KolumneDie wahren Gründe für den Kurssturz

Christian Kirchner
Christian Kirchner
© Gene Glover

Christian Kirchner ist Frankfurt-Korrespondent von Capital. Er schreibt an dieser Stelle regelmäßig über Geldanlagethemen. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen


Eine meiner Lieblingsstellen im Buch „Der schwarze Schwan“ von Nassim Nicholas Taleb ist jene Passage, in der Taleb dem Leser die Lächerlichkeit von raschen Markteinschätzungen vorführt: Unmittelbar nach der Ergreifung Saddam Husseins waren US-Staatsanleihen zunächst gestiegen. Kommentatoren hatten das darauf zurückgeführt, dass auch Husseins Ergreifung den Terrorismus nicht bändigen könne. Anschließend brachen die Staatsanleihen ein, was – Sie ahnen es – Kommentatoren ebenfalls auf Saddams Ergreifung zurückführten: Schließlich bestünde nun die Chance, dass der Terror im Irak ende und Aktien wieder kletterten.

Die Stelle geht mir immer wieder durch den Kopf, wenn Strategen nach Erklärungen für den aktuellen Kursverfall an den Märkten suchen (wahlweise sind der Ölpreis, China, die US-Konjunktur, die Deflationssorgen Schuld). Oder wenn anhand ein und derselben Zahl aus der Volkswirtschaft erläutert wird, warum Aktienkurse einbrechen (weil die Zahl auf eine Rezession hindeutet), beziehungsweise warum die Kurse klettern (weil die Zahl auf noch mehr billiges Notenbankgeld hindeutet). 

DAX Index

DAX Index Chart
Kursanbieter: L&S RT

Angst vor Konjunktureinbruch

Ich würde Ihnen daher an dieser Stelle zur Lage gerne guten Gewissens eine der üblichen Durchhalteparolen geben. Das wäre allerdings ähnlich hilflos wie die merkwürdigen Erklärungsversuche vieler Strategen. China-Schwäche, Ölpreisverfall, Deflation usw. sind alle schon hinreichend durchgekaut, sie können niemanden mehr kalt erwischen. Letztlich ist es nur das typische Hinterherklappern einer Kursbewegung. Nein, hinter den Kurseinbrüchen steckt etwas anderes, etwas Fundamentaleres:

Erstens die Sorge, dass wir in eine starke Wirtschaftseintrübung weltweit – ganz gleich, welche Ursache sie auch haben mag – schlittern könnten, obwohl die Notenbanken weltweit bereits alle verbalen und monetären Register gezogen haben, um die Wirtschaft mit Null- oder gar Strafzinsen und Anleihenaufkäufen zu stützen. Denn welche fiskalischen und monetären Impulse sind überhaupt noch drin, wenn man bereits als Antwort auf die Finanzkrise 2008 mit neuen Schulden und laxer Geldpolitik „all in“ gegangen ist? Genau darin steckt die Unsicherheit, die Anleger derzeit aus riskanten Anlagen treibt, ganz unabhängig von den unmittelbaren Auslösern. Denn wenn EZB-Chef Mario Draghi schon 2012 gesagt hat, er werde „alles“ tun, um den Euro zu retten – wie steigert man „alles“ in der nächsten Krise? Mit noch mehr Anleihenaufkäufen, noch höheren Strafzinsen? Mit Ölkäufen, wie kürzlich jemand vorschlug? 

Und zweitens steckt hinter dem Einbruch die Tatsache, dass sich nun allmählich (aber auch nicht völlig unbeobachtet) die Schattenseiten jener Maßnahmen zeigen, mit denen man auf die Finanzkrise 2008/2009 reagiert hat.