ImpfstoffsucheWirkt das? Biotech gegen Corona

Weltweit wird derzeit zu Wirkstoffen gegen das neuartige Coronavirus geforscht.imago images / Future Image

Der Wettlauf gegen die Zeit beginnt Ende Februar in einem Hochsicherheitslabor in Münster. Der Karneval liegt erst ein paar Tage zurück, das Robert-Koch-Institut meldet 30 Corona-Infizierte bundesweit. Die Katastrophe scheint noch weit entfernt. Am Institut für Molekulare Virologie der Uni Münster nimmt Stephan Ludwig an jenem Tag einen verplombten Plastikcontainer entgegen. Darin: Röhrchen voller Rachenabstriche, unter anderem von Patienten aus dem niederrheinischen Heinsberg, die sich auf einer Karnevalsparty angesteckt haben. Ein paar Abstriche kommen auch aus Ischgl, dem österreichischen Skiort, in dem sich das Virus besonders schnell verbreitete.

Stephan Ludwig, Virologe der Uni Münster, gehört zu den Mitgründern von Atriva Therapeutics

Wertvolles Material für den Münsteraner Chefvirologen Ludwig: Er braucht die Viren, um herauszufinden, ob ein Wirkstoff der Tübinger Biotechfirma Atriva Therapeutics gegen Corona helfen kann. Der Code name des Mittels: ATR-002. Wie die Bezeichnung verrät, ist es das zweite Medikament des viereinhalb Jahre alten Unternehmens, zu dessen Mitgründern Ludwig zählt. ATR-002 ist eigentlich ein Grippemittel, aber der Virologe hofft, dass das Präparat dazu beitragen kann, die Corona-Pandemie einzudämmen. „Unsere Technologie hilft gegen verschiedenste Viren“, sagt Ludwig. „Sie hemmt ihre Vermehrung in der Zelle. Wir haben hier eine Allzweckwaffe in der Hand.“ Überall auf der Welt suchen Wissenschaft und Industrie unter Hochdruck nach Heilmitteln. Regierungen umgarnen Wissenschaftler und winken mit Milliarden, um Zugriff auf vielversprechende Firmen und Forschungsprojekte zu bekommen.

Es läuft ein globales Wettrüsten, um Waffen gegen das Virus zu entwickeln: sowohl Medikamente zur Linderung der von Covid-19 ausgelösten Krankheitssymptome als auch Impfstoffe gegen das Virus selbst, die es nach Einschätzung von Experten aber wohl erst 2021 geben wird. 260 klinische Studien zur Lungenkrankheit Covid-19 listete Anfang April das Portal clinicaltrials.gov weltweit, täglich kommen neue hinzu. Das Spektrum reicht von chinesischer Medizin über Präparate gegen Grippe, Malaria oder Aids bis zu gänzlich neuen Wirkstoffen. Alles, was irgendwie Erfolg versprechen könnte, wird getestet.

Hoffnungsträger Curevac

Dabei ruhen die größten Hoffnungen auf kleinen Unternehmen wie Atriva Therapeutics, wo es gerade einmal 15 Mitarbeiter gibt. Oder dem ebenfalls in Tübingen angesiedelten Unternehmen Curevac, dessen Corona-Forschungen das Interesse von US-Präsident Donald Trump weckten. Während die internationalen Pharmariesen die Biotechnologie aus Angst vor hohen Kosten und noch höheren Risiken sträflich vernachlässigt haben, könnte nun die Stunde der jungen Biotechfirmen schlagen: Unternehmen, die seit Jahren an neuen Technologien forschen, über Wasser gehalten von ein paar wenigen Finanziers mit langem Atem wie dem SAP-Mitgründer Dietmar Hopp oder den Hexal-Gründern Thomas und Andreas Strüngmann.

Im Labor in Münster beginnt Stephan Ludwig am 9. März damit, die RNA der Rachenabstriche zu isolieren. Eine Maschine prüft dann, ob der Abstrich das Erbgut des Coronavirus trägt. „Wir müssen sicher sein, dass wir das richtige Virus erwischt haben“, erklärt Ludwig. Im nächsten Schritt züchten die Wissenschaftler einen Virenstamm. Als Nährboden bewährt haben sich die Nierenzellen der Grünen Meerkatze, einer Affenart, der ein Abwehrmechanismus fehlt, was Viren prächtig gedeihen lässt. Unter dem Mikroskop können Ludwig und seine Kollegen beobachten, wie das gezüchtete Virus Löcher in den Nährboden frisst.