Kolumne Zocken mit Altmaier

Mit der Erfindung einer „Bürgerdividende“ für Stromtrassengegner hatte ein Politiker mal eine wirklich kreative Idee. Vielleicht ein bisschen zu kreativ. Von Ines Zöttl
Ines Zöttl
Ines Zöttl
© Trevor Good

Jeder ist käuflich. Es kommt nur auf den Preis an. So würde es der Bundesumweltminister natürlich nie sagen. Also sprechen wir lieber von einem ökonomischen Anreizsystem, auf dem Peter Altmaiers Idee einer „Bürgerdividende“ basiert. Weil die Bürger Stromtrassen in ihrem Vorgarten ablehnen, muss man ihre Zustimmung kaufen. Indem sie daran verdienen. Oder, in Altmaiers Worten: „Die Bürgerdividende kann zu einem wichtigen Instrument werden, das zu einem schnelleren Ausbau der Übertragungsnetze und zu einer breiteren Akzeptanz der Energiewende insgesamt beiträgt.“

Ein kluger Plan. Es zeigt sich, wie viel Umweltpolitik dazugelernt hat, seit Fröscheretten nicht mehr die exklusive Domäne langhaariger Weltverbesserer ist. Sie nutzt die Mechanismen der Marktwirtschaft für ihre Ziele. Altmaier straft zugleich all diejenigen Lügen, die der Politik nichts zutrauen. Sie kann doch ganz schön fix, lösungsorientiert und kreativ sein.

Vielleicht sogar ein wenig zu kreativ.

„Bürgerdividende“, das klingt anständig und solide. Ein Finanzprodukt der Risikoklasse 1. Für Spaßbremsen. Regelmäßige Ausschüttung, mündelsicher, garantiert. Sozusagen die Bundesschatzbriefe 2.0.

Nein, nein, sagt der Umweltminister nun, so sei das nicht gemeint gewesen. Von ihm kommt zwar das Etikett, für den Inhalt sei er ganz und gar nicht verantwortlich: „Ich bin kein Anlageberater.“

Altmaier hat allen Grund zur rhetorischen Vollbremsung. Denn die „Bürgerdividende“ ist in Wirklichkeit eine Schimäre. In Schleswig-Holstein wird seit diesem Sommer ein Vorreitermodell erprobt. Bewohner und Grundstückseigentümer aus den Landkreisen Nordfriesland und Dithmarschen können sich an der Westküstenleitung beteiligen. Allerdings nur gefühlt. In der Realität kaufen sie eine sogenannte Hybridanleihe der niederländischen Holding des Netzbetreibers Tennet. Sie geben damit dem Unternehmen schlicht einen Kredit und zwar mit nachrangiger Sicherheit gegenüber klassischen Anleihen. Dafür kassieren sie Zinsen von bis zu fünf Prozent.

Bei dieser „Bürgeranleihe“ handelt es sich also schlicht um eine Mittelstandsanleihe, ein gängiges Finanzprodukt, das sich am Kapitalmarkt wachsender Beliebtheit erfreut. Auch Tennet ist in dem Segment schon länger unterwegs. Mit einem solchen Investment kann man als Anleger gut verdienen oder böse auf den Bauch fallen. Meine Kollegen von Capital „Invest“ haben viel Interessantes über die Chancen und Risiken geschrieben. Wer sich in diese Klasse hinein begibt, sollte wissen, was er tut. Nicht umsonst spricht man hier von Rendite, nicht Dividende.

Die Politik tut gut daran, sich aus diesem Geschäft herauszuhalten. Oder hat sie die Lektion der „Volksaktie“ Telekom schon wieder vergessen?

Altmaier jedenfalls muss nicht fürchten, dass irgendwann wütende Stromtrassen-Anleger vor seinem Ministerium protestieren. Anders als in der Finanzbranche gilt in der Politik keine Prospekthaftung.

Ines Zöttl schreibt jeden Mittwoch über internationale Wirtschafts- und Politikthemen. Ihre letzten Kolumnen: Im Schlafwagen durch die Krise,Schwaches Fleisch, starker Willeund EU, wozu?.

E-Mail: Zoettl.Ines@capital.de



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