Interview„Wir können eine profitable Batteriezellfertigung aufbauen“

Varta-Chef Herbert Schein könnte mit Partnern in die Produktion von E-Auto-Batterien einsteigen – falls das Konsortium den Zuschlag für eine Förderung des Bundes erhältVarta

Capital: Varta ist bei Umsatz und Gewinn zuletzt zweistellig gewachsen. Seit dem Börsengang 2017 hat sich der Aktienkurs mehr als verdoppelt. Was steckt hinter den guten Zahlen?

HERBERT SCHEIN: Für uns zahlt sich aus, dass wir im Bereich Mikrobatterien – neben den Hörgerätebatterien – mit unseren Lithium-Ionen-Zellen voll auf die neuen Lifestyle-Consumer-Produkte gesetzt haben. In diesem Bereich sind wir Technologieführer, unsere Lithium-Ionen-Zellen haben eine um bis zu 30 Prozent höhere Energiedichte als die unserer Wettbewerber aus Asien. Damit profitieren wir massiv vom Boom für die neue Generation von Headsets – den Ear Buds – und anderen sogenannten Wearables. Der Markt für kabellose Headsets wächst derzeit um bis zu 40 Prozent pro Jahr, und wir wachsen schneller als der Markt. Daher wollen wir unsere Produktionskapazitäten bis 2020 erneut ausbauen, auf mehr als 60 Millionen Lithium-Ionen-Batterien pro Jahr, und unseren Marktanteil weiter drastisch steigern. Wir erreichen unsere Ziele schneller, als beim Börsengang angekündigt.

Ihre Mikrobatterien haben nichts mit den Varta-Batterien zu tun, die man in jedem Supermarkt kaufen kann und die heute dem US-Konzern Energizer gehören. An wen verkaufen Sie Ihre Batterien?

Vor einigen Jahren haben wir neuartige, kleine Lithium-Ionen-Zellen den Topherstellern von Kopfhörern und Headsets vorgestellt. Weil unsere Zellen deutlich kleiner und leistungsstärker waren als die Batterien anderer Hersteller, konnte daraus die neue Generation der schnurlosen Headsets entstehen. Heute zählen praktisch alle Premiumanbieter in diesem Bereich zu unseren Kunden.

Bislang fehlt bei Ihren Kunden ein großer Name: Apple. Stimmen die Spekulationen im Markt, dass sich das bald ändert?

Zu einzelnen Kundenbeziehungen kann ich aus Vertraulichkeitsgründen nichts sagen.

Auf Druck der EU-Kommission muss Energizer das Haushaltsbatterie-Geschäft verkaufen. Wollen Sie die Chance nutzen, einen Teil des alten Varta-Reiches zurück ins Unternehmen zu holen?

Unsere Strategie beruht darauf, in erster Linie organisch zu wachsen. Aber wenn es passt, schließen wir auch Zukäufe nicht aus.

Varta bewirbt sich für die Milliardenförderung, mit der das Bundeswirtschaftsministerium die Industrie dazu bewegen will, eine Batteriezellfertigung für E-Autos in Deutschland aufzubauen. Insgesamt hoffen mehr als 30 Unternehmen auf einen Zuschlag, darunter mehrere Konsortien. Welche Rolle spielt Varta dabei?

Varta steht an der Spitze eines Konsortiums mit Partnern aus fünf europäischen Ländern. Dabei handelt es sich um Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette – vom Rohstofflieferanten bis zum Recycling.

„Wichtig ist, dass die Förderung der Bundesregierung nicht zu stark mit strukturpolitischen Zielen verknüpft wird“

Herbert Schein

Was versprechen Sie sich von einem möglichen Einstieg in den Massenmarkt für E-Auto-Batterien?

Bei Lithium-Ionen-Batterien haben für uns der massive Ausbau der Produktionskapazitäten und innovative Lithium-Ionen-Technolgien für die neuen Lifestyle-Headsets und andere Wearables die höchste Priorität. Aber unsere Technologie ist auch für Anwendungen in anderen Bereichen interessant. Schon vor einigen Jahren hat Varta zusammen mit VW eine Pilotlinie für eine Batteriezellenproduktion für den Automotive-Bereich getestet. Dieses Knowhow haben wir in unsere eigene Lithium-Ionen-Produktion für die Wearables eingebracht und können dieses auch in andere Projekte einbringen.

Ist es für eine eigene Produktion für E-Auto-Batterien in Europa angesichts der Macht der asiatischen Hersteller nicht viel zu spät?

Varta hat schon gezeigt, dass wir eine profitable Massenfertigung für Lithium-Ionen-Zellen in Deutschland aufbauen können. Die Initiative des Bundeswirtschaftsministeriums kommt zur richtigen Zeit. Wichtig ist allerdings, dass die Förderung der Bundesregierung nicht zu stark mit strukturpolitischen Zielen verknüpft wird.

Also keine Fabrik beispielsweise in der Lausitz, um in der Region die Folgen des geplanten Braunkohleausstiegs abzufedern?

Der Aufbau einer Batteriezellproduktion müsste im ersten Schritt an einem Standort stattfinden, an dem das Knowhow schon vorhanden ist, wie beispielsweise am Varta-Stammsitz in Ellwangen in Baden-Württemberg. In einem zweiten Schritt ist es dann grundsätzlich denkbar, die Fertigung an einem anderen Standort zu skalieren.