KolumneDie vier Phasen des Aufschwungs

Container-Umschlag im Hamburger Hafen: Der Außenhandel erholt sich langsamimago images / Markus Tischler

Der Schock lässt nach. Nach dem beispiellosen Absturz der Wirtschaftsleistung um 20 bis 30 Prozent innerhalb von nur zwei Lockdown-geprägten Monaten März und April hat sich die Wirtschaft in der westlichen Welt seit Mai wieder spürbar erholt. Wie erwartet schwächt sich das anfangs sogar überraschend ausgeprägte Tempo des Wiederaufschwungs mittlerweile schrittweise ab. Mit dem neuerlichen Anstieg der Neuinfektionen in Europa im August und September hat zudem das Rückschlagrisiko wieder zugenommen.

Aber bisher sieht es so aus, als würden die Auftriebskräfte die Oberhand behalten. Sofern nicht eine neue Welle harter Lockdowns oder politische Risiken aus den USA die Wirtschaft dramatisch belasten, dürfte der Aufschwung alles in allem in vier Phasen verlaufen.

Phase 1: Der Einzelhandel holt auf (Mai bis Juli 2020)

Mit dem schrittweisen Ende der meisten Restriktionen und Kontaktbeschränkungen konnten große Teile der Wirtschaft ab Ende April oder im Laufe des Mai wieder angeschaltet werden. Entsprechend hat sich die Konjunktur kräftig erholt, getragen anfangs vor allem von einem schnellen Zuwachs der Umsätze im Einzelhandel. Verbraucher haben die Möglichkeit genutzt, neben weiterhin lebhaften Käufen im Internet auch wieder selbst in die Geschäfte zu gehen. Seit Juni verkauft der Einzelhandel in den meisten Ländern der westlichen Welt sogar etwas mehr Güter als im entsprechenden Monat des Vorjahres.

Phase 2: Industrie und internationaler Handel mit Gütern erholen sich (August bis etwa Ende 2020)

Nach dem Auslaufen des ersten Aufholeffektes zeichnet sich seit Juli in der westlichen Welt ein flacherer Verlauf ab. Dabei ändern sich auch die Triebkräfte des Aufschwungs. Die Ausgaben der Verbraucher für Güter dürften im weiteren Verlauf des Jahres nur noch moderat zulegen. In Europa könnten bei höheren Infektionszahlen die Umsätze im Einzelhandel kurzzeitig auch mal rückläufig sein. Dagegen lösen sich mittlerweile das Verarbeitende Gewerbe und der Außenhandel immer mehr von der Talsohle. Die Phase des Lagerabbaus, in der Geschäfte mehr Güter verkauft haben, als die Unternehmen produziert haben, ist vorbei. Die bessere Konjunktur in China, das sich relativ schnell von der Pandemie erholt hat und zudem seine Binnenwirtschaft wie üblich erheblich stützt, trägt zum stärker industriegetriebenen Aufschwung bei.

Phase 3: Mehr Investitionen der Wirtschaft und des Staates (2021-2022)

In unsicheren Zeiten halten Unternehmen sich mit Investitionen zurück. Im zweiten Quartal sind beispielsweise die deutschen Ausrüstungsinvestitionen um 28 Prozent eingebrochen nach einem Rückgang von 10,4 Prozent im ersten Quartal, das ja im März bereits durch die Pandemie spürbar beeinträchtigt worden war. In großen Teilen der Welt dürften sich die Ausrüstungsinvestitionen vom Schock der Pandemie etwas zeitverzögert und nur schrittweise erholen. Während die Investitionen im Herbst dieses Jahres vermutlich noch vergleichsweise schwach bleiben, könnten sie dann im Laufe des kommenden Jahres wieder deutlich zulegen. Dies wäre dann eine dritte Phase des Wiederaufschwungs. Zusätzliche Staatsausgaben werden die Konjunktur in der westlichen Welt auch 2021 und in den Jahren danach erheblich stützen. Die Fiskalpolitik schwenkt dabei immer mehr vom ursprünglichen Abfedern des Abschwungs und der reinen Überlebenshilfe für Haushalte und Unternehmen zur klassischen Konjunkturpolitik mit mehr staatlichen Investitionen um.

Phase 4: Weiteres Wachstum über Trend (ab etwa 2023 bis etwa 2025)

Auch nach der Rückkehr zur Wirtschaftsleistung von Ende 2019 dürfte das Wachstum für einige Jahre oberhalb der Rate bleiben, die vor der Pandemie als Trend galt. Zum einen werden bei anfangs noch immer etwas erhöhter Arbeitslosigkeit die außerordentlich expansive Geld- und Fiskalpolitik die Konjunktur antreiben. Zudem werden Unternehmen weiterhin mehr als üblich investieren, um den Nachholbedarf der aktuellen Investitionsflaute auszugleichen und ihre Lieferketten neu und krisensicherer zu strukturieren. Auch die privaten Verbraucher, die während und unmittelbar nach der Krise zusätzliche Ersparnisse angehäuft haben, mögen in besseren Zeiten die Reserven abbauen und zeitweise sogar mehr Geld als normal ausgeben. In dieser vierten Phase des Wiederaufschwungs nach der Pandemie könnte sich dann auch langsam ein gewisser Inflationsdruck aufbauen. Die Europäische Zentralbank könnte endlich ihr Ziel eines Preisauftriebs von knapp zwei Prozent erreichen, während die USA bei einer noch aggressiveren Geld- und vor allem Fiskalpolitik die Zwei-Prozent-Marke spürbar überschreiten könnten.

Natürlich sind die Angaben über die mögliche Länge der einzelnen Phasen nur als grobe Richtwerte zu verstehen.