GeldanlageWerden Sie zum Anleger-Opportunisten!

Ein Händler mit einem Tablet an der Wall Street
Ein Händler an der Wall Street: Wie lange geht es noch aufwärts mit den Kursen?Getty Images

Wenn es gut läuft, zählt sich jeder gern zu den Gewinnern. Deshalb betonen viele Menschen gerade in solchen Momenten, dass sie auch dazugehören. Zu jenen nämlich, die diese Erfolgsgeschichte für gerechtfertigt halten und auch weiter an den Erfolg glauben. Das kann man im Businessleben oft sehr schön beobachten – oder in der Politik, aber auch an der Börse. Derzeit zum Beispiel: Dieser Tage hat der US-Index S&P 500 ein neues Allzeithoch erklommen. Er ist auf die Marke von 2873 Punkten geklettert, so hoch wie noch nie. Und auf einen Schlag waren die Zweifel vieler Anleger wie weggeblasen, die seit Monaten grassierten: Angst vor dem nahen Konjunkturabschwung? Ach was! Drohende negative Auswirkungen eines Handelsstreits? Nicht doch! Oder Bedenken wegen der Zinsanhebung? I wo! Jetzt, wo der S&P 500 derart weiter gestiegen ist und alle alten Marken hinter sich gelassen hat, werde die Erfolgsgeschichte selbstverständlich noch eine Weile weitergehen.

So war die einhellige Meinung vieler Marktbeobachter in den vergangenen Tagen. Und es gab auch gute Argumente dafür: Die guten Firmenergebnisse, die viele amerikanischen Unternehmen jüngst vorgelegt haben, sprechen dafür. Das Wirtschaftswachstum zeigt sich anhaltend stark, nicht nur in Amerika auch im Rest der Welt. Das Auftragsvolumen wächst weiterhin und die Industrieproduktion legt weiter zu. Warum also sollte es da nicht weiter aufwärts gehen? Angesichts dieser Daten scheint es fast absurd, dass Ökonomen und Börsianer zuletzt gemahnt hatten, der jetzige Aufschwung könnte demnächst an seine Grenzen geraten. Zumal der S&P 500 noch einen zweiten Rekord aufgestellt hat: Der jetzige Kursanstieg dauert bereits seit dem 9. März 2009 an und ist damit der längste Bullenmarkt der Geschichte. Auch deswegen feiern sich jetzt viele, die an diesen ewigen Aufschwung geglaubt haben. Denn warnende Stimmen gab es zwischendurch genug.

S&P 500 Index

S&P 500 Index Chart

Es gibt sie auch jetzt. Manche Vermögensverwalter und Großanleger mahnen sogar eindringlich, die Sparer sollten sich nicht zu sehr von den derzeitigen Höchstständen ablenken lassen. Sondern genau jetzt sei die richtige Zeit für Kleinanleger, zu Opportunisten an den Börsen zu werden. Das bedeutet in diesem Fall nicht, mit den vielen Jublern mitzulaufen, die den Höchststand feiern, sondern sich auf einen neuen Trend vorzubereiten. Auf die Wende. Und damit meinen sie nicht bloß die Trendwende am Aktienmarkt.

2007 lässt grüßen

Normalerweise ist es kein Kompliment, jemanden als Opportunisten zu bezeichnen, denn es bedeutet, dass er sich bequem verhält, so wie es ihm gerade zum Vorteil gereicht und dass er jede Situation zu seinen Gunsten ausnutzt. Im politischen und sozialen Bereich sind solche „Mitläufer“ entsprechend ungern gesehen. An den Finanzmärkten aber bedeutet das Wort etwas anderes. Dort sind Opportunisten jene, die ihre Anlageentscheidungen strategisch ausrichten und sich an Ereignisse anpassen. Interessant ist allerdings, dass Anlageprofis derzeit gerade nicht den Indexhöchststand als Referenzereignis ansehen, an dem man sich orientieren sollte. Sie halten auch nicht den weiteren Aufstieg für opportun. Denn Rekordindex und Aufwärtstrend hin oder her – die Konjunktur befinde sich in einer Spätphase und Anleger müssten sich insgesamt für neue Zeiten an den Finanzmärkten wappnen, dafür gäbe es inzwischen immer mehr Anzeichen.

Einige Konjunkturindikatoren liefen inzwischen heiß, warnt etwa die Investmentgesellschaft Pimco, die zur Allianz gehört und einer der bedeutenden Anleiheverwalter ist. Sie hat die Daten von heute mit dem Stand von 2007 vergleichen – kurz vor der letzten Rezession. Der Einkaufsmanagerindex im verarbeitenden Gewerbe etwa stehe derzeit schon fast so hoch wie damals. Das Geldmengenwachstum M1 ebenso, die durchschnittliche Wochenarbeitszeit der Beschäftigten sei ebenfalls schon fast auf dem alten Niveau. Das gilt auch für die Auftrageingänge und die Veränderung zehnjähriger Anleihenrenditen. Auch die Märkte für Gewerbeimmobilien weltweit hätten das Niveau von 2007 wieder erreicht, meldet die Immobilienberatungsgesellschaft JLL. Zudem sagen die Statistiken, dass die Unternehmensgewinne vor Steuern in den Vereinigten Staaten bereits schrumpfen. Der S&P 500 wuchs zuletzt stärker als der Profit der amerikanischen Firmen.