KommentarWir haben aus Corona gelernt

Die Corona-Pandemie ist noch nicht vorbei: Im Kieler Hauptbahnhof wird auf die Corona-Regeln verwiesenimago images / xim.gs

Die Lage ist derzeit diffus oder auch schizophren. Während sich die Wirtschaft stetig erholt und die Stimmung aufhellt – der ifo-Index ist diese Woche den fünften Monat in Folge gestiegen – klettert auch die Zahl der Corona-Infizierten. Und somit wird die Stimmung angespannter, die Warnungen nehmen zu (lesen Sie dazu auch unsere Analyse „Die vier Phasen des Aufschwungs“). Die Österreicher haben vorsorglich den klassischen Après Ski für 2021 abmoderiert, Länder wie Israel sind in einem zweiten Lockdown, in Madrid sind die  ersten Krankenhäuser wieder überlastet.

Wir sind also mitten in der zweiten Welle, über die wir seit dem Frühjahr orakelt haben – und die Frage, die über allem steht, lautet nun: Wird es jetzt wieder so wie im Frühjahr? Wohl kaum. Ein kompletter Shutdown oder gar Lockdown (also mit Ausgangssperren) ist derzeit nicht in Sicht, er wäre auch übertrieben und unangemessen: Wir könnten ihn uns kaum leisten, wirtschaftlich nicht, gesellschaftlich nicht und psychologisch nicht. Es wird eher ein dosierter „Lockdown Light“ oder – um in der berühmten Metapher zu bleiben –  ein fortgesetzter Tanz mit kleinen regionalen Hämmern.

Und dafür gibt es einen Grund: Nicht nur das Virus scheint zu mutieren, auch wir als Gesellschaft haben uns verändert.

  • Zunächst: Das Ganze trifft uns nicht mehr unvorbereitet, seit März haben wir massiv neue Testkapazitäten aufgebaut. Wir sind beim Impfstoff weiter, wir haben höhere Kapazitäten in den Krankenhäusern, die in Deutschland ohnehin nie ausgeschöpft waren (siehe Klinik-Monitor).
  • Zweitens: Wir haben mehr über das Virus gelernt – im Februar wussten wir fast nichts, über Gefährlichkeit, Symptome, Todesraten und Übertragungswege. Damals dachte man vor allem an die Schmierinfektion, inzwischen wissen wir, dass Covid-19 sich leicht über die Luft verbreitet, über die so genannten Aerosole. Wir haben mehr Daten und Zahlen, wir haben eine Corona-App, die immerhin 18 Millionen mal heruntergeladen wurde (die sicher Verbesserungen braucht, aber immerhin gibt es eine), wir haben genug Atemschutzmasken und Beatmungsgeräte. Selbst das Klopapier dürfte diesmal reichen.
  • Drittens: Die Menschen haben ihr Verhalten angepasst, wir tragen im Alltag Masken und noch immer sind zahlreiche Angestellte im Homeoffice. Viele Unternehmen können inzwischen atmen, flexibel Homeoffice und Präsenz runter- oder hochfahren.
  • Viertens: Bei unter einhundert Fällen in Mecklenburg-Vorpommern und einigen Hundert in Thüringen oder Sachsen-Anhalt wäre ein bundesweiter Shutdown völliger Quatsch und fahrlässig.
  • Fünftens: Auch Fabriken müssen nicht wieder komplett schließen, denn überall wurden in der Produktion Hygienekonzepte erarbeitet – im Frühjahr passierte die Stilllegung zudem vor allem in der Autoindustrie, und die hatte schon davor einige andere Probleme als Corona.
  • Sechstens: Es gibt mehr Erkenntnisse, welche Maßnahmen wirken und welche nicht. Die Ladenschließungen, das hat Gesundheitsminister Jens Spahn schon eingeräumt, gehören nicht dazu. Wichtig sind große Events, Messen und Konzerte – und die finden entweder nicht statt, sind digitalisiert worden oder werden gerade wieder abgesagt.

Natürlich will und kann ich hier nicht Entwarnung geben, das überlasse ich lieber Politikern und Experten. Ich möchte in dem ganzen Corona-Geschrei nur für die Einsicht werben, dass unsere Gesellschaft gelernt hat. Wir sind nicht mehr das Deutschland oder Europa, das die erste Pandemie seit 100 Jahren erlebt.

Wir alle spüren und sehen, dass die Anspannung trotz allem wahnsinnig hoch ist, denn wir haben nicht nur gelernt, sondern auch einiges hinter uns. Und die Vorstellung von häuslicher Isolation und Homeschooling, die Aussicht, dass Restaurants und Läden wieder schließen – nun, die ist für die meisten eine Horrorvorstellung. Wenn es vorher schon ans Eingemachte ging, geht es jetzt im Herbst und Winter an den Kern des Eingemachten. Sowohl bei den Nerven, als auch beim Cashflow.

 


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