Kapitalmarkt5 ungewöhnliche Erkenntnisse über Investmenterträge

In der Langzeitbetrachtung erweisen sich viele Anlageregeln als falschGetty Images

Alljährlich im Februar veröffentlichen die Kapitalmarktforscher des Credit Suisse Research Instituts ihr Jahrbuch der Investmenterträge. Das besondere an dem Buch aus den Federn der emeritierten Professoren der London Business School: Die Forscher sitzen auf einem wahren Datenschatz. In jahrelanger Arbeit haben sie die Erträge von Aktien, Anleihen, Immobilien und sogar von Sammlerstücken in den wichtigsten Ländern der Welt seit 1900 analysiert. Viele ihrer Forschungsergebnisse widersprechen gängigen Anlageregeln, ja selbst der Intuition.

Capital präsentiert fünf ungewöhnliche Erkenntnisse aus dem aktuellen Jahrbuch 2018 – darunter auch die Theorie, dass Immobilien entgegen anderer Forschungsergebnisse reale Wertvernichter seien.

#1 Die reale Rendite von Immobilien ist negativ

Sind Immobilien renditestärker und schwankungsärmer als Aktien? Diese Theorie vertreten einige Wissenschaftler (siehe auch Capital-Interview hier), die für Immobilien auf reale Gesamterträge von 4,8 Prozent pro Jahr kommen (zusammengesetzt aus 1,3 Prozentpunkten Wertzuwachs und 3,5 Prozentpunkten Mieterträgen). Dem gegenüber stünden real nur im Schnitt 4,6 Prozent Rendite pro Jahr mit Aktien weltweit. Die Annahmen für den reinen Wertzuwachs von 1,3 Prozent pro Jahr seien aber viel zu optimistisch, monieren nun die Credit-Suisse-Forscher. Gewichte man die Immobilienpreiszuwächse anhand der Bevölkerung, bereinige ihn um die extremen Zuwächse in einigen wenigen „Megacities“ wie New York und ziehe noch die Kosten für Instandhaltung und Versicherung und dem typischen Qualitätsverlust ab, lande man bei einem realen Verlust mit Immobilien von im Schnitt 2,1 Prozent pro Jahr – und nicht etwa einem Zugewinn.

#2 Niedrige Realzinsen sind schlecht für künftige Aktienerträge

Die extrem niedrigen Zinsen werden von Finanzdienstleistern als Argument herangezogen, um Anlegern den Kauf von Aktien und Fonds schmackhaft zu machen. Dabei sind niedrige Realzinsen, wie wir sie aktuell beobachten – also die Nominalzinsen abzüglich der Inflation – historisch schlecht für Aktien gewesen. In den fünf Prozent aller Betrachtungszeiträume aller Länder, in denen die Realzinsen am niedrigsten waren, lagen die Aktienerträge real in den folgenden fünf Jahren bei minus 5,5 Prozent pro Jahr. In den nächstniedrigeren 15 Prozent aller Betrachtungszeiträume waren es nur 1,5 Prozent pro Jahr, in den fünf Prozent aller Phasen mit den höchsten Realzinsen allerdings 10,8 Prozent pro Jahr. Der Zusammenhang ist simpel und deutlich: Je niedriger die Realzinsen, desto niedriger die durchschnittliche Rendite in den folgenden fünf Jahren – und umgekehrt.

#3 Die Anlage in Raritäten sind auch steuerlich interessant

Zwar ist eine Geldanlage in Briefmarken, Geigen oder Oldtimer nur etwas für Kenner und Besitzer größerer Vermögen, die auch hinreichend diversifizieren können. Die Credit-Suisse-Forscher machen aber eine interessante Rechnung auf: Sehr langfristig – also zwischen 1900 und 2017 – haben Sammelobjekte selbst Anleihen geschlagen. 2,4 Prozent pro Jahr real war mit Geigen möglich, 2,6 Prozent pro Jahr mit Briefmarken und gar 3,7 Prozent mit Wein – bezogen jeweils auf absolute Spitzen-Sammelgüter und nicht etwa Opas verstaubtes Briefmarkenalbum oder zu Essig gewordener Moselriesling. Dem gegenüber standen lediglich im Schnitt 2,0 Prozent pro Jahr mit Anleihen. Ein unterschätzter Effekt hat demnach auch die Steuer: Weil der Staat Zins- und Dividendenerträge häufig besteuert, nicht aber den Wertzuwachs vieler Sammelgüter, kommen die Forscher zu dem Schluss, dass Sammelobjekte zumindest in Großbritannien auf lange Sicht selbst Aktien geschlagen haben. Zwischen 1900 und heute verdreißigfachte sich der reale Wert von Sammelgütern und versiebzehnfachte sich der Wert von Aktienvermögen.

#4 Verlustphasen mit Aktien können lang sein – sehr lang

Mit Aktien können Investoren ihr Vermögen auch über Krisenzeiten und Hyperinflationen hinweg schützen – so lautet eine gängige Faustregel der Geldanlage. Im Prinzip stimmt die Aussage auch. Wer aber in den Genuss des Inflationsschutzes kommen will, braucht sehr gute Nerven. Für das Jahr 1948 etwa – dem Jahr der Währungsreform nach dem Zweiten Weltkrieg – ermittelten die Forscher eine reale Rendite für deutsche Aktien von minus 91 Prozent. Zu ähnlichen Ergebnissen kamen Historiker auch schon für die Hyperinflation der Jahre 1922 und 1923. In US-Dollar gerechnet verloren deutsche Aktien seinerzeit über 99 Prozent an Wert. Das trug dazu bei, dass deutsche Aktien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts überhaupt keine Rendite einbrachten, ihr realer Ertrag in der Phase 1900-1954 betrug minus drei Prozent. Ein Extremereignis zwar durch Hyperinflation und Weltkriege – aber auch andere Länder hatten vergleichbare Perioden: Mit französischen Aktien machten Anleger zwischen 1929 und 1982 ein Fünftel Verlust. In über zwei Drittel aller beobachteten Länder gab es Phasen von wenigstens zwei Jahrzehnten, in denen Aktien keine Rendite einbrachten.

#5 Kleine Aktien bieten klare Renditevorteile

Zwar kennen Forscher schon länger die so genannte „Nebenwerte-Prämie“, die besagt, dass Aktien kleinerer Firmen im Schnitt höhere Rendite einbringen als die Titel großer Konzerne. Die Credit-Suisse-Forscher können die Prämie allerdings nun auch für sehr lange Zeiträume nachweisen: Die kleinsten Aktien – so genannte Micro Caps, die jeweils kleinsten 20 Prozent des Aktienmarkts – brachten in den USA seit 1926 eine Rendite von im Schnitt 12,7 Prozent pro Jahr ein, in Großbritannien seit 1955 sogar von 18,0 Prozent pro Jahr. Für die größten Unternehmen – also die größten 50 Prozent des Aktienmarkts – betrug die Rendite lediglich 9,9 Prozent pro Jahr in den USA und 12 Prozent in Großbritannien. Die vermeintlich kleinen Unterschiede entfalten langfristig eine enorme Wirkung, wie eine fiktive Berechnung ohne Berücksichtigung von Kosten und Steuern zeigt: Ein 1955 investiertes Pfund in britische Nebenwerte wuchs bis heute inklusive Dividenden auf 33.000 Pfund, eines in große Aktien auf 1200 Pfund. Aus einem 1926 in US-Nebenwerte investierten Dollar wuchs bis heute ein Vermögen von 60.000 US-Dollar versus 5800 US-Dollar mit großen Werten.