GeldanlageWarum die "Trumphorie" übertrieben ist

Händler an der Wall Street
Die Trump-Euphorie trieb den Dow-Jones-Index über 20.000 Punkte
© Getty Images

Es vergeht kaum ein Tag, an dem die Welt momentan nicht nach Amerika blickt und verfolgt, was dort passiert. Es ist der Anfang einer neuen präsidialen Ära, soviel steht fest. Doch ob sie nun die Welt zu einem noch nie dagewesenen Aufschwung bringen wird (zumindest die amerikanische Welt), oder sie eher in den Abgrund reißen wird, das fragen sich derzeit viele. Zumindest einer startete bisher größtmöglich durch: Der amerikanische Aktienindex Dow Jones feierte kurz nach der Amtseinführung von Präsident Donald Trump sein Allzeithoch und knackte erstmals die Marke von 20.000 Punkten. Mittlerweile hat er sie sogar bereits hinter sich gelassen und kletterte noch weiter. Das ist schon ein historischer Moment.

Damit hat der US-Leitdindex seit der Wahl Trumps knapp 2000 Punkte hinzu gewonnen von 18.300 auf rund 20.100 Punkte. Das bedeutet auf Dreimonatssicht eine Steigerung um knapp 10,5 Prozent. Auch im Rest der Welt schwingen sich die Aktienkurse seitdem bergauf. Der deutsche Aktienindex Dax legte seit November von 10.200 auf 11.800 Punkte zu, was ebenfalls knapp zehn Prozent mehr bedeutet, 9,75 Prozent um genau zu sein. Es kommt nur sehr selten vor, dass politische Ereignisse für einen derartigen Umschwung an den Börsen sorgen, stellen Finanzanalysten fest. In den Monaten zuvor waren schließlich die warnenden Stimmen lauter geworden, die mahnten, der jetzige Aufschwung dauere nun schon acht Jahre an – das sei, gemessen an bisherigen Haussen bereits ungewöhnlich lange. Und dann kam Trump.

Seine Wahl scheint nun tatsächlich für einen Stimmungswechsel gesorgt zu haben. Zumindest ist von Pessimismus derzeit kaum etwas zu spüren, viele Anleger schwimmen stattdessen auf der Welle der Trump-Euphorie. Schon nach seiner Wahl preschten viele Anleger mit ihrem Geld an die Börsen und kauften in großen Mengen Aktien und Fonds. Die Indexfondsanbieter schrieben seit November Rekordzahlen beim Verkauf von Aktien-ETFs. Bei den Publikumsfonds (bei denen man davon ausgehen kann, dass sie vornehmlich von langfristig orientierten Anlegern gekauft werden) legten vor allem Fonds mit US-Großkonzernen, multinationalen Konzernen und flexibel anlegende europäische Fonds stark zu. Auch nach der Amtseinführung Trumps hielt der Optimismus an und sorgte für die neuen Höchststände an der Börse. So kann es weitergehen, jubeln viele Börsianer jenseits – und auch diesseits – des Ozeans. Aber wird es das auch?

Trumps Pläne werden maßlos überschätzt

Inzwischen kommen erste skeptische Stimmen: Wäre Donald Trump eine Aktie, dann wäre dieses Papier ganz klar überkauft, sagen manche im Börsenjargon. Ihr werde also zu viel Potenzial zugetraut, das habe nicht nur ihren Kurs zu sehr in die Höhe gejazzt, sondern auch die Kurse an den weltweiten Börsen. Zwar erwarten die Amerikaner unter ihrem neuen Präsidenten ein größeres Konjunktur- und Infrastrukturpaket, das dieser ja immer wieder angekündigt hat und verbunden damit wären natürlich auch Gewinne für die dortige Wirtschaft. Nun aber mahnen die ersten Marktbeobachter: Die Effekte dieses Programms würden von den Börsianern maßlos überschätzt. Zumindest werde das erwartete Wachstum wohl nicht so üppig ausfallen wie es die bereits gestiegenen Aktienkurse derzeit vermuten lassen. Es könnte wohl 0,5 Prozentpunkte mehr für das Wirtschaftswachstum bedeuten, aber vermutlich nicht mehr. Dafür scheinen die Aktienkurse tatsächlich arg weit davongeprescht.

Höchstwahrscheinlich werde der Aufschwung auch nicht sehr schnell vonstatten gehen. Er wird wohl nicht in diesem Jahr einsetzen, sondern sich erst ab 2018 bemerkbar machen. Zudem gehe eine Gefahr bei all dem auch von der steigenden Staatsverschuldung aus. Denn nur, wenn es bei stabilem Staatshaushalt und einem stabilen Wachstum auch zu der erwarteten Inflation käme, könnte die amerikanische Notenbank Fed ihre Ankündigung wahr machen und die Leitzinsen künftig weiter anheben. Worauf ja alle hoffen.

Dazu mehren sich bei Fondsmanagern die Befürchtungen, es könnte zu Handelskriegen und Protektionismusschüben kommen. Da stellt sich die Frage, was das für die globale Wirtschaft bedeute. Denn nicht nur Amerika, sondern auch Großbritannien wollen einige Verbindungen zu Handelspartnern kappen und sich zusehends auf ihre eigenen Volkswirtschaften verlassen. Eine Idee, die viele Investoren nicht für besonders gut halten, weil beide Länder auch stark von ihrer Exportwirtschaft leben. Vor allem die Vereinigten Staaten profitieren stark vom Welthandel. Zudem ist auch der europäische Absatzmarkt für beide nicht zu unterschätzen. Jeder dritte Fondsmanager befürchtet daher laut einer Umfrage der Bank of America Merrill Lynch, dass die Protektionismusbestrebungen eher schaden könnten. Wenn Trump und die britische Premierministerin Theresa May tatsächlich einen harten Kurs in Richtung Abschottung einschlagen, wer würde davon profitieren?

Profianleger schichten ihre Portfolios um

So kommt es zu einem zwiespältigen Bild: Denn während die meisten Ökonomen in Bezug auf die Konjunktur in Amerika, Europa und der Welt so optimistisch sind wie seit zwei Jahren nicht mehr – offenbar erwarten sie einhellig ein Wachstumsplus – sind sie doch skeptisch, ob es auch tatsächlich dazu kommen wird und ob der Wohlstand bei Firmen und Investoren tatsächlich wächst. Weil niemand weiß, was uns allen in den kommenden Monaten politisch noch blühen wird. Woran man ihre Skepsis ablesen kann? Daran, dass sie ihre Depots umschichten.

Einige haben amerikanische Aktien in ihren Portfolios inzwischen wieder untergewichtet, also einige davon wieder aus dem Portfolio geworfen und die Gewinne der vergangenen Wochen erst einmal mitgenommen. Zehn Prozent Plus innerhalb von nur drei Monaten sind schließlich eine ziemlich gute Ausbeute. Auch von Schwellenländeraktien haben sich viele Profianleger vermehrt getrennt. Denn wenn es weltweit zu Schäden durch Protektionismus kommen sollte, so begründen es die Ökonomen, dann machten sie sich nicht nur bei denen bemerkbar, die sich abschotten wie die USA und Großbritannien, sondern sie wären auch in den Schwellenländern groß. Letztere dürften außerdem auch die ersten sein, die leiden werden, wenn die Zinsen tatsächlich irgendwann stärker steigen. Denn dann wird es für sie schwerer, die Kredite für ihre Staatsschulden zurückzuzahlen.

In Summe – und das ist das deutlichste Zeichen für die wachsende Skepsis – haben die Großinvestoren derzeit einen größer werdenden Teil ihres Kapitals nicht investiert. Die meisten halten laut Umfrage gut fünf Prozent ihres Geldes in Cash – und warten lieber ab, bis die Aussichten klarer sind. Manche Fondsmanager hierzulande setzen stattdessen lieber langfristig auf europäische Aktien, die verglichen mit amerikanischen Papieren noch deutliches Aufholpotenzial haben. Andere haben ihre Bestände an Dax-Papieren aufgestockt. Was die Branchen betrifft, sind Technologiewerte und Immobilienaktien jetzt für viele die Geheimtipps. Zumindest in den vergangenen zehn Jahren fuhren deutsche Anleger mit breit gestreuten Heimataktien nicht schlechter als mit amerikanischen Aktien – sondern sogar besser. Mal sehen, wem der Lauf der Geschichte dann in fünf oder zehn Jahren rückblickend Recht geben wird.


Nadine OberhuberNadine Oberhuber ist Wirtschafts- und Finanzjournalistin. Sie schreibt auf Capital.de über Geldanlagethemen

 


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