AktienSo stark ist der Euro

Wenn man die Arbeit von Notenbankern in nur wenigen Worten beschreiben will, dann reichen mit Blick auf die vergangenen Jahre drei Worte, so scheint es: das große Warten. Damit lässt sich die Tätigkeit zumindest bei der europäischen Zentralbank gut umreißen. Natürlich, sie hat enorme Mengen an Anleihen gekauft, sie war also beileibe nicht untätig. Sie kaufte Staatsanleihen gebeutelter Staaten und legte sich zuletzt sogar etliche Unternehmensanleihen großer Firmen ins Depot. Das war ihre Form der Unterstützung für die heimischen Länder und Wirtschaften. Dennoch hat sie einen entscheidenden Schritt immer noch nicht gewagt und zwar den Schritt in Richtung Kurswechsel. Ihre Geldpolitik ist immer noch ultralocker und die dringende Zinserhöhung, die mittlerweile auch fast alle Marktteilnehmer händeringend erwarten, blieb bisher aus. Sie wartet. Und die Anleger tun es mit ihr. Wieder einmal. Vor allem die vergangenen Tage waren vor dem großen Notenbankergipfel in Jackson Hole geprägt vom großen Warten.

Die große Erwartung hatte indes so gut wie niemand. Mit Interesse wurde zwar das aktuelle Statement von US-Notenbankchefin Janet Yellen erwartet, mit noch größerer Spannung die Rede von EZB-Chef Mario Draghi. Aber Überraschungen würden dabei wohl nicht herauskommen, so war vielen Marktbeobachtern bereits im Vorfeld klar. Yellen würde durchblicken lassen, dass die US-Notenbank Fed weitere Zinserhöhungen plane, wenn auch zurückhaltender als zwischenzeitlich viele gehofft hatten. Und Mario Draghi würde sich wohl – wie immer – bedeckt halten und im Grunde keine klare Aussage dazu machen, wann es in Europa mit der ersten Zinserhöhung seit Anlegergedenken denn nun endlich losgehen soll.

Seit drei Jahren kauft die EZB nun massenhaft Anleihen und irgendwann will sie sich aus dem Bereich auch wieder schrittweise zurückziehen, so viel ist klar. Aber erst im Herbst wird sich die Notenbank wohl wirklich zu einem möglichen Zeitpunkt äußern. Wenn überhaupt. Vielleicht auch wieder nicht, sie hat den Einsteig in den Ausstieg der lockeren Geldpolitik ja schon diverse Male vertagt. Also warten wir. Einer allerdings könnte nun diese Pläne durchkreuzen: der Euro. Die Gemeinschaftswährung zeigt sich nämlich dieser Tage ungewöhnlich stark. Und wenn sie so weitermacht, dann könnte sie die Notenbanker zum vorzeitigen Handeln zwingen. Das lässt die Börsianer nun doch wieder hoffen, dass die Zinswende vielleicht ein klein wenig früher kommt.

Starke Konjunktur in der Eurozone

Inzwischen ist der Wertzuwachs des Euro beachtlich: Im Verlauf diesen Jahres hat er immerhin schon 13 Prozent zugelegt im Vergleich zum Dollar. Zu Jahresbeginn stand er noch bei 1,04 Dollar, mittlerweile sind es schon 1,18 Dollar. Seit 2003 zeigte sich der Euro nicht mehr so stark. Aber warum? Zum einen zeigen die Wirtschaftszahlen im Euroraum stark nach oben. Die Wirtschaft in vielen Ländern wächst und zwar vielerorts weitaus kräftiger als erwartet. Von rund zwei Prozent Wirtschaftswachstum in der Eurozone gehen Ökonomen derzeit auch für 2018 aus. Allen voran brummt die Konjunktur in Deutschland. Zuletzt ließen die Zahlen des verarbeitenden Gewerbes hierzulande auch hoffen, dass der Aufschwung sich noch eine Weile unvermindert fortsetzt. Und genau weil der Leitzins in dieser Situation nicht steigt und sich die Befürchtungen vieler Marktteilnehmer vor einer drohenden Deflation nicht bewahrheitet haben, wird wohl der Euro weiter zulegen.

Das zumindest ist die allgemeine Erwartung: Die allermeisten Analysten gehen derzeit davon aus, dass der Kurs der europäische Gemeinschaftswährung weiter nach oben streben wird. Davon künden jene Positionen, die Investoren bereits aufgebaut haben: Die Zahl der Optionen, mit denen Spekulanten auf einen steigenden Eurokurs setzen, hat ein Achtjahreshoch erreicht. So euro-optimistisch wie derzeit also waren die Anleger an den Devisenmärkten also lange nicht. Sind diese Annahmen aber nun wirklich ein Grund zur Freude? Sie sind es nicht, warnen längst die ersten Skeptiker. Denn Extremwerte haben ja selten sehr lange Bestand. Deshalb sagen viele, das Rekordniveau bei den Long-Positionen deute bereits auch auf eine baldige Trendumkehr hin.

Wie wahrscheinlich ist die nun wirklich und vor allem, was soll die Umkehr auslösen? An dieser Stelle zuerst ein wichtiger Hinweis: Nichts an den Märkten dieser Welt ist normalerweise so schwer einzuschätzen und vorherzusagen wie die Bewegungen an den Devisenmärkten. Sie entziehen sich mit ihren Aufs und Abs sehr häufig jeglichen rationalen Erklärungen. Aber man kann es ja dennoch einmal versuchen und zumindest durchspielen, welche Faktoren in der nächsten Zeit Einfluss auf den Eurokurs haben könnten. Denn das dürfte auch Aktienanleger stark interessieren, schließlich bedeutet ein weiteres Ansteigen des Euro gewöhnlich nichts Gutes für die Aktienkurse. Je stärker die Währung, desto teurer werden heimische Waren nämlich für die Käufer im Ausland und in anderen Währungsgebieten. Die Exportindustrie leidet also eher unter dem Euroauftrieb, die Gewinne ihrer Unternehmen ebenfalls. Das nehmen die fallenden Aktienkurse vorweg. Entsprechend haben die Aktienindizes wie der Dax in den vergangenen Wochen auch schon unter dem Währungsschub gelitten und den Rückwärtsgang eingelegt.

Draghi in der Sackgasse

Insgesamt also vermindert eine starke Währung auch die Wettbewerbsfähigkeit des entsprechenden Landes. Damit wirkt sie ähnlich wie eine Straffung der Geldpolitik. Umgekehrt werden Importe für die heimischen Verbraucher attraktiver, weil Güter aus dem Ausland plötzlich billiger sind. Das führt zu besser ausgeglichenen Leistungsbilanzen und auch zu weniger Inflation im Heimatland. In diesem Fall also in ganz Europa. Das wiederum wäre für das Ziel von Notenbankchef Mario Draghi ziemlich kontraproduktiv: Er wartet ja gerade darauf, dass die Inflation in Europa wieder spürbar anzieht, um den Leitzins endlich anheben zu können. Bisher liegt die Inflationsrate bei rund 1,3 Prozent. Das ist ihm nicht genug. Eine Teuerungsrate von 2,0 Prozent strebt die EZB ja erklärungsgemäß an. Vorher wird sie nicht handeln.

Nun hat die europäische Notenbank zwar bereits klargemacht, dass ihr nicht an einem weiteren Anstieg der Währung gelegen ist. Denn eine deutliche Verringerung der Wettbewerbsfähigkeit und weniger Inflation sind nicht ihr Ziel – vor allem nicht jetzt, wo sich die europäischen Staaten gerade aus dem Formtief der vergangenen Jahre erholt haben. Das ist ja auch der Grund dafür, dass bisher keine Leitzinsanhebung erfolgt ist. Ein steigender Eurokurs macht das Eingreifen nun aber auch nicht unbedingt wahrscheinlicher, weil er ja im Grunde dasselbe bewirkt. In dieser Hinsicht steckt Draghi in der Sackgasse.

Die Frage ist allerdings auch, was in Amerika passiert: Aus amerikanischer Sicht sinkt ja schließlich de Währung. Der Dollar ist schwach wie selten. Das liegt auch an Trumps unberechenbarer Politik und an seinen dubiosen Ankündigungen. Etwa zum Mauerbau nach Mexiko, der nun doch notfalls aus US-Haushaltsmitteln finanziert werden soll, obwohl der amerikanische Staat schon jetzt überhaupt keine Mittel mehr hat. Der erhoffte Wirtschaftsaufschwung jedenfalls, den viele Marktteilnehmer aufgrund der vollmundigen Versprechen des neuen Präsidenten erwartet hatten, bleibt bisher aus. Das ist eine maue Bilanz, die den Dollar nun wie eine lahme Ente aussehen lässt. An der Stelle kommt nun die amerikanische Notenbank ins Spiel: Ihr dürfte ebenfalls nicht recht sein, wenn der Dollar schwächelt. Also wird sie überlegen, Maßnahmen zu ergreifen, um ihn zu stützen. Das könnte eine Leitzinsanhebung sein. Die nächste Runde der Zinserhöhungen wird ohnehin folgen, fraglich ist nur, wie bald sie kommt und wie stark sie ausfallen wird.

 

Viele Fragezeichen

Leisten könnten sich die Amerikaner die Zinsanhebung aber zumindest nicht im großen Maße. Denn der Aufschwung läuft zwar schon im neunten Jahr, die Arbeitslosigkeit ist niedrig, aber die Inflation zieht bisher noch nicht so richtig nach. Sie ist zu klein. Das macht nur eine moderate Anhebung wahrscheinlich. Dadurch würde sich die Differenz der Zinsen zwischen Amerika und Europa nicht nennenswert vergrößern. Und erfahrungsgemäß führt erst eine deutliche Kluft dazu, dass die Währungshüter sich auch hierzulande bemüßigt fühlen, gegenzusteuern. Für ein flottes Eingreifen Draghis spricht das wiederum nicht unbedingt.

Es sind viele Ungewissheiten und Worte wie „vielleicht“, „demnächst“ oder „irgendwann“, die derzeit die Märkte prägen, egal ob im Devise- oder Aktienbereich. Was aber außerdem dafür spricht, dass der Euro noch eine Weile stark bleiben wird – und sich so gesehen wenig ändert: Normalerweise entwickelten sich die Aktienkurse und Unternehmensgewinne diesseits und jenseits des Atlantik eher im Gleichlauf. Zuletzt aber, seit der Hochphase der Eurokrise hängten die amerikanischen Aktien die hiesigen deutlich ab. Kurse und Gewinne wuchsen in den USA weitaus deutlicher. Das lässt die europäischen Firmen seitdem unterbewertet erscheinen – und genau diese Unterbewertung werden sie in der Folgezeit wieder verringern. Erst recht angesichts der guten Zahlen, die viele EU-Ökonomien nun vermelden. Es könnte also gut sein, dass sich der Euro noch eine Weile auf seinem jetzigen Niveau hält. Was heißt das für Anleger? Sie sollten nicht auf baldige Zinserhöhungen spekulieren, eher nicht auf die Trendwende bei den Devisen. Am besten aber auf den Aufstieg der Kurse in Europa, etwa im Eurostoxx.