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Geldanlage Stahlaktien: Trübe Aussichten oder grüne Zukunft?

Glühend heißer Stahl wird gewalzt
Im Warmwalzwerk von ArcelorMittal in Eisenhüttenstadt wird u.a. oberflächenveredeltes bandbeschichtetes Stahlfeinblech für die Automobil-, Hausgeräte- und Bauindustrie gefertigt

© IMAGO / Hohlfeld
Die anziehenden Rohstoffpreise haben vielen Stahlunternehmen hohe Gewinne beschert. Von Dauer ist der Reibach womöglich nicht: Stellt Russland seine Gaslieferungen ein, könnte das die Branche schwer treffen. Was die aktuellen Entwicklungen für Anleger bedeuten

Die deutsche Stahlindustrie ist alarmiert. Russland droht damit, die Gaslieferung über die Ostsee-Pipeline Nord Stream 1 vollständig einzustellen. Rund ein Fünftel beträgt der Anteil von russischem Gas am Energieverbrauch deutscher Stahlproduzenten. Für die Branche wäre der Ausfall ein Fiasko. „Dies würde direkt zu Produktionsunterbrechungen, Kurzarbeit und gegebenenfalls Beschäftigungsverlusten führen", befürchtet der Präsident des Branchenverbands Wirtschaftsvereinigung Stahl, Hans Jürgen Kerkhoff.

Dabei lief es zuletzt sehr gut für die internationale Stahlbranche. Vergangenes Jahr stieg die Stahlnachfrage dank zahlreicher Pandemie-Fiskalprogramme und dem damit verbundenen Wirtschaftsaufschwung um 4,5 Prozent. Und dieses Jahr lassen Krieg und Rohstoffmangel die Stahlpreise in die Höhe schnellen. Das wirkt sich positiv auf die Einnahmen der Hersteller aus.

Dennoch sollten Anleger nicht übereilig handeln. „Die Preise sind fantastisch. Die Gewinnspannen sind hoch. Aber niemand glaubt, dass das von Dauer ist“, sagt zum Beispiel Andrew Jones, Analyst bei der Schweizer Großbank UBS in London. Denn die Gemengelage ist komplex und weist auch eine gegenläufige Tendenz auf: Die Stahlproduktion ist besonders energieintensiv, benötigt enormem Mengen an Kohle, Gas und Strom. Und da die Energiepreise seit einigen Monaten durch die Decke gehen, macht sich das bei den Herstellungskosten und damit auch den Gewinnprognosen der Stahlkonzerne negativ bemerkbar. Nicht alle können die höheren Preise problemlos an ihre Kunden weitergeben.

Stahlaktien stürzen ab

Einer der größten Stahlproduzenten weltweit, der luxemburgische Stahlkonzern ArcelorMittal, hat dementsprechend seine Gewinnprognosen für das laufende Jahr nach unten korrigiert. Sein Aktienkurs ist seit Anfang Juni um fast 30 Prozent in die Tiefe gestürzt. Ein ganz ähnliches Bild zeigt sich bei vielen Konkurrenten. Die Aktie des britisch-australischen Bergbau- und Stahlkonzerns Rio Tinto hat im vergangenen Monat zehn Prozent verloren, Salzgitter brach um fast 40 Prozent ein.

Entsprechend düster fielen zuletzt die Bewertung einiger Analysten aus. J.P. Morgan etwa stufte fast alle Stahlkonzerne herab. Besonders hart traf es ArcelorMittal. Seine Aktie landete auf der „Negative Catalyst Watch" des Analysehauses. „Preise und Profitabilität sind deutlich gesunken, die Lagerbestände in Europa und China eher hoch und die Wirtschaftsaussichten mau“, kommentierte J.P.-Morgan-Experte Nelson die Entscheidung. Unter allen Stahlkonzernen empfiehlt er nur noch den schwedischen Stahlhersteller SSAB, der aber ebenfalls mit herben Kursrückschlägen zu kämpfen hat. Selbst Deutschlands größter Stahlhersteller ThyssenKrupp hat seit Jahresanfang beinahe die Hälfte seines Börsenwerts verloren. Und das, obwohl der Industriekonzern die Erwartungen zum ersten Quartal übertroffen und daraufhin seine Gewinnprognose für das Gesamtjahr angehoben hat.

Optimisten sehen in der aktuellen Situation allerdings auch Chancen. Einerseits sind Stahl-Aktien günstig bewertet. Andererseits wollen die Konzerne schon seit langer Zeit ihre Produktion von emissionsstarker Kohle auf Wasserstoff umstellen, um damit „grünen“ Stahl herzustellen. Erdgas sollte dabei eigentlich als Übergangstechnologie fungieren. Dank der teuren Energiepreise treiben einige Stahlunternehmen diese Transformation jetzt schneller voran. Manche nehmen dabei eine Vorreiterrolle ein: SSAB will ab 2030 klimaneutral produzieren und direkt auf Wasserstoff setzen, ohne Erdgas als Brückentechnologie zu nutzen. Der Wettlauf um grünen Stahl hat begonnen – für langfristig orientierte Anleger eine interessante Entwicklung.

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