KolumneWarum sich Deutschland Homeoffice gar nicht leisten kann

Lars Vollmer
Lars VollmerAndré Bakker

Vor drei Wochen war ich bei einem großen Verlagshaus zu einem virtuellen Vortrag eingeladen. Ich sollte über „Neues normales Führen in Zeiten von Homeoffice“ sprechen. Die Themenwahl ist nachvollziehbar, die Sache betrifft und bewegt so ziemlich alle Unternehmen derzeit. Und das sollte es auch, denn Homeoffice bedroht die Leistungsfähigkeit von Unternehmen, und zwar substanziell.

Das Ende der Zeitverschwendung

Die Vorteile von Homeoffice für die Mitarbeiter liegen auf der Hand. So gibt es wohl keinen einzigen positiven Aspekt am Pendeln. Auch wenn der eine oder andere die Zeit nutzt, um sich einzugrooven beziehungsweise wieder herunterzukommen: Ich glaube nicht, dass irgendjemand das gerne macht. Für die meisten fühlt es sich einfach nur nach Zeitverschwendung an.

Diese Zeit lässt sich zu Hause viel sinnvoller nutzen. Zum Beispiel für die Kinderbetreuung, wenn Schule oder Kindergarten mal wieder zu sind. Oder um zwischendurch schnell mal zum Einkaufen zu gehen.

Die Umwelt profitiert sowieso. Und, ach ja, die Gefahr sich anzustecken, ist auch kleiner. Nun gut, dieses Argument wird ja hoffentlich über kurz oder lang wegfallen, aber die Gefahr ist groß, dass Führungskräfte wie Mitarbeiter auch in Nach-Corona-Zeiten sagen: “Lasst uns doch weiterhin im Homeoffice arbeiten. Klappt doch super!“

Das Ende der Hinterbühne

Tatsächlich gibt es vieles, was erstaunlich gut im Homeoffice funktioniert, sogar besser als vor Ort im Büro. Das sind all die Aufgaben, die sich prozessual erledigen lassen. Nach Plan und Checkliste. Das umfasst den großen Teil derjenigen Arbeiten, die bekannte Probleme lösen. Solche Probleme also, die schon mehrfach im Unternehmen gelöst wurden und für die ausreichend belastbares Wissen bereitsteht. Störungen stören hier nur. Endlich mal wieder vier Stunden unterbrechungsfrei durcharbeiten zu können, erhöht die Produktivität massiv. Das funktioniert im Homeoffice wirklich klasse.

Die Schwierigkeit ist: Alle Aktivitäten, die im Unternehmen auf der Hinterbühne laufen, kommen nahezu vollständig zum Erliegen.

 


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Wenn Sie mein Buch „Zurück an die Arbeit“ gelesen haben, dann wissen Sie schon, was ich mit „Hinterbühne“ meine. Das ist der informelle Teil der Organisation, der sich unter dem Radar der formalen Strukturen selbstständig entwickelt. Hier werden diejenigen Probleme gelöst, die Ideen benötigen, weil relevantes Wissen nicht vorhanden ist.

Die Hinterbühne vernetzt sich kontinuierlich neu und profitiert massiv von spontanen persönlichen Begegnungen. Und das wirkt extrem nachhaltig: Denn auf der Hinterbühne treiben Kollegen über Abteilungs- und Hierarchiegrenzen hinweg miteinander Dinge voran und generieren den entscheidenden Teil der Wertschöpfung für das Unternehmen, während auf der Vorderbühne Business-Theater gespielt wird.

Und tatsächlich ist die Hinterbühne auch der einzige Ort im Unternehmen, wo Innovationen entstehen.