AktienWie wir künftig arbeiten werden


Klaus F. Zimmermann, Universität Bonn, forscht derzeit an der Princeton University und leitet eine Forschergruppe an UNU-MERIT, dem gemeinsamen Thinktank der Maastricht University und der United Nations University in Maastricht.


Unsere Arbeitswelt ist ständig in Bewegung. Kaum sind die mit dem Schlagwort der „Flexibilisierung“ verknüpften Veränderungen bewältigt, tritt mit der „Digitalisierung“ ein neuer Wandel ein, dessen Ausmaß sich gerade erst abzuzeichnen beginnt: So produziert das weltgrößte Medienunternehmen keine eigenen Inhalte („Facebook“), der weltgrößte Anbieter von Unterkünften besitzt keine eigenen Immobilien („Airbnb“) und das weltgrößte Taxiunternehmen hat keine eigenen Fahrzeuge („Uber“). Und Internet-Firmen wie „Google“ sind dabei, den Takt der künftigen Wirtschaft zu bestimmen. Die Folge ist nicht weniger, sondern andere Arbeit.

So zeichnet sich ab, dass eine formale Qualifikation nicht mehr das entscheidende Kriterium für ein zukunftssicheres Berufsbild ist. Neben Telefonverkäufern, Köchen und Packern sind auch Taxi-Fahrer, Piloten und Richter davon bedroht, ganz oder teilweise durch Maschinen, Roboter oder Computer ersetzt zu werden. Es sind also vor allem Berufe betroffen, in denen Präzision und Routine vorherrschen. Umgekehrt entstehen gleichzeitig neue Berufsfelder und es gewinnen Berufe an Bedeutung, die sich vor allem durch hohe Anforderungen in den Bereichen Kreativität, soziale Intelligenz und unternehmerisches Denken auszeichnen. Aus heutiger Sicht zählen dazu Ärzte, Lehrer und Psychologen – aber zum Beispiel auch Förster und Fitness-Trainer.

unternehmerisches Denken wird zur Schlüsselkompetenz

Doch nicht nur Berufe wandeln sich. Ein neuer Typus des „Arbeitnehmer-Selbstständigen“ wird sich herausbilden. Er ist prinzipiell überall verfügbar und vereint die bestimmenden Merkmale der Erwerbsgesellschaft von morgen in sich, zu denen vernetztes Arbeiten, Denken und Handeln zählen. Diese Entwicklung geht einher mit einer allgemeinen Verlagerung von unternehmerischen Risiken auf Arbeitnehmer. So treten an die Stelle von Handlungsanweisungen zunehmend Zielvereinbarungen, strenge Hierarchien lösen sich auf und erfolgsabhängige Entlohnungen gewinnen an Bedeutung. Auch deshalb wird unternehmerisches Denken zu einer Schlüsselkompetenz.

Dagegen ist das Normalarbeitsverhältnis (gesicherte Vollzeitbeschäftigung) auf Dauer substantiell bedroht, auch wenn der Bedeutungsverlust derzeit noch nicht groß erscheint. Arbeit in Teilzeit oder mit befristeten Verträgen, als Leiharbeiter oder als Minijobber, nimmt zwar bereits heute einen großen und wachsenden Bereich der Beschäftigung ein. Die einen bezeichnen dies als „atypische Beschäftigung“, andere sprechen gleich von prekärer Arbeit. Dennoch sind heute in Deutschland immer noch zwei Drittel der Erwerbstätigen „normal“ beschäftigt, im letzten Jahrzehnt ist dieser Anteil nicht weiter geschrumpft. „Flexible“ oder „dynamische Beschäftigung“, wie sie vielleicht besser genannt werden sollte, nahm in dieser Dekade zwar absolut zu, aber nicht relativ. Global gesehen arbeitet heute knapp die Hälfte der Weltbevölkerung selbstständig, nur ein kleiner Teil „normal“. So betrachtet ist in Wirklichkeit unsere normale (oder „statische“) Arbeit bereits heute atypisch.

Mit dem Rückgang der schweren Arbeit, gewinnen andere Aspekte der Arbeitswelt zunehmend größeres Gewicht. Arbeit schafft soziale Identität und Lebenserfüllung. Damit wächst auch das Bedürfnis, sich Arbeitszeit flexibler einzuteilen, und auch an wechselnden Arbeitsorten tätig sein zu können. Flexible Arbeitszeitmodelle wie Gleitzeit, Arbeitszeitguthaben oder variable Zeitplanungen sind in vielen Unternehmen längst Normalität. Familie und Beruf so besser verbinden zu können, ist heute der normale Wunsch von Lebenspartnern. Der Bedarf an flexibler oder dynamischer Arbeit erwächst somit nicht nur aus der Notwendigkeit für Unternehmen, sich Marktbedingungen besser anpassen zu können, sondern aus den Bedürfnissen moderner Arbeitnehmer.

Der Arbeitsdruck wächst

Die aufziehende digitale Ökonomie hat das Potential, das Normalarbeitsverhältnis von innen aufzulösen. Die Notwendigkeit zur Arbeit an einem festen Arbeitsplatz und zu festen Arbeitszeiten entfällt. Die Chancen und Bedingungen für Selbstbestimmung als Freiberufler oder Arbeitnehmer-Selbstständige werden zunehmen. Gleichzeitig nehmen soziale Kontakte und die Einbindung in alltägliche Arbeitsprozesse ab, während der Arbeitsdruck – vielfach auch selbstverursacht – wächst.

Die Gewerkschaften stehen dabei am Scheideweg: In der vielfältiger werdenden Arbeitswelt fällt weder die allgemeingültige Vertretung von diversifizierten Arbeitnehmerinteressen noch die Gewinnung neuer Mitglieder leicht. Soziale Netzwerke können sich zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz als Partner virtueller Belegschaften entwickeln. Kleingruppen-Interessensvertretungen werden künftig wahrscheinlich an Bedeutung zunehmen.

In einem Themendossier widmet sich Capital dem Thema Zukunft der Arbeit. Auf der Junge Elite Konferenz kommen Deutschlands Top 40 unter 40 am 3. November in Berlin zusammen und widmen sich der Frage, wie wir künftig arbeiten werden. Hier finden Sie weitere Beiträge zum Thema: Denkfehler der New-Work-Bewegung (Lars Vollmer), Vertrauen motiviert Mitarbeiter (Pia Struck), So werden Sie Manager Ihrer Emotionen (Antje Heimsoeth), Von der Stechuhr zum Homeoffice (Max Orgeldinger)

Newsletter: „Capital- Die Woche“

Jeden Freitag lassen wir in unserem Newsletter „Capital – Die Woche“ für Sie die letzten sieben Tage aus Capital-Sicht Revue passieren. Sie finden in unserem Newsletter ausgewählte Kolumnen, Geldanlagetipps und Artikel von unserer Webseite, die wir für Sie zusammenstellen. „Capital – Die Woche“ können Sie hier bestellen: