Lira-AbsturzDie Türkei versinkt in der Krise

Die türkische Lira steht erheblich unter Druck
Die türkische Lira steht erheblich unter DruckGetty Images

Recep Tayyip Erdogan ist nicht gerade für sein diplomatisches Geschick bekannt. So verwundert es kaum, dass der türkische Staatspräsident mitten in der schlimmsten Wirtschaftskrise seit Jahren die Konfrontation mit Washington sucht. US-Präsident Donald Trump hat die Einfuhrzölle für Stahl und Aluminium aus der Türkei verdoppelt. Hintergrund dieses Schrittes ist, dass die Türkei einen US-amerikanischen Pastor festhält, dem sie Verbindungen zum Prediger Fethullah Gülen vorwirft. Ankara macht Gülen für den Putschversuch vor zwei Jahren verantwortlich.

Nun schlägt Erdogan zurück: Die Türkei will die Zölle auf diverse US-Produkte, darunter Autos, Tabak und Alkoholika, erhöhen – um bis zu 140 Prozent. Darüber hinaus kündigte Erdogan einen Boykott für elektronische Produkte aus den Vereinigten Staaten an.

Der Streit mit den USA könnte indes ein bloßes Ablenkungsmanöver sein, vermutet Stuart Canning, Analyst beim Fondsanbieter M&G. Er weist darauf hin, dass gerade einmal fünf Prozent der türkischen Exporte die USA zum Ziel haben – der größte Teil davon sind Edelmetalle, die von den neuen Strafzöllen gar nicht betroffen sind. „Ein viel größeres Problem für die Türkei ist die hohe Verschuldung in Fremdwährungen. Denn die Schwäche der Lira verteuert die Schulden und erschwert ihre Tilgung“, sagt Canning.

Wir halten eine Staatspleite in der Türkei inzwischen für eine Frage der Zeit

Martin Lück, Blackrock-Kapitalmarktstratege

Der Lira-Verfall hat inzwischen dramatische Züge angenommen. Seit Jahresbeginn hat die türkische Währung gegenüber dem US-Dollar rund 40 Prozent an Wert verloren. Zugleich liegt die Inflation mit rund 16 Prozent auf dem höchsten Stand seit Jahren. Seit Mitte dieser Woche scheint der Fall der Lira zwar vorerst gestoppt. Gut sieht die Lage am Bosporus aber deshalb noch lange nicht aus.

EUR/TRY (Euro / Türkische Lira) Währung

EUR/TRY (Euro / Türkische Lira) Währung Chart
Kursanbieter: FXCM

Die Türkei steckt in einer ausgewachsenen Währungs- und Wirtschaftskrise. Neben dem Lira-Verfall und der Inflation, die das Schuldenproblem verschärfen, leidet das Land unter einem hohen Leistungsbilanzdefizit und massiven Kapitalabzügen ausländischer Investoren. Immer mehr Anleger und Unternehmen ziehen sich zurück oder verschieben Investitionspläne auf unbestimmte Zeit. Sie fürchten die politischen und wirtschaftlichen Unwägbarkeiten, die mit Erdogans erneuter Präsidentschaft einhergehen. „Wir halten eine Staatspleite in der Türkei inzwischen für eine Frage der Zeit, falls sich die Regierung nicht zu einer Abbremsung der heiß gelaufenen Wirtschaft durchringen sollte“, sagt Martin Lück, leitender Kapitalmarktstratege bei Blackrock.

Um die Türkei aus der Krise zu führen, müsste die türkische Notenbank die Leitzinsen deutlich anheben, sagen Ökonomen. Das könnte zwar die Binnenwirtschaft belasten, würde aber voraussichtlich Inflation und Kapitalflucht bremsen. Eine Alternative könnte ein Kredit des Internationalen Währungsfonds (IWF) sein, der ausländische Kreditgeber zumindest kurzfristig beruhigen würde.

Verordneter Patriotismus

Erdogan sieht das offenbar anders. Er ist ein erklärter Gegner höherer Zinsen – und dürfte auch einem IWF-Kredit ablehnend gegenüberstehen, sagen Strategen der Deutsche-Bank-Tochter DWS. Sollte sich die Türkei beim IWF Geld leihen, wäre es nämlich mit fiskalischen Geschenken an Erdogans Wähler vorerst vorbei.

Erdogan zufolge sind die Ursachen der Krise ohnehin nicht in der Türkei zu suchen – das Land stehe vielmehr unter Beschuss von außen. Der Präsident sieht die Angreifer wahlweise in den USA, bei den großen Ratingagenturen oder unter Devisenspekulanten. Um den Währungsverfall in den Griff zu bekommen, hat Ankara deshalb die Regeln für Devisengeschäfte türkischer Banken mit ausländischen Investoren verschärft. Daneben hat Erdogan seinen Bürgern strikten Patriotismus verordnet: Wer in den Nachrichten oder im Internet negative Kommentare zur türkischen Wirtschaft abgibt, macht sich nun laut Innenministerium strafbar.

Hilfe aus Katar

Inmitten der Türkei-Krise gibt es auch eine gute Nachricht für Anleger: Fondsmanager und Analysten sehen keine Ansteckungsgefahr für andere Schwellenländer. „Ausländische Investoren haben die Türkei schon seit einiger Zeit zurückgefahren und das Land untergewichtet. Deshalb sehen wir kaum Ansteckungsrisiken“, sagt Damien Buchet, Anlagespezialist beim Fondsanbieter Finisterre Capital. Auch das Engagement von Banken aus der Europäischen Union innerhalb der Türkei sei überschaubar, eine EU-weite Bankenkrise mithin unwahrscheinlich.

Darüber hinaus hat Katar Hilfe angekündigt. Der Emir des Zwergstaates am Golf, Tamim bin Hamad Al Thani, stellte der Türkei am Mittwoch Direktinvestitionen mit einem Volumen von insgesamt 15 Mrd. US-Dollar in Aussicht. Ob die Finanzspritze aus dem Emirat die Sorgen anderer ausländischer Investoren lindern kann, wird sich in den kommenden Wochen zeigen.