AktienHedgefonds verletzt Regeln bei Ströer-Attacke

Der US-Hedgefonds Muddy Waters hat im Zuge seines Angriffs auf den Kölner Außenwerbekonzern Ströer bereits am Tag seiner Attacke Kasse gemacht – und nicht fristgerecht mitgeteilt. Das geht aus verspätet eingereichten Veröffentlichungen über Leerverkaufspositionen im Bundesanzeiger hervor, wie das Wirtschaftsmagazin Capital in seiner Ausgabe 06/2016 (EVT: 19. Mai) berichtet.

Leerverkäufer leihen sich Aktien, verkaufen sie am Markt, um sie später wieder zu tieferen Kursen zurückzukaufen und die Differenz als Gewinn einzustreichen. Sie unterliegen dabei aber bei größeren Positionen Veröffentlichungspflichten, aus denen sich der Ablauf der Transaktionen nachverfolgen lässt.

Bei Ströer lief es wie folgt ab: Muddy Waters hielt am Mittwoch, dem 20. April, eine Leerverkaufsposition in Höhe von 0,66 Prozent aller Ströer-Aktien – diese hatten per Schlusskurs von Mittwoch einen Wert von rund 18 Mio. Euro. Am Donnerstag, dem 21. April, veröffentlichte der Hedgefonds auf seiner Internetseite eine 60-seitige Analyse über Ströer, in dem der Leerverkäufer dem Unternehmen unter anderem vorwarf, das Wachstum und die Cashgenerierung zu optimistisch auszuweisen. Binnen Minuten brach der Ströer-Kurs um in der Spitze 33 Prozent ein. Das entspricht dem Verlust von knapp 1 Mrd. Euro Börsenwert. Den Handel schloss die Aktie mit einem Minus von 18 Prozent.

Ströer Aktie

Ströer Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

An dem Donnerstag liquidierte Muddy Waters seine erst zum Vortag gemeldete Leerverkaufsposition wieder zu drei Vierteln auf 0,16 Prozent aller Aktien und konnte so aus der Differenz binnen Stunden einen Millionengewinn einstreichen. Als erstes hatten die Analysten der Internetseite mostshorted.com über den Kurznachrichtendient Twitter über den Ablauf berichtet.

Von Capital mit der Rekonstruktion konfrontiert, erklärt Muddy Waters: „Der Recherche-Ansatz, den wir bei Ströer angewandt haben, hat bereits in vielen anderen Fällen Anleger vor weiterem Schaden bewahrt, Aufsichtsbehörden bei ihren Ermittlungen geholfen und zu Kompensationszahlungen geführt. Während dies für die Märkte vorteilhaft ist, bleibt es selbstverständlich dennoch ein Geschäft, das im Übrigen mit hohen Kosten für die Recherche verbunden ist.“

Bafin prüft den Fall

Die Veröffentlichungspflichten sehen vor, dass Marktteilnehmer bis zum Nachmittag des Folgetages im Bundesanzeiger öffentlich dokumentieren müssen, wenn ihre Leerverkaufspositionen die Schwelle von 0,5 Prozent aller ausstehenden Aktien unter- beziehungsweise überschreiten. Das soll Transparenz sicherstellen. Im Falle von Muddy Waters wäre so der „Blitzkrieg“ spätestens am Freitag, dem 22. April, nachvollziehbar gewesen.

Tatsächlich erfolgten die entsprechenden Meldungen über den Aufbau und den Abbau unter die Schwelle von 0,5 Prozent aber erst am 26. April – also fünf Tage zu spät. Die Finanzaufsicht Bafin erklärte, man prüfe den Fall wie jeden anderen auch, könne sich aber nicht zu einzelnen Positionen äußern. Man überwache gleichwohl, „ob diese Fristen eingehalten werden und kann bei Fristversäumnissen Bußgelder verhängen“.

Muddy Waters teilte auf Capital-Anfrage mit: „Als wir unseren Bericht veröffentlicht haben, haben wir den Markt mehr als zwei Stunden früher über unsere Short-Position informiert, als es durch eine Veröffentlichung im Bundesanzeiger der Fall gewesen wäre. Auch die Bafin haben wir unverzüglich in Kenntnis gesetzt. Uns war nicht bewusst, dass die Finanzaufsichtsbehörden in Deutschland – anders als in anderen europäischen Ländern – die von uns gemeldete Short-Position nicht offenlegen. Wir haben dies unverzüglich nachgeholt.“

Deutschland gilt nach zwei erfolgreichen öffentlichen Attacken auf Unternehmen – Wirecard und Ströer – als interessantes Ziel für aktivistische Leerverkäufer, die zunächst Aktien leerverkaufen und Unternehmen dann anonym oder öffentlich angreifen. In den USA agieren derlei Leerverkäufer schon länger, 90 Prozent der Kampagnen gehen in den USA über die Bühne. Die Hedgefonds haben aber jüngst mit sinkenden Erfolgen zu kämpfen: Im Schnitt gingen die Kurse der öffentlich attackierten Unternehmen in der Woche nach dem Angriff um nur noch rund fünf Prozent in die Knie, wie die Nachrichtenagentur Bloomberg errechnet hat. Zum Vergleich: Sowohl die Aktien der Bezahldienstleisters Ströer als auch Wirecard brachen nach dem öffentlichen Angriff binnen Minuten um 30 Prozent ein.

Die Leerverkäufer reklamieren für sich, nicht nur in Eigeninteresse zu handeln, sondern mit ihrer öffentlichen Kritik auch einen Beitrag zur Kapitalmarkthygiene zu leisten und Unternehmen zu mehr Transparenz und konservativeren Bilanzierungen zu nötigen – schließlich sei es auch bei Fondsmanagern und Analysten üblich, Aktien öffentlich kurstreibend und im eigenen Interesse zu loben.