Blackrock Larry Finks demokratischer Kapitalismus

Blackrock-CEO Larry Fink
Blackrock-CEO Larry Fink
© IMAGO / Xinhua
In seinem CEO-Brief knüpft sich Blackrock-Boss Larry Fink dieses Jahr die Rechten in den USA vor, die ESG-Investoren als Linksradikale diffamieren. Ihm schwebt ein „demokratischer Kapitalismus“ vor, so etwas wie die soziale Marktwirtschaft hierzulande

Die politische Spaltung der Vereinigten Staaten macht auch vor einer Ikone des Kapitalismus nicht halt: der Börse. Verfechter eines Investmentstils, der sich an Umwelt, Sozialem und einer guten Unternehmensführung orientiert, werden vom rechten politischen Spektrum immer häufiger angegriffen. Dort, wo man oftmals weder an den Klimawandel noch das Coronavirus glaubt, werden ESG-orientierte Vermögensverwalter bestenfalls als „woke“, teils aber auch als Handlanger von Linksradikalen denunziert. Das Wort „woke“ entstammt dem afroamerikanischen Englisch und steht für „erwachtes Bewusstsein“ für mangelnde soziale Gerechtigkeit und Rassismus. Heute wird es vielfach als Synonym für eine progressive politisch-gesellschaftliche Haltung verwendet – und damit am rechten politischen Rand als Schimpfwort für angebliche „Linksradikale“. In diesem Sinne äußerte sich laut Medienberichten jüngst etwa der einflussreiche republikanische Senator Marco Rubio.

In diesem aufgeheizten Klima meldet sich nun der Boss des weltgrößten Vermögensverwalters zu Wort. Larry Fink, Gründer und Chef von Blackrock, nimmt sich in seinem jährlichen Brief an Unternehmenschefs diejenigen zur Brust, die ihn einer politischen Agenda beschuldigen. Außerdem kündigt er mehr demokratische Mitspracherechte für Investoren an. Blackrock ist diesbezüglich eine Macht auf Hauptversammlungen: Das von dem Unternehmen verwaltete Vermögen überstieg kürzlich erstmals die Marke von 10 Billionen Dollar und ist damit bei vielen Unternehmen einer der größten Aktionäre.

„Es ist nicht woke“

Fink geht das Thema „woke“ allerdings gar nicht erst ethisch an, sondern argumentiert ganz kapitalistisch. Vereinfacht gesagt: Klimaschutz und bessere Arbeitsbedingungen sind langfristig gut für die Rendite von Geldanlagen. Das Klimathema treibt Fink schon länger um, in diesem Jahr spricht er auch von dem, was man Arbeitsnehmerrechte nennt. Weil es ihm nicht nur um die Aktionäre, sondern um alle in Beziehung zu einem Unternehmen Stehenden geht, spricht er von „Stakeholder-Kapitalismus“. Fink schreibt: „Beim Stakeholder-Kapitalismus geht es nicht um Politik. Auch nicht um eine soziale oder ideologische Agenda. Er ist auch nicht woke.“ Es gehe um einen Kapitalismus, „angetrieben von Beziehungen von gegenseitigem Nutzen zwischen Ihnen und Ihren Mitarbeitern, Kunden, Zulieferern und Gemeinschaften, ohne die Ihr Unternehmen nicht erfolgreich sein und gedeihen kann. Das ist die Kraft des Kapitalismus.“

Solch eine Form des Kapitalismus ermögliche „eine optimale Kapitalverwendung, dauerhaft rentable Unternehmen sowie eine langfristige Schaffung von Werten und deren Erhalt.“ Und weiter „Das sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass faires Streben nach Gewinn immer noch das ist, was Märkte antreibt. Und langfristige Rentabilität ist für Märkte schlussendlich der Gradmesser für den Erfolg Ihres Unternehmens.“ An anderer Stelle schreibt der Blackrock-Chef vom „Wohlstand für alle“, also dem Schlagwort der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland.

Neben dem Thema Nachhaltigkeit, das Fink bereits in seinen beiden vorherigen CEO-Briefen in den Mittelpunkt stellte, thematisiert er in diesem Jahr die Rolle von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und den Umgang von Unternehmen mit ihnen. Hintergrund ist offenbar die größte Kündigungswelle in den USA seit langer Zeit. Medienberichten zufolge schmeißen immer mehr US-Bürger miese Jobs hin und orientieren sich um.

„Unternehmen, die sich nicht an diese neue Realität anpassen und die Bedürfnisse ihrer Beschäftigten nicht ernst nehmen, laufen Gefahr, ins Hintertreffen zu geraten“, schreibt Fink. „Fluktuation treibt die Kosten in die Höhe und schmälert die Produktivität. Sie untergräbt die Unternehmenskultur und das Bewahren von Firmenwissen. CEOs müssen sich fragen, ob sie ein Betriebsumfeld schaffen, das im Wettbewerb um Talente hilfreich ist.“

Dieses Umfeld beinhaltet nach Finks Ansicht mehr als Vergütung und Arbeitszeitmodelle. „Die Pandemie hat nicht nur unser Verhältnis zu unserem Arbeitsplatz neu definiert. Sie rückt auch Themen wie ethnische Gleichstellung, Kinderbetreuung und psychische Gesundheit ins Bewusstsein und macht deutlich, welche unterschiedlichen Erwartungen junge und ältere Menschen an Arbeit haben“, heißt es in dem Brief. Firmenchefs müssten darüber „nachdenken, wie sie sich zu gesellschaftlichen Fragen äußern, die ihren Mitarbeitern wichtig sind.“ Und weiter: „Diejenigen, die Bescheidenheit an den Tag legen und ihren Unternehmenszweck nicht aus den Augen verlieren, bauen mit größerer Wahrscheinlichkeit eine Bindung auf, die ein Berufsleben überdauert.“

Start-ups im Fokus

Neben Nachhaltigkeit und Personalführung finden sich in dem Brief mahnende Worte an die CEOs zur wachsenden Konkurrenz für etablierte Unternehmen aus dem Segment der Start-ups. „Junge, innovative Unternehmen hatten es niemals leichter, sich Kapital zu beschaffen. Noch nie stand so viel Geld für neue Ideen bereit“, heißt es in dem Schreiben. „Dies verleiht der Innovationsdynamik einen kräftigen Schub. Praktisch in jedem Sektor gibt es eine Fülle disruptiver Start-ups, die versuchen, die Marktführer vom Sockel zu stoßen.“ Fink fordert von den Chefs etablierter Firmen, „diese veränderten Rahmenbedingungen und die Vielfalt der Kapitalquellen verstehen, wenn sie gegenüber kleineren, flexibleren Branchenneulingen wettbewerbsfähig bleiben wollen.“ Und macht klar, dass Blackrock nicht in die Firmen investieren werde, die sich auf den Wandel nicht einstellen. „Auch wir müssen agil sein und sicherstellen, dass wir das Vermögen unserer Kunden gemäß ihren Anlagezielen in die dynamischsten Unternehmen – ob Start-up oder etablierter Anbieter – mit den langfristig besten Erfolgschancen anlegen. Als Kapitalisten und als Treuhänder, denn das ist unsere Aufgabe.“

Kunden von Blackrock sollen in diesem Umfeld mehr Mitsprache erhalten, kündigte Fink zudem an. Bisher entscheidet das Blackrock-Management insbesondere über das Abstimmungsverhalten auf Hauptversammlungen. Schärfstes Schwert des Investors ist dabei die Entlastung der Führungsetage eines Unternehmens auf Hauptversammlung oder die Unterstützung von Aktionärsinitiativen. Im Fall von Procter & Gamble erlebte Blackrock allerdings auch die Grenzen der Mitwirkungsmöglichkeiten .

Dennoch sieht Fink „ein wachsendes Interesse von Aktionären – darunter auch unserer Kunden – an der Corporate Governance von börsennotierten Unternehmen.“ Governance zieht auf eine regeltreue und gute Unternehmensführung. Fink kündigte an, in Zukunft „mehr Kunden die Möglichkeit zu geben, unmittelbarer ihre eigenen Stimmrechte bei den Unternehmen ausüben zu können, in die sie ihr Geld investieren.“ Bestimmte institutionelle Kunden können bereits Einfluss auf das Abstimmungsverhalten von Blackrock nehmen. „Wir arbeiten daran, dies zukünftig mehr Anlegern zugänglich zu machen“, betont Fink. „Unser Ziel ist es, dass sich jeder Anleger, und das schließt Privatanleger mit ein, an der Stimmrechtsausübung beteiligen kann, wenn dies gewünscht ist.“

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