten das doch allenfalls für ein mittellanges Intermezzo. Schließlich sollten es nur die Banken sein, die euch von da an zahlen mussten, wenn sie Einlagen bei der EZB parken wollten. „Die Zinssätze, die wir geändert haben, betreffen nicht die Menschen, sondern die Banken“, hatte Draghi über euch gesagt.

Doch schon bald pflegtet ihr auch eine Hassbeziehung mit Sparerinnen und Sparern. Bis heute – und damit fast acht Jahre nach eurem Erscheinen – reicht euch fast die Hälfte aller Geldhäuser an uns weiter. Nicht bei allen seid ihr eingezogen. Je mehr Geld auf dem Konto lag, desto lieber habt ihr angebandelt. Das war von Anfang an eure Masche.

Damit ist jetzt Schluss. Griechenland ist zwar immer noch nicht in optimaler Verfassung, da habt ihr recht. Aber immerhin die Staatspleite wurde abgewendet. Dass die expansive Geldpolitik ein Fehler war, kann man also nicht sagen. Aber der Preis dafür war kein kleiner. Auch wenn euch die Trennung schwerfällt – ihr müsst bedenken: Europa steht jetzt vor neuen Herausforderungen - der hohen Inflation und dem Ukraine-Krieg. Dabei könnt ihr uns nicht helfen. Dem müssen wir uns alleine stellen, ohne euch. Und wir sind bereit dafür. Wir wollen eigene Wege gehen.

Es tut uns leid, das so hart sagen zu müssen, aber: Richtig vermissen wird euch kaum jemand. Das liegt nicht an euch, sondern an uns. Schon lange hat uns nämlich das Gefühl beschlichen, dass wir die Trennung von euren Schwestern, den Positivzinsen, nie richtig verwunden haben. Wir hängen noch an ihnen – und wollen sie wieder haben. Wir beide dagegen waren nie füreinander bestimmt.

Vielleicht ist es ein kleiner Trost, dass mindestens eine euch nachtrauern wird: die Fondsbranche. Je stärker wir uns von euch abwandten, desto mehr hat sie euch geliebt. Schließlich trugen viele während unserer Beziehung mit euch das Geld an die Aktienmärkte und investierten in Fonds. Durch euch gab es ja auf dem Sparbuch keine Rendite. Natürlich wissen wir, dass – sollte es mit den Positivzinsen wieder klappen – diese Rendite nicht so schnell wiederkommt. Das muss sich entwickeln. Aber wir gehen das Risiko ein.

Trotz allem, was wir zusammen durchgemacht haben, wünschen wir euch nur das Beste. Vielleicht können wir irgendwann über all das in Ruhe reden und Freunde werden. Bis dahin – macht's gut, Negativzinsen!


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