Sehr geehrter Herr Kirch,
einer der besten Artikel zur Finanzkrise den ich kenne.
Ich habe lange nach einem ehrbaren Rest unabhaengigem Journalismus in Deutschland gesucht und habe ihn hier gefunden.
Danke!
Gerold Keefer
Berlin-Mitte, Scharnhorststraße, im Konferenzzimmer des Ministers. Das Krisentreffen findet an einem Sonntag statt, strikte Vertraulichkeit ist angeordnet. Acht Spitzenmanager der Finanzindustrie und drei Kabinettsmitglieder sind ins Bundeswirtschaftsministerium gekommen. Aus der Kantine wird eine karge Mahlzeit gereicht, das Thema ist nicht sehr erbaulich: ein Rettungsplan für deutsche Großbanken. Sie sollen von einer 50 bis 100 Milliarden Euro schweren Kreditlast befreit werden.
Das klingt nach einer dieser vielen Bankenrettungsaktionen der vergangenen Monate. Doch die Geheimsitzung wurde nicht nach jenem 15. September 2008 einberufen, den die Banker in ihrer neuen Zeitrechnung als Wendepunkt gesetzt haben: dem Tag der Insolvenz der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers. Das Berliner Meeting findet 67 Monate, 22 Quartalsberichte und sechs Jahresabschlüsse vor der Lehman-Pleite statt, am 16. Februar 2003.
Politische Chronik einer angekündigten Katastrophe: Den verantwortlichen Bundes- und Landespolitikern waren die faulen Kredite der Banken schon lang bekannt. Sie hätten die deutschen Banken rechtzeitig krisenfest machen können. Stattdessen förderten sie den Verbriefungswahn. |
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30. Juni 2000 |
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7. Juni 2002 |
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16. Februar 2003 |
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20. Februar 2003 |
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Juni 2003 |
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19. September 2003 |
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30. Januar 2004 |
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30. April 2004 |
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8. November 2004 |
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11. Juli 2005 |
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18. Juli 2005 |
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31. Oktober 2005 |
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18. November 2005 |
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31. Dezember 2006 |
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6. Februar 2008 |
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15. März 2008 |
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2. Juli 2008 |
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15. September 2008 |
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16. September 2008 |
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25. September 2008 |
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5. Oktober 2008 |
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8. Oktober 2008 |
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11. Dezember 2008 |
Teilnehmer der Runde sind Bundeskanzler Gerhard Schröder, Wirtschaftsminister Wolfgang Clement, Finanzminister Hans Eichel, Josef Ackermann (Deutsche Bank), Bernd Fahrholz (Dresdner Bank), Dieter Rampl (HypoVereinsbank), Jürgen Sengera (WestLB), Ulrich Brixner (DZ Bank) und Henning Schulte-Noelle (Allianz).
Es geht um die Wackelkandidaten unter den systemrelevanten Geldhäusern. Ganz oben auf der Hitliste der Gefährdeten steht mit einem Jahresverlust von 820 Millionen Euro die HypoVereinsbank (HVB). Sie ist schwer mit Hypotheken für Schrottimmobilien belastet – Resultat der Massenverkäufe von schwindelhaft überbewerteten Wohnungen in den neuen Bundesländern, die von aggressiven Verkäufertruppen als Steuersparmodelle unters Volk gebracht wurden. Weitere Problemkandidaten sind die Commerzbank und die Dresdner.
Schnell spitzt sich die Diskussion auf eine Frage zu: Wer stünde in der Not parat, ein marodes Institut zu übernehmen? Alle Blicke richten sich auf Josef Ackermann. Wie selbstverständlich wird vom Chef der Deutschen Bank höchster patriotischer Einsatz erwartet. Doch der Schweizer wehrt ab. Sein Haus und seine Aktien will er nicht belasten. Ackermann schlägt stattdessen zur Entlastung der Bilanzen seiner Mitbewerber eine Auffanggesellschaft für faule Kredite vor, eine sogenannte Bad Bank. Einige der Herren verhalten sich indiskret, die Idee bleibt nicht lang geheim – und Ackermann ist mal wieder der Buhmann.
Zum ersten Mal wird damals in Deutschland über Bad Banks diskutiert. "Ein Stück aus dem Tollhaus", schimpft der damalige Sparkassen-Präsident Dietrich Hoppenstedt. Jochen Sanio, Chef der Bankenaufsicht, warnt: "Die Zeche würde der Steuerzahler begleichen." Und Klaus-Peter Müller, damals Chef der Commerzbank: "So weit sind die Banken noch lange nicht." Das Thema Bad Banks ist schnell tabu.
Das geheime Treffen in Berlin und die folgenden Diskussionen zeigen, dass etwas nicht stimmen kann mit der Legende, die heute um die Lehman-Pleite vom 15. September 2008 herum gestrickt wird. Die geht ungefähr so: Wie eine Naturkatastrophe hat dieses Ereignis die Bankenwelt erschüttert. Niemand konnte damit rechnen, dass die US-Regierung eine große Investmentbank fallen lässt. Sodass die Welt in eine Krise ohne Beispiel rutscht. Deutsche Banker und Politiker rufen im Chor: Die Amerikaner sind schuld.
Doch die Chronik der Ereignisse zeigt, wie vorhersehbar die Katastrophe war. Bereits fünf Jahre vor der Lehman-Pleite war die Schieflage des deutschen Finanzplatzes bekannt. Das Giftvolumen durch unzureichend gedeckte Kredite wurde auf bis zu 300 Milliarden Euro geschätzt. Systematisch versteckten die Banken mit Bilanztricks ihre faulen Papiere und täuschten damit ihre Aktionäre.
Banken, Kontrollinstanzen, Finanzpolitiker: Alle wussten Bescheid, alle halfen beim Versteckspielen. Die Beamten in Aufsichtsbehörden und Finanzministerien betrieben routiniert ihr Berichts- und Meldewesen, registrierten, lochten, hefteten ab. Aufsichtsräte und Wirtschaftsprüfer schauten weg. "Deutschland war Weltmeister in riskanten Bankgeschäften", resümiert EU-Kommissar Günter Verheugen. "Nirgendwo auf der Welt, auch nicht in Amerika, haben sich Banken mit größerer Bereitschaft in unkalkulierbare Risiken gestürzt – allen voran die Landesbanken."
Wilmington, Delaware, 1998.
Hier beginnt die Entwicklung, die schließlich in der Finanzkrise münden wird. An der Atlantikküste der USA erscheinen die Firmenanwälte der BayernLB bei einer US-Kanzlei. Delaware ist weltweit eines der größten Zentren für anonyme Briefkastenfirmen, ein Steuerparadies. Die bayerischen Landesbanker gründen ihren ersten sogenannten Conduit. So werden in der Branche Briefkastenfirmen bezeichnet. Die Banken bündeln ihre Kreditverträge zu Tausenden und machen daraus fern der Heimat handelbare Wertpapiere. Vor allem die Landesbanken wollen mit dieser Masche groß ins Kapitalmarktgeschäft einsteigen. Schon länger träumen sie davon, endlich mitzumischen im großen globalen Geldspiel. Oder mit dem neuen Dreh ihre unschönen Altlasten wegzuzaubern.
Was die Leser sagen
Danke für diesen aufklärenden Artikel. Warum schreiben so wenige darüber?
Mein Kommentar dazu:
Angesicht dieses "Erfolges" unserer - und ich meine besonders die deutschen - Banker könnten Al Qaida und Sympathisanten neidisch werden. Was sie mit Dauerterror nicht geschafft haben, nämlich das westliche Wirtschaftssystem ins Wnken zu bringen, das erreichen unsere Banker in trauter Zusammenarbeit mit ihnen wohlgesonnenen oder naiven Politikern ohne Kalaschnikow und Terror viel effektiver in der gleichen Zeit, nämlich eine Weltwirtschaftskrise, die ganze Nationen an den Rand des Ruins bringt, die die Arbeitslosenzahlen weltweit empor schnellen läßt, die Millionen von Kleinanlegern um ihre Ersparnisse und damit oft um ihre Alterssicherung bringt und und und......
Und was lernen wir daraus? Wir müssen und gegen Terrorangriffe schützen. Fragt sich nur gegen welche, die der Islamisten oder die der Banker. Wie wäre es denn, einmal ernsthaft über eine gerechtere Weltwirtschaftsordnung zu beraten. Aber da liegt der Hase im Pfeffer, denn das würde das Schlachten heiliger Kühe bedeuten. Und wir alle wissen, tote Kühe geben keine Milch mehr trotz Milchquot. Es gibt Ausnahmen, die Maroden Banken, die bringen auch dann noch Boni, wenn das Geld längst verspielt ist, Dank Bundesbürgschaften. Darum lassen wir alles beim alten, ein bißchen Weltwirtschaftskrise halten wir doch durch, oder? Die Banker zeigen es uns doch. Und für den Terror da haben wir doch unsere Soldaten.
Hans H. Hanebuth
Wunstorf
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