Notenbank EZB-Anleihekäufe enden „mit sehr großer Wahrscheinlichkeit“

EZB-Präsidentin Christine Lagarde deutet das vorläufige Ende der Anleihekäufe an
EZB-Präsidentin Christine Lagarde deutet das vorläufige Ende der Anleihekäufe an
© IMAGO/NurPhoto
Im zweiten Halbjahr könnte das Aus für Negativzinsen in der Eurozone kommen. Das hat EZB-Präsidentin Christine Lagarde in Aussicht gestellt, allerdings auf hohe Risiken wegen des Ukraine-Krieges hingewiesen

Negativzinsen in der Eurozone könnten im Lauf des zweiten Halbjahres der Vergangenheit angehören. Diese geldpolitische Perspektive hat die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), Christine Lagarde, am Donnerstag während ihrer Pressekonferenz im Anschluss an die Ratssitzung bekräftigt. Im Detail hat sie sogar ihre Position aus dem März ein wenig verschärft, während die Notenbank aktuell an ihren Zinssätzen nichts ändert. Der Leitzins (Hauptrefinanzierungsatz) bleibt somit bei null Prozent; der Einlagensatz, an dem sich Banken bei den Sparzinsen orientieren, bei minus 0,5 Prozent. 

Lagarde betonte das schrittweise Vorgehen der Notenbank. Erst sollen die Anleihekäufe enden, dann werde man über steigende Zinsen sprechen und erst danach beginne die Diskussion um eine Verkürzung der Notenbank-Bilanz. Letzteres würde bedeuten, dass die Notenbank entweder aktiv Teile ihrer Anleihebestände auf den Markt wirft oder Rückzahlungen aus auslaufenden Anleihen nicht mehr reinvestiert. In jedem Fall würde dem Kapitalmarkt damit Liquidität entzogen. 

Das ist aber noch weit weg. Unmittelbar bevorstehen könnte allerdings, dass die EZB aufhört, mittels Anleihekäufen, Liquidität ins System zu pumpen. Schon Ende März hatte sie aufgehört im Rahmen ihres Pandemie-Notprogramms PEPP Staatsanleihen der Euro-Mitgliedsstaaten zu kaufen. Im Sommer dürfte dann auch Schluss sein mit dem regulären Anleihekaufprogramm APP, das Lagardes Vorgänger Mario Draghi noch gestartet hatte.

In diesem Monat kauft die EZB noch netto für 40 Mrd. Euro Staatsanleihen, im Mai für 30 Mrd. und im Juni für 20 Mrd. Euro. Im dritten Quartal werden die Käufe „mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit“ auslaufen, betonte Lagarde, auch wenn es noch keinen offiziellen Beschluss des Rates gebe. Dieser trete am 9. Juni wieder zusammen und werde dann neue Inflations- und Wachstumsprognosen seines Stabes zur Verfügung haben.

Würde die EZB ihren bisherigen Ausstiegspfad beibehalten, könnte sie im Juli noch einmal 10 Mrd. Euro für Staatsanleihen springen lassen und dann das Programm beenden. In der offiziellen Erklärung der Notenbank heißt es dazu: „Auf seiner heutigen Sitzung kam der EZB-Rat zu dem Schluss, dass die seit seiner letzten Sitzung neu verfügbaren Daten seine Erwartung stärken, dass die Nettoankäufe von Vermögenswerten im Rahmen seines Programms zum Ankauf von Vermögenswerten im dritten Quartal eingestellt werden sollten.“ 

Anhand der Juni-Prognosen dürfte die EZB dann auch eine Vorentscheidung über die Zinspolitik fällen. „Änderungen der EZB-Leitzinsen werden einige Zeit nach dem Ende der Nettoankäufe des EZB-Rats im Rahmen des APP vorgenommen“, heißt es dazu. „Dabei werden wir graduell vorgehen.“ Lagarde zufolge kann „einige Zeit“ einen Zeitraum von „einer Woche und mehreren Monaten“ bedeuten.  

Wie schnell es geht, dürfte von den Inflationsprognosen im Juni abhängen. Die EZB strebt auf mittlere Sicht eine Preissteigerungsrate von zwei Prozent für die gesamte Eurozone an. Für März lag dieser Wert allerdings bei 7,5 Prozent, unter anderem wegen stark gestiegener Energiekosten. Lagarde rechnet nach eigenen Worten damit, das die Inflation in nächster Zeit hoch bleiben wird. Je stärker sich das in der Erwartungshaltung verfestigt, desto zügiger dürfte die Zinserhöhung starten. 

Ökonomen erwarten Zinsanstiege

 „Die Entwicklung der Inflationserwartungen wird in den kommenden Monaten den geldpolitischen Kurs der EZB bestimmen“, erläutert Ulrike Kastens, Europa-Volkswirtin bei der DWS. „Zusammen mit einer deutlich aggressiveren Reaktion der US-Notenbank auf Inflationsgefahren steigt das Risiko, dass die EZB entgegen ihrer derzeitigen Kommunikation doch eine schnellere geldpolitische Normalisierung vornehmen muss.“ Vor einer zu zögerlichen Haltung warnt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. „Die trotz der hohen Inflation zögerliche Haltung der EZB ist riskant, weil die Inflationserwartungen und damit auch die Inflation selbst bei einer schlechten wirtschaftlichen Entwicklung steigen können.“ 

Doch unabhängig vom konkreten Zeitpunkt rechnen Ökonomen zum jetzigen Zeitpunkt damit, dass die EZB im zweiten Halbjahr die Zinsen zweimal um je 25 Basispunkte anhebt. Die letzte Pressekonferenz des laufenden Jahres ist für den 15. Dezember angesetzt. Sollte die EZB dann zum zweiten Mal die Zinsen erhöhen, wäre der Einlagensatz (Einlagenfazilität) wohl positiv oder mindestens neutral. Diesen Satz zahlen Banken, wenn sie über Nacht Geld bei der EZB parken. Allerdings betrifft dies nur einen Teil der Spareinlagen. Aktuell liegt er bei -0,50 Prozent.

Sollte der Einlagensatz im Dezember wieder bei null sein, dann könnten zum Jahreswechsel bei vielen Geldinstituten die negativen Zinsen auf größere Spareinlagen enden. Die Deutsche Bank erklärte auf Capital-Anfrage dazu kürzlich: „Die Höhe des Verwahrentgeltes richtet sich nach der sogenannten Einlagenfazilität der Europäischen Zentralbank (EZB). Wenn die EZB den Satz der Einlagenfazilität ändert, werden wir im Privatkundengeschäft das Entgelt kurzfristig entsprechend anpassen. Für den Fall, dass der Satz der Einlagenfazilität null oder größer beträgt, entfällt dann die  Erhebung  des Verwahrentgelts im Privatkundengeschäft.“ 

Zinsschritte könnten Wachstum bremsen

Doch ganz ohne Risiko ist das Szenario nicht. Der russische Krieg gegen die Ukraine habe, so Lagarde, „die Unsicherheit signifikant erhöht“. Dies gelte sowohl für das Wachstum, das sich wegen des Krieges abschwächen dürfte, wie auch für die Inflation, die wegen hohen Energiepreisen und verschärften Lieferengpässen vermutlich hoch bleiben wird.

Hinzu kommt das Risiko, das mit Fragmentierung der Eurozone umschrieben wird. Dabei geht es darum, dass in einigen als risikoreicher eingestuften Mitgliedsländern die Anleiherenditen deutlich stärker steigen als etwa in Deutschland. „Die EZB steht vor dem Problem, dass sie einerseits die Zinsen erhöhen müsste, aber gleichzeitig einen Anstieg der Renditeaufschlägen in Italien, Portugal, Spanien und Griechenland infolge einer restriktiveren Geldpolitik befürchten muss“, sagte Jan Viebig, Chefanlagestratege bei Oddo BHF. 


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