Altersvorsorge Vorläufiges Aus für die Aktienrente

Ein Teil der Rente soll künftig am Aktienmarkt erwirtschaftet werden. Doch die Pläne zur Einführung einer Aktienrente wurden vorerst verschoben
Ein Teil der Rente soll künftig am Aktienmarkt erwirtschaftet werden. Doch die Pläne zur Einführung einer Aktienrente wurden vorerst verschoben
© IMAGO / photothek
Der Einstieg in die Aktienrente wird aus Geldmangel erst einmal vertagt. Schiebt die Regierung ihn nur um ein Jahr auf, ist das o. k. – rückt sie aber ganz von ihren Plänen ab, wäre das fatal. Denn das Rentensystem braucht eine Reform
Eine Zahl sucht man im aktuellen Bundeshaushalt der Regierung vergebens,: Die 10 Mrd. Euro, mit denen die neue Koalition eigentlich der Rente einen Turbo verpassen wollte. Einen Renditeturbo nämlich. Das Extrageld sollte den Einstieg ins aktienbasierte Altersvorsorgesparen ermöglichen. Später hätten diese 10 Mrd. Euro um weitere Gelder aufgestockt werden sollen. Und vor allem die Partei von Finanzminister Christian Lindner hatte sich für diese neue Zusatzvorsorge stark gemacht. Jetzt aber findet man im Haushaltsplan nur Ausgaben für Mobilfunknetze und Gigabitnetze, für „Krisenbewältigungspakete“ und Strompreiskompensation sowie den Klima- und Transformationsfonds. Aber keine Extraausgaben mehr für die Rente.
Dabei steht dem deutschen Rentensystem ein gigantisches Problem ins Haus, so warnen führende Rentenforscher wie Axel Börsch-Supan: „Die gesetzliche Rentenversicherung steht angesichts des demographischen Wandels vor der größten Herausforderung seit Bismarck“, sagt er. Selbst die Rentenreformkommission – die noch von der großen Koalition eingesetzt worden war – mahnte 2021: Ohne Reform werde das Rentensystem spätestens 2030 an einem Kipppunkt stehen. Dann könne die Schar der Erwerbstätigen, die demografiebedingt kleiner wird, die wachsende Gruppe der Ruheständler nicht mehr finanzieren. Es sei denn: Die Bundesbürger zahlten höhere Rentenbeiträge. Oder die Durchschnittsrente fiele gemessen am Durchschnittslohn kleiner aus. Oder die Beschäftigten arbeiteten länger. Letzter Ausweg: Es fließen mehr Steuerzuschüsse ins Rentensystem. Noch mehr.
Denn bereits jetzt gilt: „Die Leistungen an die Rentenversicherung stellen insgesamt den größten Ausgabenbereich im Bundeshaushalt dar“, so sagt es auch der Haushaltsentwurf: Im laufenden „Haushaltsjahr 2022 leistet der Bund rund 107,7 Mrd. Euro an die Rentenversicherung.“ Für noch mehr zusätzliche Steuermittel zur Stabilisierung der Rente aber ist gerade jetzt kein zusätzliches Geld da – angesichts der Ausgaben für die Coronapandemie und den Krieg in der Ukraine.
Völlig unabhängig von diesen unerwarteten Zusatzausgaben: Die neue Bundesregierung müsste dringend eine Reform des Rentensystems auf den Weg bringen. Das wollte sie ursprünglich auch, so hielt sie zumindest im Koalitionsvertrag fest: Dort heißt es, ein Steuerzuschuss von 10 Mrd. Euro sollte „in einem ersten Schritt“ als Einstieg in die Kapitaldeckung bereitgestellt werden. Aus allgemeinen Steuermitteln. Davon sollte bereits ein Aktien-Spartopf installiert werden, der später mit zusätzlichem Geld hätte angefüllt werden sollen.
Nun aber ist klar: Zumindest 2021 wird dieser 10-Mrd.-Euro-Zuschuss nicht fließen. Davon ist auf den 33 Seiten des jetzigen Haushaltsentwurfs an keiner Stelle mehr die Rede. Im Gegenteil, dort steht sogar, dass selbst die bisherigen Zuschüsse ans Rentensystem erst einmal gestutzt werden: „Im ersten Schritt wird die Sonderzahlung für das Jahr 2022 um 500 Millionen Euro vermindert“, heißt es dort. Wie es in den Folgejahren weitergeht, lässt die Regierung offen: „Entsprechende gesetzliche Regelungen für die Sonderzahlungen in den Jahren 2023-2025 werden zu einem späteren Zeitpunkt getroffen.“
Woher der Sinneswandel kommt, ist klar: Die Regierung hat im laufenden Jahr weitaus höhere Zusatzausgaben zu bewältigen, die durch den Krieg Putins in der Ukraine anstehen: Zuerst fließen 100 Milliarden Euro zusätzlich in Rüstung und Verteidigung. Da bleibt erst einmal kein Geld für die Anschubfinanzierung der Aktienrente.

Ohne Reform geht es nicht

Dabei liegen es seit Jahren gute Vorschläge auf dem Tisch, wie die Republik es schaffen könnte, ab 2030 nicht ins Rentenfinanzdesaster hineinzulaufen: Die Einführung der Aktienrente war die jüngste Idee, die von den Liberalen stark im Bundestagswahlkampf propagiert wurde. Außerdem existiert das Modell der Extra- oder Deutschland-Rente, das bereits vor Jahren die Grünen erarbeitet haben mit einem breiten Bündnis aus Verbraucherverbänden. Die beiden Modelle funktionieren recht ähnlich, sind aber an unterschiedlichen Stellen im Finanzsystem aufgehängt:

Die  Deutschland- oder Extrarente

Bei der Idee der Extrarente der Grünen wird ein staatlich organisierter Fonds in der privaten Altersvorsorge aufgehängt – dort, wo man bisher mit Versicherungen, Riester, oder Banken spart. Er legt das Geld zentral in passive Aktienfonds an, das ist kostengünstig und effektiv, weil es gute Renditen verspricht. Dabei zählt jeder automatisch zum Kreis der Einzahler. Man kann die Zusatzvorsorge aber abwählen (opt-out), wenn man nicht (oder selber) vorsorgen will. Der Knackpunkt ist aber: Die Bürger müssen die Einzahlung zusätzlich zu gesetzlichen Rentenbeiträgen leisten. Also rund zwei Prozentpunkte des Einkommens „on top“ abdrücken. Dagegen sträuben sich bisher vor allem Gewerkschaften und SPD, die gerade Wenigverdiener nicht stärker belasten wollen.

Die Aktienrente

Das Aktienrenten-Modell der FDP dagegen wird in der Säule der gesetzlichen Rente integriert. Die Idee ist: Wie bisher werden Rentenbeiträge eingezogen (18,6 Prozent vom Brutto). Davon gehen beispielweise 2 Prozent in den Aktienspartopf. Das Geld wird dann ebenfalls zentral und passiv angelegt. Die Erträge aus dem Aktiensparen stocken später die gesetzlichen Renten auf. Kein Einzahler müsste zusätzliche Gehaltsteile abdrücken, das ist der Charme bei diesem Modell. Dafür schrumpft aber der Anteil, der in die gesetzliche Umlagenrente fließt, das ist hier der Knackpunkt. Denn bisher erklärt niemand, wie diese 2-ProzentEinzahlungslücke geschlossen werden soll.
Für beide Modelle gilt, wenn sie so konstruiert werden, wie sich das die Experten vorstellen: Sobald ein Arbeitnehmer 55 Jahre alt wird, würde sein Sparanteil schrittweise von Aktien in Anleihen umgeschichtet. So verhindert man, dass Börsenkrisen kurz vor Rentenbeginn das individuell angesparte Kapital noch arg dezimieren.

Die Gemeinsamkeiten

Was die beiden Modelle gemeinsam haben: Sie setzen aufs langfristige Aktiensparen zur Altersvorsorge, unter staatlicher Organisation. Indem eine offizielle Stelle nämlich gebündelt Wertpapiere kauft, könnte sie den Kauf der Papiere und die Verwaltung des gesamten Spartopfes sehr günstig abwickeln – denn sie wäre eine echte Marktmacht. Das bedeutete für Sparer viel geringere Kosten als bei herkömmlichen Aktienfonds, mit denen Privatleute auf eigene Faust anlegen. Und in die Koalitionsregierung konnte sich ja anscheinend auf den Einstieg in diese Kapitalmarktanbindung der Rente einigen.
Es wäre daher geradezu fahrlässig, wenn dieser Einstieg in die aktienfinanzierte Rente auf Dauer unterbliebe, sei es aus Geldmangel oder mangels politischen Willens. Denn dadurch bliebe noch weniger Zeit, die absehbaren Lücken im Altersruhegeld noch mit Erträgen zu stopfen. Am Kapitalmarkt zählt nämlich jedes Jahr, damit sich bei der Geldanlage irgendwann der Zinseszinseffekt bemerkbar machen kann. Und erst er sorgt dafür, dass sich selbst kleine Beträge auf lange Sicht großartig vermehren.  

Wie machen es die Schweden?

Die Schweden zeigen uns schließlich schon seit 20 Jahren, was so ein Modell bringen kann: Die Vorsorgebeiträge der Bevölkerung fließen dort ebenfalls zum Großteil ins staatliche Rentensystem, ein kleinerer Teil wird direkt vom Gehalt jedes Bürgers in den Aktienspartopf geleitet. Das Geld wird gesammelt investiert, die Einzahlungen bleiben aber jedem einzelnen Bürger zurechenbar. Die Kosten für die Geldanlage sind winzig, die Erträge dagegen hoch: Der Schwedenfonds schafft seit 20 Jahren eine Rendite von rund 10 Prozent – pro Jahr.
Obwohl er mitten im Dotcom-Crash startete, später auch noch die Finanzkrise und die Eurokrise durchmachte. In diesen Krisen brach auch der Wert der schwedischen Aktien-Altersvorsorge ein, aber die Schweden ließen sich nicht beirren. Der staatliche Pensionsfonds setzte übrigens genau nach diesen ersten Krisenjahren noch stärker auf Aktien – weil die sich nach Krisen auch recht schnell wieder erholen. Insgesamt verbuchte der Schwedenfonds seither nur vier Verlustjahre, dafür viele Superjahre mit 30 Prozent Rendite und mehr.
Solange es solche staatlichen Aktienfonds aber hierzulande noch nicht gibt und die Politik sie immer wieder auf die lange Bank schiebt, hilft nur eines: Jeder sollte selbst mit Aktien sparen. Selbst wenn das für Privatleute teurer ist als eine staatliche Lösung. Günstige oder weniger günstigere Einstiegszeitpunkte dafür gibt es übrigens nicht. Denn die Aktienmärkte schwanken immer – auf lange Sicht aber, also bei einer Anlagedauer von 20 oder 30 Jahren  legten sie zumindest bisher immer stattlich zu. Und garantierten den Sparer eine Positivrendite, die mindestens diejenige von Anleihen und kapitalbildenden Versicherungen übertraf. Im Bestfall schnitten sie ungefähr so gut ab wie der Schwedenfonds.

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