Geldanlage Werden Sie zum Anleger-Opportunisten!

Ein Händler an der Wall Street: Wie lange geht es noch aufwärts mit den Kursen?
Ein Händler an der Wall Street: Wie lange geht es noch aufwärts mit den Kursen?
© Getty Images
Der US-Aktienmarkt markiert ein neues Allzeithoch und der Optimismus ist zurück. Er wird aber nicht ewig halten. Nadine Oberhuber erklärt, warum genau jetzt die richtige Zeit ist, das Depot stark für schlechte Zeiten zu machen

Wenn es gut läuft, zählt sich jeder gern zu den Gewinnern. Deshalb betonen viele Menschen gerade in solchen Momenten, dass sie auch dazugehören. Zu jenen nämlich, die diese Erfolgsgeschichte für gerechtfertigt halten und auch weiter an den Erfolg glauben. Das kann man im Businessleben oft sehr schön beobachten – oder in der Politik, aber auch an der Börse. Derzeit zum Beispiel: Dieser Tage hat der US-Index S&P 500 ein neues Allzeithoch erklommen. Er ist auf die Marke von 2873 Punkten geklettert, so hoch wie noch nie. Und auf einen Schlag waren die Zweifel vieler Anleger wie weggeblasen, die seit Monaten grassierten: Angst vor dem nahen Konjunkturabschwung? Ach was! Drohende negative Auswirkungen eines Handelsstreits? Nicht doch! Oder Bedenken wegen der Zinsanhebung? I wo! Jetzt, wo der S&P 500 derart weiter gestiegen ist und alle alten Marken hinter sich gelassen hat, werde die Erfolgsgeschichte selbstverständlich noch eine Weile weitergehen.

So war die einhellige Meinung vieler Marktbeobachter in den vergangenen Tagen. Und es gab auch gute Argumente dafür: Die guten Firmenergebnisse, die viele amerikanischen Unternehmen jüngst vorgelegt haben, sprechen dafür. Das Wirtschaftswachstum zeigt sich anhaltend stark, nicht nur in Amerika auch im Rest der Welt. Das Auftragsvolumen wächst weiterhin und die Industrieproduktion legt weiter zu. Warum also sollte es da nicht weiter aufwärts gehen? Angesichts dieser Daten scheint es fast absurd, dass Ökonomen und Börsianer zuletzt gemahnt hatten, der jetzige Aufschwung könnte demnächst an seine Grenzen geraten. Zumal der S&P 500 noch einen zweiten Rekord aufgestellt hat: Der jetzige Kursanstieg dauert bereits seit dem 9. März 2009 an und ist damit der längste Bullenmarkt der Geschichte. Auch deswegen feiern sich jetzt viele, die an diesen ewigen Aufschwung geglaubt haben. Denn warnende Stimmen gab es zwischendurch genug.


S&P 500 Index


S&P 500 Index Chart

Es gibt sie auch jetzt. Manche Vermögensverwalter und Großanleger mahnen sogar eindringlich, die Sparer sollten sich nicht zu sehr von den derzeitigen Höchstständen ablenken lassen. Sondern genau jetzt sei die richtige Zeit für Kleinanleger, zu Opportunisten an den Börsen zu werden. Das bedeutet in diesem Fall nicht, mit den vielen Jublern mitzulaufen, die den Höchststand feiern, sondern sich auf einen neuen Trend vorzubereiten. Auf die Wende. Und damit meinen sie nicht bloß die Trendwende am Aktienmarkt.

2007 lässt grüßen

Normalerweise ist es kein Kompliment, jemanden als Opportunisten zu bezeichnen, denn es bedeutet, dass er sich bequem verhält, so wie es ihm gerade zum Vorteil gereicht und dass er jede Situation zu seinen Gunsten ausnutzt. Im politischen und sozialen Bereich sind solche „Mitläufer“ entsprechend ungern gesehen. An den Finanzmärkten aber bedeutet das Wort etwas anderes. Dort sind Opportunisten jene, die ihre Anlageentscheidungen strategisch ausrichten und sich an Ereignisse anpassen. Interessant ist allerdings, dass Anlageprofis derzeit gerade nicht den Indexhöchststand als Referenzereignis ansehen, an dem man sich orientieren sollte. Sie halten auch nicht den weiteren Aufstieg für opportun. Denn Rekordindex und Aufwärtstrend hin oder her – die Konjunktur befinde sich in einer Spätphase und Anleger müssten sich insgesamt für neue Zeiten an den Finanzmärkten wappnen, dafür gäbe es inzwischen immer mehr Anzeichen.

Einige Konjunkturindikatoren liefen inzwischen heiß, warnt etwa die Investmentgesellschaft Pimco, die zur Allianz gehört und einer der bedeutenden Anleiheverwalter ist. Sie hat die Daten von heute mit dem Stand von 2007 vergleichen – kurz vor der letzten Rezession. Der Einkaufsmanagerindex im verarbeitenden Gewerbe etwa stehe derzeit schon fast so hoch wie damals. Das Geldmengenwachstum M1 ebenso, die durchschnittliche Wochenarbeitszeit der Beschäftigten sei ebenfalls schon fast auf dem alten Niveau. Das gilt auch für die Auftrageingänge und die Veränderung zehnjähriger Anleihenrenditen. Auch die Märkte für Gewerbeimmobilien weltweit hätten das Niveau von 2007 wieder erreicht, meldet die Immobilienberatungsgesellschaft JLL. Zudem sagen die Statistiken, dass die Unternehmensgewinne vor Steuern in den Vereinigten Staaten bereits schrumpfen. Der S&P 500 wuchs zuletzt stärker als der Profit der amerikanischen Firmen.

Rückkehr der Inflation

Zwar muss eine neue Rezession – und damit ein Börsenabschwung – vielleicht nicht gerade unmittelbar bevorstehen. Beim letzten Boom stieg der S&P 500 um satte 417 Prozent, diesmal hat er „erst“ 320 Prozent gutgemacht. Doch alles deutet darauf hin, dass der Aufschwung von Wirtschaft und Börse demnächst an sein Ende geraten könnte.

Zudem bedeutet die jüngste Zinsanhebung der amerikanischen Notenbank Fed, dass die Inflation tatsächlich wieder zurückkehren könnte. Jahrelang war sie quasi nicht existent und hatte zuletzt nur auf extrem niedrigem Niveau gelegen. Die Investmentmanager gehen aber davon aus, dass diese Zeiten bald vorbei sind. Stiege die Inflation demnächst sprunghaft, würden Aktien- und Anleihenmärkte dadurch beide Schockzustände erleben. Positiv reagieren würden dagegen Sachwerte und Rohstoffkurse. Bisher war die Strategie gut, bevorzugt Aktien und Anleihen zu halten – und sonst nichts. Denn es bestand eher die Sorge, die Welt würde in die Deflation fallen, dagegen halfen Sachwerte wenig. Künftig könnte es wieder anders sein.

Und noch etwas könnte sich wohl dauerhaft wieder ändern: Solange die Inflation ein gewisses Maß nicht übersteigt und unterhalb von etwa vier Prozent liegt, sind Aktien und Anleihen negativ korreliert, so zeigen es die Daten der Vergangenheit. Aktien können sich gut entwickeln, wenn die Anleihenrenditen schwächeln und umgekehrt. Beide stabilisieren gegenseitig das Depot. Doch je stärker die Inflation, desto positiver wird die Korrelation zwischen beiden. Das heißt: Ab zirka vier Prozent Geldentwertung laufen Aktien und Anleihen eher im Gleichschritt – und zwar sowohl bergauf als auch bergab. Was die Investmentmanager daraus ableiten: Hochwertige Anleihen gehören auch künftig ins Depot, sie können dank der Zinserträge auch in Rezessionen noch für Performance sorgen. Aber künftig braucht es auch wieder verstärkt andere Beimischungen fürs Depot, falls die Inflationsraten steigen. Damit die Wertentwicklung des Portfolios nicht allein am Gleichlauf von Aktien und Anleihen hängt.

Rohstoffe ins Depot

Ganz konkret hieße das: Rohstoffe gehören ins Depot, gerade jetzt. Sie entwickeln sich in der Spätphase der Konjunktur überdurchschnittlich gut. Und stabilisieren es im Abschwung. Anleger sollten durchweg auf hochwertige Papiere setzen, die sich in Schwächephasen als stabiler erweisen. Und sie sollten sich von stark spekulativen Werten oder Wachstumswerten eher trennen. Und sie sollten Large Caps bevorzugen, also lieber auf die Aktien und Anleihen von Dax-Konzernen setzen als auf Small Caps. Zuletzt liefen gerade die Indizes kleinerer Firmen zwar erfolgreicher als die Schwergewichtsindizes. Analysten begründen das damit, Skeptiker fürchteten, Großkonzerne könnten wegen ihres weltweiten Geschäfts stark unter den Handelsstreitigkeiten leiden, die der US-Präsident überall vom Zaun gebrochen hat. Kleinere Unternehmen dagegen beackerten noch vorwiegend nationale Märkte und lebten von der Binnennachfrage. Sie seien also weniger gefährdet. Soweit könnte das stimmen. Doch käme es wirklich zu einer Konjunkturdelle, so erweisen sich Großkonzerne in solchen Phasen gemeinhin als deutlich robuster als kleinere Konkurrenten.

Eventuell können sehr risikoaffine Anleger dann noch Private-Equity-Investments oder ein bisschen Gold ins Depot packen. Beide taugen nicht unbedingt für die Kurzfristanlage, denn erstere sind eher illiquide – zahlen dafür aber hohe Renditeaufschläge. Und Gold verlor trotz der Unsicherheit an den Märkten zuletzt deutlich an Wert. Dafür ist es jetzt zu Einstiegskursen zu haben und könnte auf sehr lange Sicht für eine zusätzliche Wertsicherung sorgen. Für den Fall dass die große Wende kommt.

Nadine Oberhuber ist Wirtschafts- und Finanzjournalistin. Sie schreibt auf Capital.de über Geldanlagethemen.


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