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Drohende Pleite Drahtseilakt: Wie Russland versucht einen Zahlungsausfall zu verhindern

Die Sanktionen des Westens treffen nun auch die russische Zentralbank.
Die Sanktionen des Westens treffen nun auch die russische Zentralbank.
© IMAGO / ITAR-TASS
Einige Zahlungen kamen pünktlich. Andere mehrere Tage zu spät. Immer mehr russische Zahlungen bleiben in einem Netz von Finanzintermediären stecken, die versuchen, ihre Arbeit zu tun und zugleich die Sanktionen gegen Russland nicht zu verletzen

Einen Monat nach dem Einmarsch in der Ukraine wird Investoren allmählich klar, wie schmal der Grat ist, auf dem Russland und einige seiner größten Unternehmen balancieren, um einen Zahlungsausfall zu verhindern. Einst ein Liebling der Schwellenländer-Investoren, lässt Russland ihnen nun nur eines: Sie müssen auf ihr Geld hoffen.

„Je länger das so weitergeht, desto hässlicher wird es werden“, sagt der Experte für Staatsanleihen Lee Buchheit, der Russland und Dutzende andere Länder bei Umschuldungen beraten hat. „Putin hat die Russische Föderation diplomatisch, wirtschaftlich und sogar gesellschaftlich in den meisten Teilen der Welt zum Paria gemacht. Meinst du echt, dass ihn der Gedanke um den Schlaf bringt, dass er seine Auslandsschulden in Verruf bringt?“

Bislang ist es der russischen Regierung gelungen, die Kuponzahlungen für drei ihrer Eurobonds zu leisten, darunter eine, die letzte Woche fällig war – allerdings nicht ohne einige Verzögerungen. Am Freitag teilte die russische nationale Verwahrstelle mit, dass die Transaktionen mit Clearstream nicht abgewickelt werden konnten, weil ihr Konto am 24. März gesperrt wurde. Damit ist unklar, wie es mit den staatlichen Zahlungen an Bondhalter weitergeht.

Der nächste Kupontermin Russlands ist der heutige Montag, an dem 102 Mio. Dollar Zinsen einer Anleihe mit Fälligkeit 2035 gezahlt werden müssen – ein Bond, bei dem unter bestimmten Bedingungen auch die Zahlung in Rubel möglich ist. Am 31. März wird der Zinskupon für Staatsanleihen mit Fälligkeit 2030 in Höhe von 87,5 Mio. Dollar fällig, bei dem Clearstream laut Anleiheprospekt eine Rolle spielt.

Das sind Russlands Schulden
Das sind Russlands Schulden
© Bloomberg

Für russische Unternehmen, deren Eigentümer von den Sanktionen betroffen sind, stellt sich die Lage anders dar. Die meisten sind zahlungsfähig und -willig, stoßen aber auf teilweise unüberwindliche Hindernisse.

Severstal, der Stahlproduzent des russischen Milliardärs Alexei Mordaschow – in Deutschland auch als Tui-Retter bekannt – nähert sich dem Zahlungsausfall, weil die Korrespondenzbank Citigroup eine Kuponzahlung nicht ausführt. Eine Kuponzahlung des Stahlkonzerns Evraz, an dem Roman Abramowitsch einen Anteil hält, kam erst bei der Zahlstelle an, als die Société Générale ihre Sperre aufhob. Sowohl Mordaschow als auch Abramowitsch wurden von der EU und Großbritannien mit Sanktionen belegt, nicht aber von den USA, was die Verwirrung nicht verkleinert. Beim Erdgasriesen Gazprom und der Russischen Eisenbahn werden noch im März Zahlungen fällig. 

„Die Wertvernichtung war für die Anleger immens“, sagt der Portfoliomanager für Schwellenländer Anthony Kettle von BlueBay Asset Management. „Es ist eine Erinnerung an die Tail-Risk-Ereignisse, die auftreten können.“

Auslegungsfragen

Zudem werden die Sanktionen von den Intermediären entlang der Zahlungskette unterschiedlich interpretiert. Citigroup ist die Zahlstelle für etwa vier Dutzend russische Unternehmensanleihen, wie Bloomberg-Daten zeigen. Während einige – etwa Gazprom und Norilsk Nickel – in den letzten Tagen Kuponzahlungen geleistet haben, gerieten diese bei anderen ins Stocken. Wie bei Severstal blockierte Citigroup letzte Woche auch eine Zinszahlung der EuroChem-Gruppe in Höhe von 19,25 Mio. Dollar.

Ein weiterer Fall betrifft die Suchmaschine Yandex, der ein Zahlungsausfall droht, weil ihre Wandelanleihen in Aktien getauscht werden können, die wegen der Sanktionen ausgesetzt sind. Das „russische Google“ hat Experten angeheuert, um eine Lösung zu suchen.

Die Zahlung der Kupons bringt einige Anleger dazu, bei russischen Anleihen Wertpotenzial zu orten, vor allem bei kurzen Restlaufzeiten. „Die Bereitschaft der russischen Unternehmen und der staatlichen Stellen, Zinsen zu zahlen und zu tilgen, ist ermutigend“, sagt die Portfoliomanagerin Persella Ioannides von MeritKapital, einer Fondsgesellschaft für Investitionen in Schwellenländern. „Die Maßnahmen der russischen Zentralbank und des Kremls zur Stützung des Rubels werden ebenfalls helfen.“

Andere sehen eher Potenzial für einen Dominoeffekt. „Investitionen in Russland machen überhaupt keinen Sinn“, meint Robert Koenigsberger, Chief Investment Officer bei Gramercy Funds Management. „Das Handelssystem bricht zusammen.“

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