ExklusivFall Wirecard: Wenn Finanzaufseher zu „Heavy Tradern“ werden

Seit dem Fall Wirecard stehen die Aktiengeschäfte von Mitarbeitern der Finanzaufsicht Bafin im Fokus. Einige Beschäftigte handelten auch mit den Papieren des MDax-Unternehmens Grenke, gegen das ebenfalls Bilanzfälschungsvorwürfe erhoben werdenimago images / Schöning

Die Abteilung WA2 der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht ist für das Funktionieren des Finanzplatzes Deutschland von nicht unerheblicher Bedeutung. Im Organigramm der Bafin findet sie sich im Bereich Wertpapieraufsicht unter der Bezeichnung „Marktüberwachung, Marktinfrastruktur“. Die Abteilung kümmert sich unter anderem um die Verfolgung von Marktmanipulation, Insiderüberwachung und die Einhaltung von Ad-hoc-Publizitätspflichten. Ein Referat ist für Handelsaussetzungen, die Überwachung von Leerverkäufen und die Kontrolle der Aktiengeschäften von Vorständen börsennotierter Konzerne zuständig. Kurzum: Die Beschäftigten der Abteilung WA2 achten mit darauf, dass es am deutschen Finanzmarkt sauber zugeht.

Auch im Fall des Zahlungsdienstleisters Wirecard ging es um zahlreiche Themen, die im Zuständigkeitsbereich dieser Abteilung liegen. Im Februar 2019 verhängte die Bafin ein Leerverkaufsverbot für die Wirecard-Aktie – erstmals überhaupt für einen einzelnen Dax-Titel. Zudem ermittelten die Aufseher wegen Marktmanipulation gegen Leerverkäufer und Journalisten der „Financial Times“ sowie gegen Wirecard-Manager.

Anfang Juni 2020 erstattete die Behörde dann Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft München I wegen des Verdachts der Marktmanipulation durch irreführende Ad-hoc-Mitteilungen des Paymentkonzerns im Zusammenhang mit einer Sonderprüfung von KPMG. Alarmiert war man in der Bafin aber schon viel früher: Der Ende April vorgelegte KPMG-Bericht, so sagte es Behördenchef Felix Hufeld Anfang September in einer Sondersitzung des Bundestags-Finanzausschusses, sei für ihn der „letzte Baustein“ gewesen, dass „die Hütte brennt“. Am 19. Mai erhielt die Bafin dann auch sämtliche geheimen Anhänge zum KPMG-Bericht: Diese zeichnen ein noch viel dramatischeres Bild der Zustände als jener Report, den Wirecard veröffentlicht hatte.

77 Derivate-Deals in sechs Monaten

Doch während es bei Wirecard bereits brannte, waren es ausgerechnet Beschäftigte der Bafin-Abteilung WA2, die privat verstärkt mit Wertpapieren des Zahlungskonzerns handelten – was die Frage aufwirft, ob hier mit Insiderwissen spekuliert wurde. Schon 2019 – in dem Jahr, in dem der Wirecard-Kurs wegen zahlreicher „FT“-Enthüllungen sowie dem Leerverkaufsverbot und den Untersuchungen der Bafin wiederholt Kapriolen schlug – meldeten einige Beamte aus der für die Marktüberwachung zuständigen Abteilung der Bafin nach Angaben des Bundesfinanzministeriums 28 Geschäfte mit Wirecard-Wertpapieren. Das entsprach knapp einem Viertel aller 102 Deals mit Wirecard-Bezug, die im Jahr 2019 Bafin-weit genehmigt wurden. Im Krisenjahr 2020, das mit der Insolvenz des Konzerns Ende Juni endete, wickelten Bafin-Mitarbeiter dann 153 Geschäfte mit Wirecard-Papieren ab. Auch hier lag die Abteilung WA2 mit 41 Käufen und Verkäufen auf Platz zwei – direkt hinter der Abteilung VA5 aus der Versicherungsaufsicht. Unter allen Beschäftigten war Wirecard 2019 und 2020 der meistgehandelte Einzeltitel.

Ein besonders brisantes Bild zeigt sich, wenn man auf die Geschäfte von Bafin-Mitarbeitern mit spekulativen Derivaten auf die Wirecard-Aktie schaut. Wie eine neue Aufstellung aus dem Bundesfinanzministerium belegt, wickelten 2019 sieben Beschäftigte der Behörde  insgesamt 22 Geschäfte mit Zertifikaten und anderen Wirecard-Derivaten ab – darunter 13 Käufe und neun Verkäufe. Mit sechs Geschäften lag die Abteilung WA2 auch hier auf Rang zwei. Spitzenreiter mit sieben Deals (vier Käufe, drei Verkäufe) war eine andere Abteilung, die angesichts der damaligen Vorgänge bei Wirecard hellhörig macht: die Abteilung „Integrität des Finanzsystems“, die für den Kampf gegen den schwarzen Kapitalmarkt zuständig ist. Für die Verfolgung unerlaubter Finanzdienstleistungs- oder Bankgeschäfte, bei dem die Abteilung IF federführend ist, verfügt die Bafin nicht nur über eigene Ermittlungskompetenzen. Sie arbeitet auch eng mit Ermittlungsbehörden im In- und Ausland zusammen, beispielsweise mit dem Bundeskriminalamt.

Im ersten Halbjahr 2020 nahmen die privaten Geschäfte von Bafin-Beschäftigten mit spekulativen Finanzinstrumenten auf den Kurs der Wirecard-Aktie sogar noch massiv zu. Insgesamt wurden 77 Geschäfte mit Derivaten abgewickelt, wie eine Aufstellung des Finanzministeriums für die FDP-Bundestagsabgeordnete Bettina Stark-Watzinger zeigt, die Capital vorliegt. Dabei handelte es sich um 45 Käufe und 32 Verkäufe. Die meisten Deals entfielen mit 42 Käufen und Verkäufen auf die Abteilung VA5. Direkt danach folgte die für zahlreiche Wirecard-Themen zuständige Abteilung WA2 mit 24 Käufen und Verkäufen von Zertifikaten und anderen Derivaten. In der Abteilung „Integrität des Finanzsystems“ – 2019 noch besonders aktiv – gab es 2020 dagegen keinen einzigen Deal.

In seiner Antwort an Stark-Watzinger gab das Finanzministerium an, dass in den ersten sechs Monaten dieses Jahres über alle Abteilungen hinweg acht Bafin-Beschäftigte Geschäfte mit Wirecard-Derivaten gemeldet hätten. Nach früheren Angaben des Ressorts von Minister Olaf Scholz (SPD) handelten die Beamten 2020 allerdings 27 verschiedene, teils hoch spekulative Derivate wie Optionsscheine, Knock-Out-Papiere und Turbozertifikate. Hinzu kam eine ungenannte Zahl sogenannter Differenzkontrakte (Contracts for Difference, CFD) – extrem riskante Hebelprodukte, deren Handel die Bafin für Privatanlegern einschränkt hat, weil sie ihn als Zockerei bewertet.

Wenn alle Meldungen der Finanzaufsicht an das Ministerium korrekt sind und acht Beamte binnen sechs Monaten 77 Geschäfte mit 27 verschiedenen Papieren sowie CFDs abgewickelt haben, muss es unter ihnen manch einen gegeben haben, der im Stile eines Profihändlers aktiv gewesen ist und diverse Wertpapiere binnen kurzer Zeit hin und her verkauft hat. Bemerkenswert auch: Die Referats- oder in manchen Fällen auch Abteilungsleiter, die die Geschäfte der Mitarbeiter freigeben müssen, sahen offenkundig keine Probleme darin, jedes einzelne davon abzusegnen – inklusive der CFDs, bei denen im Verlustfall häufig mehr als das eingesetzte Kapital verloren geht.

Selbstverständlich stehe es grundsätzlich jedem frei, am Finanzmarkt zu spekulieren, sagte die Finanzpolitikerin Stark-Watzinger. „Wenn aber innerhalb der Bafin die Abteilung für Marktüberwachung besonders oft mit spekulativen Derivaten im Zusammenhang mit Wirecard handelt, dann ist das nicht zu akzeptieren“, sagte die parlamentarische Geschäftsführerin der FDP-Bundestagsfraktion. Insiderhandel sei verboten. „Wer aber kann ausschließen, dass an der Kaffeemaschine nicht doch relevante Informationen mit den Kollegen geteilt werden?“ Genau das müsse jedoch ausgeschlossen werden, da die Finanzaufsicht als Kontrollinstanz über alle Zweifel erhaben sein müsse.

Innenrevision überprüft Geschäfte

Auf Anfrage von Capital erklärte eine Bafin-Sprecherin, die Behörde habe ein „regelkonformes und wirksame Compliance-System“ für Mitarbeitergeschäfte sowie eine „detailliert geregelte Prüfungsroutine“. Die Pflicht zur Anzeige von Aktiengeschäften greife bereits ab dem ersten Euro. Zugleich müsse der Vorgesetzte bestätigen, dass der Mitarbeiter „keine bestimmungsgemäßen Kenntnisse über Insiderinformationen zum gehandelten Finanzinstrument hatte“. Die Sprecherin verwies zudem auf eine Überprüfung der Compliance-Regeln für Mitarbeitergeschäfte von mehr als 30 Aufsichtsbehörden durch die Europäische Zentralbank. Demnach stellten die Bestimmungen der Bafin im Vergleich „keine besonders liberale oder laxe Regelung“ dar, teilte sie mit.

Zu konkreten Fragen zu der erhöhten Handelsaktivität in der Abteilung für Marktüberwachung sowie zu der Frage, wie die Bafin sicher stelle, dass Informationen über laufende Untersuchungen und kursrelevante Entwicklungen unter Bafin-Mitarbeitern nicht informell in der Kantine oder beim Feierabendbier ausgetauscht werden, wollte sich die Sprecherin nicht äußern. Sie verwies darauf, dass derzeit „alle Mitarbeitergeschäfte mit Wirecard-Bezug“ durch die Bereiche Zentrale Compliance und Innenrevision erneut überprüft würden. Bislang seien bei den geprüften Geschäften „keine Auffälligkeiten“ festgestellt worden. Die Untersuchung dauere allerdings noch an.

Bafin-Präsident Hufeld machte dagegen jüngst im Bundestag bereits deutlich, dass die Wirecard-Geschäfte seiner Beamten aus seiner Sicht zu Änderungen bei den internen Sicherungssystemen führen müssten. „Wir würden es sehr begrüßen, wenn man hier eine Verschärfung vornehmen würde“, sagte er Anfang des Monats in einer nicht-öffentlichen Sondersitzung des Finanzausschusses. Für Hufeld selbst und seine Kollegen im Direktorium der Bafin gelten bereits heute härtere Regeln, weil sie in ihrer Rolle über erhebliches Insiderwissen über zahlreiche Unternehmen verfügen: Für sie ist der Handel mit einzelnen Aktien von Finanzunternehmen grundsätzlich verboten.

 


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