Frankreich vor der Stichwahl Das Anlagerisiko Le Pen

Letzte Wahlkampfkundgebung von Marine Le Pen vom rechtspopulistischen Rassemblement National (RN) vor den Präsidentschaftswahlen
Letzte Wahlkampfkundgebung von Marine Le Pen vom rechtspopulistischen Rassemblement National (RN) vor den Präsidentschaftswahlen
© IMAGO / IP3press
Am Sonntag entscheidet sich in Frankreich, ob Emmanuel Macron im Amt bleibt oder Marine Le Pen die erste Präsidentin des Landes wird. Die Wahl der Rechtsaußen-Politikerin würde an den Kapitalmärkten ein Erdbeben auslösen, glauben Analysten

Rassismus und Antisemitismus sind aus dem französischen Wahlkampf verschwunden, obwohl die Familie Le Pen mit einer diesbezüglichen Vergangenheit weiterhin den rechten Rand der dortigen Politik dominiert. Doch die aktuelle Front-Frau der Familie, Marine, gibt die moderne Rechtspopulistin, die vorgibt, sich um die Sorgen der „kleinen Leute“ zu kümmern.

Das zieht offenbar bei vielen Französinnen und Franzosen, die von gefühlten Abstiegsängsten und einem realem Inflationsschock geplagt sind. Etwa 45 Prozent der Wählerinnen und Wähler wollen am Sonntag bei der zweiten Runde der Präsidentschaftswahl für Le Pen stimmen. So sagen es jüngste Umfragen voraus.

Damit würde der liberale Amtsinhaber Emmanuel Macron mit rund 55 Prozent wiedergewählt. Doch weil der Abstand so knapp ist und Menschen sich in Umfragen oft nicht gern zur Wahl von Rechtspopulisten bekennen, könnte es auch anders kommen. Das Votum der Briten für den Brexit oder die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten sind da lehrreiche und warnende Beispiele.

Unruhe vorprogrammiert

An den Kapitalmärkten dürfte eine Wahl Le Pens wohl zu deutlicher Unruhe führen. Europäische Aktien und der Euro könnten abstürzen und der Risikoaufschlag für französische Staatsanleihen gegenüber denen Deutschlands deutlich ansteigen. Umgekehrt würde es aber wohl keine Macron-Rally an den Börsen geben, weil dessen Wahlsieg mehr oder minder erwartet und damit schon in die Kurse eingepreist ist. Der Fokus der Investoren bliebe in diesem Fall wohl auf die Themen Inflation, Geldpolitik und Ukraine-Krieg gerichtet.

Capital hat Stimmen von Kapitalmarkt-Akteuren zum Wahlausgang in Frankreich gesammelt.

Jim Reid, Volkswirt Deutsche Bank:

„Die Aussicht auf einen weiteren Sieg Macrons hat die Anleger zunehmend entspannter werden lassen, was das Ergebnis angeht.“

Dean Turner, Chefvolkswirt für die Eurozone bei UBS Global Wealth Management:

„Sicherlich hat sich eine gewisse Risikoprämie für einen Sieg von Le Pen in die französischen Risikoaufschläge sowie in die Risikoaufschläge der europäischen Peripherieländer eingeschlichen. Das Wahlrisiko könnte sogar einen Teil der Underperformance des CAC 40 und des Euro in den letzten Handelstagen erklären. Ein Sieg Macrons könnte daher zu einem leichten Aufschwung der französischen Vermögenswerte und der Gemeinschaftswährung führen.“

Vincent Mortier, Chefanlagestratege bei Amundi:

„Obwohl ein Sieg Macrons nach wie vor das wahrscheinlichste Ergebnis bleibt, sind die Anleger besorgt über Le Pens Haltung zu bestimmten zentralen Themen: Der Frexit steht nicht mehr auf ihrer Agenda, aber andere Themen bleiben, und sowohl die Investoren als auch die Regierungen werden wissen wollen, wie sie zu Europa steht. In der Vergangenheit war Le Pen für ein Referendum zur Änderung der Verfassung und zur Aufhebung des Vorrangs des europäischen Rechts vor dem französischen Recht. Sie hat sich gegen den freien Waren- und Personenverkehr in der Union ausgesprochen (ein Verstoß gegen den Binnenmarkt) und will die europäischen Verträge nicht einhalten. Ihre Wahl wäre ein Schock für die europäische Integration und würde Fortschritte in der Energiepolitik, der Verteidigung und steuerlichen Integration bedrohen. Sie würde Volatilität an den Märkten auslösen.“

Stéphane Déo, Leiter Marktstrategie bei Ostrum Asset Management:

„Die Haushaltslage Frankreichs kann sich schnell zu einer sehr komplizierten Situation entwickeln, wenn der rechte Rassemblement National (RN) unter Marine Le Pen die Präsidentschaftswahl gewinnen sollte. Denn in einem solchen Fall könnte der Markt mit Vertrauensverlust und höheren Zinsen reagieren. Auch die Bereitschaft zur Schuldenkonsolidierung dürfte unter Le Pen nur mäßig ausfallen. Das Wahlprogramm des RN mit einem Maßnahmenpaket, dessen Umsetzung zu einem wesentlich höheren Defizit führen würde, ist jedenfalls eine nicht zu vernachlässigende Risikoquelle.“

Benjamin Melman, Globaler Chef-Anlagestratege bei Edmond de Rothschild Asset Management:

„Jede Rückkehr des politischen Risikos in Europa, das auf den Märkten noch nicht eingepreist ist, hängt davon ab, ob Marine Le Pen erstens gewinnt, zweitens eine parlamentarische Mehrheit erhält, um eine Regierung zu bilden, und drittens an ihren Zielen in Bezug auf Europa festhält. Es gibt hier so viele Wenns, sodass die Wahrscheinlichkeit dieses Szenarios gering ist.“

Jean-Marie Mercadal, Head of Investment Strategies bei OFI Asset Management:

„Heute ist das wahrscheinlichste Szenario ein Sieg von Emmanuel Macron (…). In diesem Fall rechnen wir nicht mit Reaktionen an den Finanzmärkten, da Macrons Sieg bereits in die Kurse eingepreist ist und von ihm keine größeren politischen Kursänderungen zu erwarten sind. Ganz anders bei einem Sieg Le Pens: Die Reaktion der Märkte könnte deutlich heftiger ausfallen. Le Pen steht der Europäischen Union sehr kritisch gegenüber, auch wenn sie inzwischen auf einen Frexit verzichtet. Darüber hinaus ist ihr Wirtschaftsprogramm auf soziale Maßnahmen ausgerichtet, die das Haushaltsdefizit und die französische Verschuldung noch stärker belasten würden. Bei einem Sieg von Le Pen könnte es deshalb zu einer Ausweitung der Risikoaufschläge bei französischen Staatsanleihen gegenüber deutschen Bundesanleihen kommen. Der französische Leitindex CAC 40 könnte nachgeben und der Euro gegenüber dem US-Dollar abwerten.“ 

Lale Akoner, Senior-Marktstratege bei BNY Mellon Investment Management:

„Einen Sieg Macrons würden die Märkte begrüßen, da ohne politischen Kurswechsel weiterhin eine wirtschaftsfreundliche Regierungslinie zu erwarten wäre. Im Gegensatz dazu würde ein Sieg Le Pens zu größerer politischer Unsicherheit führen und könnte zu einem breiten Marktausverkauf führen. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern leidet Frankreich aufgrund hohen Atomstromanteils weniger stark unter den aktuellen Öl- und Gaspreissteigerungen. Bei einem Sieg Macrons erwarten wir, dass Marktsegmente wie Energie und mit der Energiewende verknüpfte Unternehmen sowie Rohstoffe, Rüstung und Finanzdienstleister profitieren würden.“


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