ExklusivBafin-Mitarbeiter zockten mit riskanten Wirecard-Derivaten

Logo am Verwaltungsgebäude der Bafin in Frankfurt
Verwaltungsgebäude der BaFin in Frankfurt: Die Finanzaufsicht steht wegen ihrer Rolle im Bilanzskandal bei Wirecard massiv in der Kritikimago images / Hannelore Förster

Beschäftigte der Finanzaufsicht Bafin haben in den Monaten vor der Wirecard-Pleite nicht nur mit Aktien des Zahlungsabwicklers gehandelt, sondern auch mit hoch riskanten Derivaten. Das geht aus der Antwort des Bundesfinanzministeriums auf eine Anfrage der FDP-Bundestagsabgeordneten Bettina Stark-Watzinger hervor, die Capital vorliegt. Demnach spekulierten Bafin-Mitarbeiter im ersten Halbjahr 2020 privat mit einer Reihe verschiedener Zertifikate, die auf der Aktie von Wirecard beruhten – unter anderem mit Optionsscheinen, Bonuszertifikaten und diversen Hebelprodukten. Darüber hinaus machten die Beamten Geschäfte mit Differenzkontrakten (CFD), die als extrem spekulativ gelten und nicht über die Börse verkauft werden. Bei mindestens zwei der gehandelten Finanzinstrumente spekulierten Anleger auf fallende Kurse.

Die Finanzaufsicht und ihr Präsident Felix Hufeld stehen schwer unter Beschuss, nachdem im Juni die Prüfer von EY ihr Testat verweigerten und klar wurde, dass bei Wirecard über Jahren die Bilanzen aufgebläht und Bankguthaben in Milliardenhöhe vorgetäuscht worden waren. Kritiker werfen der Bafin vor, gut dokumentierten Vorwürfen der „Financial Times“ seit Anfang 2019 nicht ausreichend nachgegangen zu sein und ihre Untersuchungen stattdessen auf vermeintliche Marktmanipulation durch die „FT“-Journalisten und Spekulanten konzentriert zu haben. Bereits im August war bekannt geworden, dass Mitarbeiter der Bafin parallel zu den Untersuchungen rege mit Wirecard-Aktien handelten. Nach den bisherigen internen Regeln sind solche Deals erlaubt. Die Beamten müssen ihre Geschäfte allerdings vorab an Vorgesetzte melden und genehmigen lassen, um zu verhindern, dass sie dienstliches Insiderwissen nutzen können.

27 verschiedene Derivate

Wie aus der Aufstellung des Bundesfinanzministeriums hervor geht, nahmen die Geschäfte der Bafin-Mitarbeiter mit Derivaten auf die Wirecard-Aktie in diesem Jahr kräftig zu – offenbar, um von den heftigen Schwankungen des Kurses zu profitieren. 2019 handelten die Beschäftigten mit 13 verschiedenen Finanzinstrumenten, deren Wert auf der Kursentwicklung des Zahlungskonzerns beruhte. In diesem Jahr waren es bis zur Pleite von Wirecard Ende Juni 27 verschiedene Aktienderivate. Hinzu kamen noch Differenzkontrakte, zu denen das Finanzministerium keine näheren Angaben machte, weil diese Papiere, für die Privatanleger eigene Konten bei speziellen CFD-Brokern einrichten müssen und Positionen häufig extrem kurzfristig aufbauen und auflösen, aufgrund fehlender Wertpapierkennnummern nicht „eindeutig identifizierbar“ seien.

Auch zu welchem Zeitpunkt und in wie vielen Fällen die jeweiligen Zertifikate gekauft oder verkauft wurden, bleibt in der Antwort an die FDP-Finanzexpertin Stark-Watzinger offen. Angesichts einer Gesamtzahl von 153 Geschäften mit Wirecard-Bezug, die Bafin-Mitarbeiter nach früheren Angaben des Finanzministeriums für die ersten sechs Monate 2020 meldeten, ergibt sich aber, dass bei mindestens knapp einem Fünftel der genehmigten Deals spekulative Zertifikate gehandelt wurden. Falls jedes Derivat nicht nur in einem Fall gehandelt wurde, wäre der Anteil sogar noch höher.

Nach Darstellung des Finanzministeriums, dem die Bafin unterstellt ist, wird in der Behörde aus Datenschutzgründen nicht erhoben, wie lange die Mitarbeiter ihre Finanzprodukte halten. Allerdings dienen Zertifikate in den seltensten Fällen einer langfristigen Vermögensbildung. Aus der Liste der Derivate ergibt sich, dass die Bafin-Mitarbeiter zwar auch Produkte mit vergleichsweise noch überschaubarem Risiko wie Aktienanleihen und Discount-Zertifikate kauften, vor allem aber hoch riskante Zockerpapiere wie sogenannte Knock-Out-Zertifikate, die praktisch wertlos werden, wenn der Aktienkurs bestimmte vorab definierte Schwellenwerte erreicht. Bei mehreren Produkten auf der Bafin-Liste wurde in den zugehörigen Prospekten der Risikoindikator daher mit der höchsten Stufe angegeben. In den meisten Fällen erlitten die Beamten nach dem Auffliegen der Bilanzmanipulationen und der Insolvenz des bayerischen Dax-Konzerns einen Totalverlust – sofern sie nicht rechtzeitig verkauften, was aus der Aufstellung nicht hervor geht.

Die Liste der in diesem Jahr gehandelten Finanzinstrumente belegt, dass die Bafin-Beschäftigten sowohl auf steigende als auch auf fallende Kurse bei Wirecard wetteten. So finden sich dort verschiedene Turbozertifikate, die auf eine positive Kursentwicklung setzten. Darunter ist auch ein Turbo-Optionsschein der Société Générale, den die Bank am 28. April auflegte – also an dem Tag der Veröffentlichung der Sonderanalyse von KPMG, die Wirecard-Chef Markus Braun als Entlastung von allen Vorwürfen verkaufte. Bei Turbozertifikaten wird das Investment des Käufers gehebelt, etwa indem die Bank, die das Wertpapier emittiert hat, den Einsatz mit einem Kredit vervielfacht.

„Shortseller“ in der Bafin

Beschäftigte der Finanzaufsicht handelten aber auch mit Derivaten, die von sinkenden Kursen profitieren. Eines davon war laut Finanzministerium ein Papier der Société Générale mit der Bezeichnung „Faktor 4x Short Wirecard 5 Index“, bei dem unter anderem Kursverluste bei der Aktie zu einem Anstieg des Zertifikatpreises führten und dabei mit dem Faktor vier multipliziert wurden. Gehandelt wurde ebenso ein Zertifikat mit dem Titel „Bonus Reverse Cap“ der Bank Unicredit, das auf Kursverluste setzte.

Dass auch solche Spekulationsgeschäfte der Bafin-Mitarbeiter von ihren Vorgesetzten bewilligt wurden, mutet angesichts der Vorgeschichte reichlich kurios an: Anfang 2019 hatte die Finanzaufsicht erstmals überhaupt für einen einzelnen Titel ein Leerverkaufsverbot verhängt, um Wirecard gegen vermeintlich Angriffe von Investoren, die mit Leerverkäufen auf fallende Kurse spekulieren, zu schützen. Zudem stellte sie damals Strafanzeige gegen mehrere Investoren und Journalisten der „FT“, weil diese laut Bafin mithilfe von Insiderwissen den Kurs der Wirecard-Aktie manipuliert hätten. Darüber hinaus ist bemerkenswert, dass Bafin-weit mehr als jedes vierte Wertpapiergeschäft mit Wirecard-Bezug im ersten Halbjahr 2020 von Mitarbeitern der Abteilung WA2 gemeldet wurde: Die Abteilung für Wertpapieraufsicht ist unter anderem für die Verfolgung von Marktmanipulation sowie die Überwachung von Leerverkäufen und Insiderhandel zuständig – Themen, die seit Anfang 2019 bei Wirecard eine große Rolle spielten.

„Wenn diejenigen, die die Integrität des Marktes sicherstellen sollen, mit hoch spekulativen Finanzinstrumenten handeln, entsteht ein schlechter Beigeschmack“, sagte die FDP-Finanzpolitikerin Stark-Watzinger gegenüber Capital. „Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass Insiderwissen für private Finanzgeschäfte missbraucht wurde.“ Sie verwies darauf, dass in der Privatwirtschaft schon lange strenge Regeln für private Aktiengeschäfte gelten. „Die Bafin als eigentliche Hüterin der Marktordnung hat damit zu einem immensen Imageverlust des Finanzplatzes Deutschlands beigetragen.“

Besonders scharf kritisierte die Parlamentarische Geschäftsführerin der FDP-Bundestagsfraktion, dass das Bundesfinanzministerium das interne Kontrollsystem der Finanzaufsicht für Aktiengeschäfte von Mitarbeitern nach Bekanntwerden der Deals Mitte August noch als „streng und angemessen“ bezeichnet hatte. „Diese Aussage ist vor dem Hintergrund der nun dargelegten Zahlen eine Farce“, sagte Stark-Watzinger. „Wie ein Fußballschiedsrichter, der nicht auf das Spiel wetten sollte, das er pfeift, sollte es Mitarbeitern der Finanzaufsicht untersagt werden, mit Finanzinstrumenten zu handeln, die sie überwachen“, forderte sie. Nach scharfer Kritik an den Aktiendeals hatte Finanzminister Olaf Scholz (SPD) jüngst angekündigt, die internen Richtlinien zu verschärfen. Bei der Europäischen Zentralbank etwa dürfen Beschäftigte mit keinerlei Wertpapieren von Finanzunternehmen handeln, die von der EZB überwacht werden.

 


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