Die Lehman-Pleite wurde zum Symbol der Finanzkrise stilisiert. Foto: Getty Images = Getty Images
Dossier
Die Lehman-Lüge
Der Fall von Lehman hat Kapital und Vertrauen vernichtet, die Welt, wie wir sie kannten. Sagen deutsche Politiker und Bankbosse. Das ist die Unwahrheit, und sie wissen es. Die Pleite am 15. September 2008 war nicht der Auslöser der Entwicklung. Die deutschen Finanzhäuser gerieten schon Jahre zuvor in Schieflage.
Berlin-Mitte, Scharnhorststraße, im Konferenzzimmer des Ministers. Das Krisentreffen findet an einem Sonntag statt, strikte Vertraulichkeit ist angeordnet. Acht Spitzenmanager der Finanzindustrie und drei Kabinettsmitglieder sind ins Bundeswirtschaftsministerium gekommen. Aus der Kantine wird eine karge Mahlzeit gereicht, das Thema ist nicht sehr erbaulich: ein Rettungsplan für deutsche Großbanken. Sie sollen von einer 50 bis 100 Milliarden Euro schweren Kreditlast befreit werden.
Das klingt nach einer dieser vielen Bankenrettungsaktionen der vergangenen Monate. Doch die Geheimsitzung wurde nicht nach jenem 15. September 2008 einberufen, den die Banker in ihrer neuen Zeitrechnung als Wendepunkt gesetzt haben: dem Tag der Insolvenz der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers. Das Berliner Meeting findet 67 Monate, 22 Quartalsberichte und sechs Jahresabschlüsse vor der Lehman-Pleite statt, am 16. Februar 2003.
Politische Chronik einer angekündigten Katastrophe: Den verantwortlichen Bundes- und Landespolitikern waren die faulen Kredite der Banken schon lang bekannt. Sie hätten die deutschen Banken rechtzeitig krisenfest machen können. Stattdessen förderten sie den Verbriefungswahn.
30. Juni 2000
Die Commerzbank gründet auf der Insel Jersey ihre erste Zweckgesellschaft, um faule Hypotheken im Wert von fünf Milliarden Euro zu verstecken.
7. Juni 2002
Das EU-Parlament verabschiedet eine Verordnung, die von den Banken verlangt, dass sie die Geschäfte der Zweckgesellschaften (Conduits) in der Bilanz ab 2005 komplett publizieren. Die Banken entwickeln neue Bilanzkniffe mit Firmen, die zum Schein im Eigentum von Treuhändern stehen. Die Aufsicht akzeptiert.
16. Februar 2003
In Berlin treffen sich Bundeskanzler Schröder, Wirtschaftsminister Clement und Finanzminister Eichel mit den Spitzen der Finanzindustrie zum Krisengespräch über die Schieflage der Banken. Vor allem HVB, Dresdner und Commerzbank gelten als gefährdet. Josef Ackermann bringt die Idee einer Bad Bank ins Spiel.
20. Februar 2003
Die Dresdner Bank gründet eine "Institutional Restructuring Unit". Die Einheit soll "ausfallgefährdete und strategisch unwichtige" Darlehen aufnehmen – eine heimliche Bad Bank. Die Einheit übernimmt zunächst Forderungen im Wert von 17 Milliarden Euro. Geplant ist ein Topf mit bis zu 30 Milliarden Euro fauler Kredite.
Juni 2003
Konspirativ arbeiten Staatssekretär Caio Koch-Weser und Topbanker an einer eleganten Verbriefungslösung. So umgehen sie die Bad-Bank-Debatte.
19. September 2003
Die Hypo Real Estate wird von der HypoVereinsbank (HVB) abgespalten – als Bad Bank der HVB für Schrottimmobilien und verbriefte US-Hypotheken. Sie kündigt den Börsengang an. Ratingagenturen bewerten die Finanzstärke als miserabel und riskant. Die Aufsicht genehmigt den Börsengang trotzdem.
30. Januar 2004
Im Auftrag der Bundesregierung legt die Boston Consulting Group eine Studie zur Einführung eines deutschen Verbriefungsmarkts vor, insbesondere für notleidende Darlehen. Die Prüfer sehen bei deutschen Banken "einen hohen Anteil an leistungsgestörten Krediten". Die Studie bringt Fahrt in das große Versteckspiel der Banken.
30. April 2004
13 deutsche Banken gründen die Verbriefungsinitiative TSI – über Stiftungen werden steuerbefreite Briefkastenfirmen in Deutschland ermöglicht.
8. November 2004
Die Landesbanken WestLB und Nord/LB gründen eine Firma zur Verbriefung notleidender Kredite. Sie wollen diese Darlehensverträge, deren Zins- und Tilgungszahlungen seit 90 Tagen gestört sind, neu verpackt am Kapitalmarkt handeln. Deutsche Kredite im Wert von bis zu 300 Milliarden Euro gelten als notleidend.
11. Juli 2005
Im Auftrag der BaFin prüft KPMG die Sachsen LB. 30 Milliarden Euro liegen in Dublin. Eine transparente Dokumentation zur Risikoanalyse der Bank liegt nicht vor.
18. Juli 2005
Die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) will sich nun auch mit Conduits am Kapitalmarkt finanzieren, vor allem mit verbrieften US-Hypotheken. Der LBBW-Kapitalmarktchef nennt das "konservativ". Die Deutschen kommen viel zu spät: An der Wall Street laufen bereits die ersten Wetten gegen die Immobilienfinanzierer.
31. Oktober 2005
Das Land Nordrhein-Westfalen muss bei der WestLB fast eine Milliarde Euro Kapital nachschießen. WestLB-Chef Thomas Fischer sagt vor dem Landtag: "Soweit ich weiß, sind alle Risiken erkannt." Er will jetzt die "kritische Masse" der Bank steigern – mit Investments in den USA.
18. November 2005
Die Große Koalition um Angela Merkel erhebt den Ausbau des Verbriefungsmarkts zum politischen Programm. Das Land würde damit wettbewerbsfähiger.
31. Dezember 2006
Die Sachsen LB baut mit ihren Dubliner Firmen die Deals mit US-Subprime-Hypotheken auf 45 Milliarden Euro aus, obwohl der Häusermarkt einbricht. Für lukrative Zinsmargen werden nun viel zu hohe Risiken genommen. "Die ganze Mathematik dieses Vehikels hat nicht mehr funktioniert", resümiert Ex-Manager Claus Wilsing.
6. Februar 2008
Die Bankenaufsicht BaFin ordnet eine Sonderprüfung bei der Münchner Hypo Real Estate (HRE) an. Die Bundesbank wird mit der Prüfung beauftragt. Beide sind elektrisiert, weil HRE-Chef Funke am 15. Januar offiziell erste Verluste meldete. Überraschen kann das nicht: Die Probleme der HRE sind längst bekannt.
15. März 2008
Die Bundesbank legt einen Zwischenbericht ihrer Sonderprüfung der HRE vor. Über acht Milliarden Euro Handelsgeschäft notieren die Prüfer, dass "der Bank eine eigene Bewertung der zugrunde liegenden Geschäfte nicht möglich ist". Bundesbankchef Weber und Steinbrück reden weiter von "stabilen" deutschen Banken.
2. Juli 2008
Bei der Bankenaufsicht BaFin liegt das Ergebnis der Sonderprüfung bei der Hypo Real Estate auf dem Tisch: 49 negative Feststellungen, davon zwölf gravierende.
15. September 2008
Die US-Regierung schickt Lehman Brothers in Insolvenz. Am gleichen Tag muss Merrill Lynch verkauft werden. Viel schlimmer: Zwei Tage später wird der Finanzkonzern AIG mit 85 Milliarden Dollar vom Staat gestützt. Eine AIG-Pleite hätte allein bei der Deutschen Bank zwölf Milliarden Dollar in die Konkursmasse geschickt.
16. September 2008
Der Tag danach, Finanzministerium. Die deutschen Banken "sind weit weniger labil" als die US-Konkurrenz, erklärt Peer Steinbrück. Sie seien "wesentlich stabiler".
25. September 2008
Steinbrück erklärt, ein Rettungspaket wie das der USA sei "in Deutschland oder Europa weder notwendig noch sinnvoll". In den Tagen danach muss die Hypo Real Estate per Eilaktion gerettet werden. Bis heute hat sie mit 102 Milliarden Euro weit mehr Staatsgarantien und Beihilfen als der US-Geldgigant Bank of America erhalten.
5. Oktober 2008
Merkel und Steinbrück versprechen einen Rettungsplan für die Hypo Real Estate. Zunächst fließen 27 Milliarden Euro, später folgen weitere Kapitalspritzen.
8. Oktober 2008
Die Regierung gibt öffentlich eine Garantie-erklärung für die Einlagen der deutschen Bankkunden ab. Eine luftige Deklaration: Damit würden die Steuerzahler für ihre eigenen Einlagen garantieren. Es bleibt bei der Rhetorik. Die Erklärung habe keinerlei Rechtsfolgen, gibt Staatssekretärin Nicolette Kressl zu.
11. Dezember 2008
Späte Einsicht: Erstmalig hört der Bundestag Experten zum geplanten Bilanzmodernisierungsgesetz. Alle sind sich jetzt einig, dass die Geschäfte der Zweckgesellschaften in den Jahresabschlüssen erscheinen müssen, auch wenn ein Treuhänder die Stimmrechte der Aktionäre hält. Das Gesetz tritt im Mai 2009 in Kraft.
Teilnehmer der Runde sind Bundeskanzler Gerhard Schröder, Wirtschaftsminister Wolfgang Clement, Finanzminister Hans Eichel, Josef Ackermann (Deutsche Bank), Bernd Fahrholz (Dresdner Bank), Dieter Rampl (HypoVereinsbank), Jürgen Sengera (WestLB), Ulrich Brixner (DZ Bank) und Henning Schulte-Noelle (Allianz).
Es geht um die Wackelkandidaten unter den systemrelevanten Geldhäusern. Ganz oben auf der Hitliste der Gefährdeten steht mit einem Jahresverlust von 820 Millionen Euro die HypoVereinsbank (HVB). Sie ist schwer mit Hypotheken für Schrottimmobilien belastet – Resultat der Massenverkäufe von schwindelhaft überbewerteten Wohnungen in den neuen Bundesländern, die von aggressiven Verkäufertruppen als Steuersparmodelle unters Volk gebracht wurden. Weitere Problemkandidaten sind die Commerzbank und die Dresdner.
Schnell spitzt sich die Diskussion auf eine Frage zu: Wer stünde in der Not parat, ein marodes Institut zu übernehmen? Alle Blicke richten sich auf Josef Ackermann. Wie selbstverständlich wird vom Chef der Deutschen Bank höchster patriotischer Einsatz erwartet. Doch der Schweizer wehrt ab. Sein Haus und seine Aktien will er nicht belasten. Ackermann schlägt stattdessen zur Entlastung der Bilanzen seiner Mitbewerber eine Auffanggesellschaft für faule Kredite vor, eine sogenannte Bad Bank. Einige der Herren verhalten sich indiskret, die Idee bleibt nicht lang geheim – und Ackermann ist mal wieder der Buhmann.
Zum ersten Mal wird damals in Deutschland über Bad Banks diskutiert. "Ein Stück aus dem Tollhaus", schimpft der damalige Sparkassen-Präsident Dietrich Hoppenstedt. Jochen Sanio, Chef der Bankenaufsicht, warnt: "Die Zeche würde der Steuerzahler begleichen." Und Klaus-Peter Müller, damals Chef der Commerzbank: "So weit sind die Banken noch lange nicht." Das Thema Bad Banks ist schnell tabu.
Das geheime Treffen in Berlin und die folgenden Diskussionen zeigen, dass etwas nicht stimmen kann mit der Legende, die heute um die Lehman-Pleite vom 15. September 2008 herum gestrickt wird. Die geht ungefähr so: Wie eine Naturkatastrophe hat dieses Ereignis die Bankenwelt erschüttert. Niemand konnte damit rechnen, dass die US-Regierung eine große Investmentbank fallen lässt. Sodass die Welt in eine Krise ohne Beispiel rutscht. Deutsche Banker und Politiker rufen im Chor: Die Amerikaner sind schuld.
Doch die Chronik der Ereignisse zeigt, wie vorhersehbar die Katastrophe war. Bereits fünf Jahre vor der Lehman-Pleite war die Schieflage des deutschen Finanzplatzes bekannt. Das Giftvolumen durch unzureichend gedeckte Kredite wurde auf bis zu 300 Milliarden Euro geschätzt. Systematisch versteckten die Banken mit Bilanztricks ihre faulen Papiere und täuschten damit ihre Aktionäre.
Banken, Kontrollinstanzen, Finanzpolitiker: Alle wussten Bescheid, alle halfen beim Versteckspielen. Die Beamten in Aufsichtsbehörden und Finanzministerien betrieben routiniert ihr Berichts- und Meldewesen, registrierten, lochten, hefteten ab. Aufsichtsräte und Wirtschaftsprüfer schauten weg. "Deutschland war Weltmeister in riskanten Bankgeschäften", resümiert EU-Kommissar Günter Verheugen. "Nirgendwo auf der Welt, auch nicht in Amerika, haben sich Banken mit größerer Bereitschaft in unkalkulierbare Risiken gestürzt – allen voran die Landesbanken."
Wilmington, Delaware, 1998.
Hier beginnt die Entwicklung, die schließlich in der Finanzkrise münden wird. An der Atlantikküste der USA erscheinen die Firmenanwälte der BayernLB bei einer US-Kanzlei. Delaware ist weltweit eines der größten Zentren für anonyme Briefkastenfirmen, ein Steuerparadies. Die bayerischen Landesbanker gründen ihren ersten sogenannten Conduit. So werden in der Branche Briefkastenfirmen bezeichnet. Die Banken bündeln ihre Kreditverträge zu Tausenden und machen daraus fern der Heimat handelbare Wertpapiere. Vor allem die Landesbanken wollen mit dieser Masche groß ins Kapitalmarktgeschäft einsteigen. Schon länger träumen sie davon, endlich mitzumischen im großen globalen Geldspiel. Oder mit dem neuen Dreh ihre unschönen Altlasten wegzuzaubern.