GastbeitragWir brauchen Ehrbare Investoren

Michael H. Kramarsch, Gründer der Vergütungsberatung hkp group Foto: Katrin Binner / hkp group / PR

Der 2017 durch den Deutschen Corporate Governance Kodex (DCGK) in das Leitbild für gute Unternehmensführung aufgenommene Begriff des Ehrbaren Kaufmanns bezieht sich auf ein historisch gewachsenes Ideal: Ein Ehrbarer Kaufmann stützt sein Verhalten auf Tugenden, die auf nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg abzielen, ohne den Interessen der Gesellschaft entgegenzustehen.

Als der Begriff entstand, gab es noch keine strukturelle Trennung zwischen Eigentümern und angestellten Managern. Diese hat sich erst mit der industriellen Revolution durchgesetzt. In die heutige Zeit transferiert ist der Ehrbare Kaufmann sowohl Ehrbarer Manager als auch Eigentümer – oder für börsennotierte Unternehmen ein Ehrbarer Investor.

In der Unternehmensführung der deutschen Aktiengesellschaft ist eine Gewaltenteilung zwischen Vorstand und Aufsichtsrat manifestiert. Die Hauptversammlung wirkt als Organ der Aktionäre. Die zweite Europäische Aktionärsrechterichtlinie hat hier nun eine Machtverschiebung eingeleitet: weg von Vorstand und Aufsichtsrat als den so auch im DCGK angesprochenen Ehrbaren Kaufleuten hin zur Hauptversammlung und damit den Investoren. Aber lässt sich das Leitbild der Ehrbarkeit tatsächlich ohne weiteres auf letztere übertragen?

Investoren heute: heterogen, international, selbstbewusst

Landläufig wird der Begriff des Aktionärs mit nationalen Privatanlegern gleichgesetzt. Die Realität sieht jedoch anders aus: Es handelt sich mittlerweile hauptsächlich um professionelle Unternehmen, die fremdes Vermögens einwerben, verwalten und möglichst mehren. Zudem ist diese Eigentümerschaft stark heterogen und mehrheitlich international geprägt. So stammt weniger als ein Fünftel der Investoren in DAX-Unternehmen aus Deutschland.

Aus der Verwaltung fremder Gelder leitet sich die treuhändische Fürsorgepflicht ab, Vermögensschäden in den investierten Unternehmen proaktiv abzuwenden. Dies geschieht zunehmend auch mit öffentlichem Nachdruck. Bei aktivistischen Investoren resultiert dieser Druck gern auch in breiten Kampagnen, wobei es dabei fast immer um kurzfristige Optimierungen von Anlagestrategien geht, nicht selten zu Lasten der Unternehmen.

Investoren spielen in der Gewaltenteilung zwischen Vorstand, Aufsichtsrat und Hauptversammlung eine zentrale Rolle. Aber nicht alle füllen diese verantwortungsvoll aus. Die Präsenz auf Hauptversammlungen ist dafür ein guter Gradmesser. So nimmt per heute – selbst unter Berücksichtigung von Ankeraktionären – nur weniger als die Hälfte der Investoren diese Verantwortung wahr. Dabei ist die aktive Überwachung von Portfolio-Unternehmen integraler Bestandteil der Pflichtenstellung von Investoren.

Wichtiges Korrektiv, aber nicht die besseren Unternehmer

Zugegeben: Die Überwachung von Portfolien mit tausenden Werten weltweit ist kein triviales Unterfangen. Und seit einigen Jahren investieren immer mehr Kapitalsammelstellen in ihr Engagement im Sinne des Ehrbaren Investors. Aber die Mehrheit folgt diesen positiven Beispielen (noch) nicht. Das Ergebnis sind oft undifferenzierte Checklisten ohne Prüfung unternehmensindividueller Sachverhalte sowie eine erhebliche Machtfülle bei Stimmrechtsberatern, deren Abstimmungsempfehlungen viele Investoren blind entsprechen.

Damit Institutionelle Investoren und Stimmrechtsberater ihrer Funktion verantwortungsvoll nachgehen können, sind Verbesserungen in verschiedenen Bereichen zwingend notwendig. Dies betrifft einen differenzierten Blick auf die Dauer der Eigentümerstellung, die Wahrnehmung der Verantwortung durch Stimmteilnahme und einen professionellen wie auch transparenten Dialogprozess mit Unternehmen zu klaren Erwartungen, Rahmenbedingungen für den Dialog und zur Kontrolle des Stimmverhaltens. Werden diese Anforderungen erfüllt, ist ein großer Schritt hin zum Ehrbaren Investor getan.

Wirksame Branchenstandards etablieren

Wie der DCGK den Ehrbaren Kaufmann als Leitbild guter Unternehmensführung definiert, bedarf es zudem einer analogen Verankerung des Leitbilds eines Ehrbaren Investors. Diese sollte über rein gesetzliche Anforderungen hinausgehen. Die sogenannten Stewardship-Leitlinien des deutschen Berufsverbands für Investment Professionals DVFA sind dabei ein Schritt in die richtige Richtung. Jedoch darf es nicht bei einem unverbindlichen nationalen Modell bleiben. Angesichts der internationalen Investorenlandschaft braucht es länderübergreifend und mit größtmöglicher Verbindlichkeit versehene extern überprüfbare Vorgaben, auch für den Ehrbaren Investor.

 


Michael H. Kramarsch ist Gründer und Managing Partner der Unternehmensberatung hkp group. Er zählt zu den führenden Experten für wertorientierte Unternehmensführung, Corporate Governance und Organ-Vergütung.