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Zinsentscheid EZB hebt die Zinsen historisch an

Die Europäische Zentralbank in Frankfurt am Main
Die Europäische Zentralbank in Frankfurt am Main
© IMAGO / McPHOTO
Die Europäische Zentralbank erhöht die Leitzinsen um 0,75 Prozent und damit so stark wie noch nie in ihrer Geschichte. Die Notenbanker wollen damit die extrem hohe Inflation im Euroraum eindämmen – und kündigen weitere kräftige Zinserhöhungen an

Mit einer historischen Zinserhöhung verschärft die Europäische Zentralbank (EZB) den Kampf gegen die hohe Inflation und bereitet zugleich die Rückkehr von Sparzinsen vor: Die EZB hebt die Leitzinsen um 75 Basispunkte an, so stark wie noch nie in ihrer 24-jährigen Geschichte. Bereits im Juli hatte sie überraschend deutlich ihre Geldpolitik gestrafft und die Zinsen um 50 Basispunkte angehoben – zum ersten Mal seit elf Jahren.

Damit liegt der Leitzins in der Eurozone nun bei 1,25 Prozent. Dies ist ist der Satz, zu dem Banken sich bei der Notenbank refinanzieren können. Zugleich hob die EZB den Einlagensatz auf 0,75 Prozent an. Dies ist der Zins, zu dem Banken über Nacht Geld bei der Notenbank zur Sicherheit parken können. Am Einlagensatz orientieren sich viele Banken und Sparkassen bei ihren Zinsen auf Tagesgeld- und Sparkonten.

Höhere Zinsen für Sparer in Sicht

Im Juli hatte die EZB bereits den negativen Einlagensatz von minus 0,5 Prozent gestrichen, woraufhin auch zahlreiche Kreditinstitute das sogenannte Verwahrentgelt abgeschafft und damit das Ende der Negativzinsen besiegelt hatten. Nach der heutigen Zinsanhebung steht somit voraussichtlich eine Welle an Zinserhöhungen für Sparerinnen und Sparer an.

Außerdem hob die EZB ihren dritten Zinssatz, die Spitzenrefinanzierungsfazilität, auf 1,5 Prozent an. Zu diesem Satz können Banken aus der Eurozone sich kurzfristig Liquidität bei der Zentralbank beschaffen.

Die Anhebung wird laut EZB nicht die letzte sein. „Auf der Grundlage seiner aktuellen Einschätzung geht der EZB-Rat davon aus, dass er in den nächsten Sitzungen die Zinssätze weiter anheben wird, um die Nachfrage zu dämpfen und dem Risiko einer anhaltenden Verschiebung der Inflationserwartungen nach oben vorzubeugen“, teilte die Zentralbank nach der Entscheidung mit.

Die EZB unternimmt mit den starken Zinsanhebungen den Versuch, die aus dem Ruder gelaufene Inflation wieder zu dämpfen. Zuletzt lag die Inflationsrate in der Eurozone auf einem Rekordwert von 9,1 Prozent. Steigende Zinsen dämpfen die Wirtschaftsaktivität und damit den Preisauftrieb. Zugleich können sie aber die Arbeitslosigkeit erhöhen und es für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer schwieriger machen, Lohnerhöhungen zum Ausgleich für Preissteigerungen durchzusetzen.

Zahlreiche Ökonomen hatten der EZB vorgeworfen, zu lange mit einer Straffung der Geldpolitik gewartet zu haben. „Hätten wir die Zinssätze früher erhöht, wäre es jetzt nicht so schmerzhaft, die Inflation zu senken. Wir hätten heute schon eine Inflation von vier oder fünf Prozent erreichen können“, sagte im Interview mit Capital der bekannte Ökonom Ricardo Reis von der London School of Economics. Die US-Notenbank Fed etwa hat die Zinsen in den USA bereits mehrfach um 0,75 Prozentpunkte angehoben.

Kapitalmärkte reagieren angespannt

Die Kapitalmärkte reagierten gemischt auf die Ankündigung aus Frankfurt: Der Euro fiel zunächst leicht unter die Parität zum Dollar, über die er kurz vorher gestiegen war. An der Börse sorgte die Entscheidung für turbulente Kursbewegungen: Sowohl der Dax als auch der Eurostoxx 50 gaben direkt nach der Ankündigung nach, drehten dann nach oben, um schließlich wieder deutlich zu sinken.

Analystinnen und Analysten bewerten den Schritt der Frankfurter Notenbanker positiv. „Der große Zinsschritt war unausweichlich. Angesichts einer vermutlich bald zweistelligen Inflationsrate in der Eurozone mussten auch die Tauben im Rat den Widerstand gegen starke Zinserhöhungen aufgeben“, sagte der Mannheimer Ökonom Friedrich Heinemann vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung.

ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski glaubt, dass es sich bei der Entscheidung weniger um eine Strategie aus Überzeugung handelt, sondern den Notenbankern schlicht die Alternativen fehlen. „Mit der heutigen Entscheidung ist klar, dass die EZB das Inflationsziel und die Inflationsprognose aufgegeben hat und sich der Gruppe der Zentralbanken anschließt, die sich auf die tatsächliche Inflation konzentriert und diese senkt.“ Ob die EZB Zinserhöhungen so aggressiv fortsetze wie angedeutet, wenn Europa tatsächlich in die Rezession rutsche, sei jedoch unklar.

Einig sind sich Ökonominnen und Ökonomen darüber, dass es auch künftig eine straffe Geldpolitik braucht. Weitere Zinserhöhungen seien notwendig, um den Kaufkraftverlust zu stoppen, sagte Marija Kolak, Präsidentin des Bundesverbandes der Deutschen Volks- und Raiffeisenbanken. Das drängendste Problem für die Wirtschaft sei die Energieknappheit, worauf allerdings die EU-Kommission und die Regierungen eine Antwort finden müssten, nicht die EZB. „Konsequent das Ziel der Preisstabilität zu verfolgen, ist der beste Beitrag, den die EZB zur Überwindung der gegenwärtigen Krise leisten kann“, so Kolak.


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