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0,75 Prozentpunkte EZB-Zinserhöhung setzt Banken unter Handlungsdruck

EZB-Präsidentin Christine Lagarde
EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat die Leitzinsen um 0,75 Prozentpunkte angehoben
© picture alliance / EPA | RONALD WITTEK
Die EZB setzt ihre massiven Zinserhöhungen fort und bekommt dafür viel Applaus von den Banken. An denen ist es nun, die höheren Zinsen an Sparerinnen und Sparer weiterzugeben

So viel Applaus dürfte die Europäische Zentralbank (EZB) schon lange nicht mehr aus der deutschen Bankenwelt bekommen haben. Die mit 75 Basispunkten dritte massive Zinserhöhung innerhalb von vier Monaten stieß am Donnerstag in Frankfurt auf öffentlich geäußertes Wohlgefallen in den Bankentürmen.

„Die EZB setzt ihren Zinserhöhungsprozess entschlossen fort“, lobte etwa Henriette Peucker, stellvertretende Hauptgeschäftsführerin des Bankenverbandes, der Lobbyorganisation der privaten Banken in Deutschland. Und für das Lager der Landesbanken, Förderbanken und das genossenschaftliche Spitzeninstitut DZ Bank sagte Iris Bethge-Krauß, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands Öffentlicher Banken Deutschlands: „Eine entschlossene EZB stemmt sich gegen die Rekordinflation.“ Viel Lob also für die Entschlossenheit von EZB-Präsidentin Christine Lagarde. Nun ist es an den Banken und Sparkassen, selbst Entschlossenheit zu zeigen.

Die EZB hob alle drei Zinssätze um jeweils 75 Basispunkte an. Sie liegen nun wieder so hoch wie 2009. Damit hat das Leitzinsniveau in der Eurozone die Euro-Staatsschuldenkrise und die darauffolgende Phase ultralockerer Geldpolitik („What ever it takes“) tatsächlich hinter sich gelassen. Im Detail: Der Hauptrefinanzierungsatz, zu dem Kreditinstitute sich Liquidität bei der EZB leihen können, liegt ab Mittwoch, 2. November, bei 2,0 Prozent. Der Einlagensatz, zu dem Banken über Nacht Geld bei der EZB parken können, steigt auf 1,5 Prozent und der Spitzenrefinanzierungssatz auf 2,25 Prozent. Diese Anhebungen waren vom Markt erwartet worden. Der Euro war schon im Vorhinein wieder über die Parität zum Dollar geklettert.

Rekordhohe und -schnelle Anhebung

Damit hat die EZB seit Juli ihre Zinsen um insgesamt 200 Basispunkte angehoben, so viel wie noch nie seit der Euro-Einführung in so kurzer Zeit. Das zeigt die Inflationsdramatik in der Eurozone, wo das Preisniveau zuletzt um 9,9 Prozent über dem Vorjahreswert lag. Und mit den 200 Basispunkten ist noch nicht Schluss, wie Lagarde deutlich machte. „Wir werden weitere Zinsanhebungen haben“, kündigte sie während ihrer Pressekonferenz an.

Wie viele weitere Zinsschritte und in welchem Umfang diese ausfallen könnten, dazu hielt sie sich bedeckt. Der Zinssatz, bei dem das Inflationsziel von zwei Prozent auf mittlere Sicht erreicht wird, müsse man noch ermitteln. Klar sei nur, so Lagarde, dass dieser sogenannte neutrale Zinssatz noch nicht erreicht sei.

„Wir haben substanzielle Fortschritte bei der Rücknahme der akkommodierenden Geldpolitik gemacht, aber wir müssen noch weiteren Boden gut machen“, sagte sie. Als akkommodierend wird eine die Konjunktur unterstützende Geldpolitik bezeichnet. Erst jenseits des neutralen Zinssatzes wirkt die Geldpolitik kontraktiv. Der Markt preist derzeit einen Zielzins der EZB („Terminal Rate“) von rund drei Prozent ein, gemessen am Einlagensatz. Ob sie dieses Ziel im Auge habe, ließ Lagarde offen. Nur so viel: Die Normalisierung der Geldpolitik sei noch nicht abgeschlossen. „Wir müssen tun, was wir tun müssen, unser Mandat ist Preisstabilität“, betonte sie. Und legte nach: „Wir können nicht in Abhängigkeit von den Finanzmärkten entscheiden.“

Die Zeichen stehen also auf weiteren Zinserhöhungen. „Auch wenn eine Rezession in der Eurozone vor der Tür steht, die hohen Inflationsraten, auch im Jahr 2023, werden weitere große Zinsschritte nötig machen, die über das neutrale Zinsniveau von etwa zwei Prozent hinausgehen müssen“, sagte Ulrike Kastens, Volkswirtin für Europa bei der Fondsgesellschaft DWS. „Zwar vermied Lagarde eine Diskussion um den neutralen Zins. Angesichts der hohen Inflationsraten schloss sie aber nicht aus, dass die Notenbank den Leitzins über ein neutrales Zinsniveau anheben müsste, um das Inflationsziel der EZB letztlich wieder zu erreichen.“

Wann steigen die Sparzinsen?

Unternehmen spüren die steigenden Leitzinsen bereits durch steigende Kreditkosten, wie Lagarde betonte. Die Investitionen würden zurückgefahren. Gleiches gilt für Hypothekenzinsen, die in Deutschland selbst im Zehnjahres-Bereich wieder über vier Prozent liegen und den Immobilienneubau bremsen. Bei Sparerinnen und Sparern kommt davon jedoch bislang quasi nichts an. Drei Monate nach der ersten Zinserhöhung liegen die Sparzinsen bei vielen Instituten im homöopathischen Bereich, nämlich bei nahe null. Selbst die 0,3 Prozent der ING oder 0,4 Prozent der DKB, beide erst ab Dezember wirksam, sind vernachlässigbar.

Statt die Sparerinnen und Sparer am steigenden Zinsniveau zu beteiligen, weiten die Kreditinstitute derzeit vor allem ihre Zinsmargen deutlich aus. Vereinfacht gesagt: Sie nehmen Geld für umme auf Sparkonto und parken es über Nacht für 0,75 Prozent bei der EZB, ab Mitte kommender Woche sogar für 1,5 Prozent. Oder sie vergeben Kredite mit deutlich höheren Zinsen als noch vor wenigen Monaten. Der Erlös daraus kommt den Eigentümern zugute – wie etwa bei der Deutschen Bank. Deren Aktionäre können sich über einen Gewinn von 1,1 Mrd. Euro im dritten Quartal freuen, wozu vor allem steigende Zinsen beitrugen. Die Sparzinsen für Privatkunden will der nationale Marktführer aber offenbar nicht anheben.

Banken und Sparkassen haben sich in der langen Phase von Niedrig- und Nullzinsen öffentlich als Fürsprecher für Sparerinnen und Sparer profiliert. Nun, da die EZB endlich das Zinsniveau normalisiert, ist es an den Kreditinstituten selbst, bei den Sparzinsen jene Entschlossenheit zu zeigen, für die sie Christine Lagarde applaudieren.

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