SchwellenländerAngst vor der türkischen Grippe

Der Kursverfall lockt wieder mehr Touristen ins Land
Der Kursverfall lockt wieder mehr Touristen ins Land dpa

Wenn der Währungskurs der Gradmesser dafür ist, wie gesund eine Ökonomie ist, dann steht es um die Türkei zurzeit schlecht. Sehr schlecht sogar. Sie ist der kranke Mann am Rande Europas, könnte man sagen. Die türkische Lira befand sich zuletzt geradezu im freien Fall, nachdem Staatschef Recep Tayipp Erdogan angekündigt hatte, die Türkei werde es halten wie die USA und nun auch Sanktionen gegen US-Produkte verhängen. So verlor die türkische Lira insgesamt seit Jahresbeginn rund die Hälfte ihres Wertes. Mittlerweile hat sie sich ein wenig stabilisiert. Doch die eigentliche Frage ist nicht, wie schlimm es um die Türkei steht. Ihr hatten viele Ökonomen schließlich schon eine Wirtschaftskrise vorausgesagt. Sondern es geht die Sorge um, ob der kranke Mann am Bospurus und der Handelsstreit zwischen der Türkei und den USA in der Lage sein werden, andere Schwellenländer anzustecken.

Bedenkliche Symptome nämlich zeigten sich zuletzt auch in anderen Ländern: China etwa ist bereits mächtig in Streitigkeiten verwickelt und verhängte mehrere Strafzölle gegen US-Produkte – als Reaktion gegen die Strafzölle von US-Präsident Donald Trump. Seitdem fällt der Renminbi und auch der Aktienindex Hang Seng drehte bereits mächtig nach unten. In Russland das gleiche Bild: Auch hier sorgen Sanktionen für Wirbel, die vorerst einen fallenden Rubel zur Folge haben. Der russische Aktienindex sackte ebenfalls ab. Auch andere Währungen wie den südafrikanischen Rand sehen Analysten bereits mit im Abwärtssog. Der mexikanische Peso leide ohnehin unter dem America-First-Kurs Trumps.

Denn klar ist: Jede neue Attacke im Handelsstreit trägt dazu bei, dass ein Stückchen Vertrauen in den Welthandel sinkt. Und ebenso in die Fähigkeit der aufstrebenden Schwellenländer, sich durch anhaltendes Wirtschaftswachstum selbst zu entwickeln und das globale Wachstum zu beflügeln. Ist die große Aufschwungzeit also bald vorbei und droht den Emerging Markets nun die große Krise? Ähnlich wie 1997 als die große Asienkrise in den Schwellenländern ausbrach?

Sorge um Schwellenländer

Drei Jahre lang hielt ihr Boom zuletzt an. Immerhin 18,5 Prozent schaffte der MSCI Emerging Markets Index seit 2015. Doch seit Beginn dieses Jahres erlebt der Index einen steilen Sinkflug von 1273 Punkten auf inzwischen 1023 Punkte. Und spätestens seit dem Ausbruch der aktuellen Wirtschaftskrise in der Türkei stellen viele die bange Frage, ob das die Negativentwicklung noch weiter anheizt und einen „Tipping Point“ darstellen könnte, also einen jener Punkte, an dem plötzlich nicht nur ein einzelner Dominostein umfällt, sondern eine ganze Reihe zusätzlicher Steine zum Fallen bringt.

Wieso ausgerechnet die Türkei, fragt man sich. Schließlich ist ihr Gewicht im Welthandel und am globalen Wirtschaftsaufschwung begrenzt. Im weltweiten MSCI Emerging Markets Index macht sie bloß einen Anteil von 0,7 Prozent aus. China hingegen dominiert mit rund 31 Prozent den Index. Und in China geht es zwar bei den Strafzöllen insgesamt um einen Exportwert von 200 Milliarden Dollar, der von einer Abgabe in Höhe von 25 Prozent bedroht ist, das allerdings schmälert die Wirtschaftsleistung der Volksrepublik bislang höchstens um ein paar Zehntel Prozentpunkte hinterm Komma, sagen neue Exportstatistiken. China wächst ungeachtet der Strafzölle kräftig weiter.

Von der Türkei kann man das derzeit nicht behaupten. Zwar hat Staatschef Erdogan mit vielen ausländischen Krediten zuletzt die Ökonomie anzukurbeln versucht. Zuletzt hat er den Scheich von Katar als neuen Geldgeber gewonnen, der 15 Mrd. Dollar ins Land investieren will, was die Finanzmärkte etwas beruhigte. Doch all das täuscht nicht darüber hinweg, dass das Leistungsbilanzdefizit der Türkei mit fünf Prozent groß ist, sich das Fiskaldefizit ausweitet und die Inflation zunehmend außer Kontrolle gerät. Mittlerweile beträgt die Geldentwertung rund 15,9 Prozent auf Jahressicht. Das ist enorm und hat viel Vertrauen am Markt zerstört.