PandemieWie das Coronavirus in Asien erfolgreich bekämpft wird

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Hongkong war am schnellsten

Bei einer Frau mit Gesichtsmaske wird die Temperatur gemessen. Vorher darf sie das Postamt nicht betreten (Foto: Getty Images)

Als einer der pro-aktivsten Staaten ging Hongkong die Krise an. Schon als die Zahl der bestätigten Coronavirus-Fälle noch unter 20 lag, setzte der Stadtstaat den Schulunterricht aus, schloss die meisten öffentlichen Einrichtungen und forderte die Einwohner auf, Versammlungen zu meiden. Die Regierung bediente sich eines „Supercomputers“ der Polizei, der normalerweise für die Aufklärung komplexer Verbrechen eingesetzt wird. Mit seiner Hilfe wurden schon während des SARS-Ausbruchs potenzielle „Supercarrier“ und Hotspots in der Stadt aufgespürt.

Die Gesundheitsbehörden aktualisieren auch regelmäßig eine Karte, die anzeigt, in welchen Gebäuden Covid-19-Patienten leben oder wo sie sich zuletzt aufgehalten haben. Die Bewohner haben sich streng an den Expertenrat für Hygiene-Vorschriften gehalten. Die meisten Menschen tragen Gesichtsmasken, da die Erinnerungen an die SARS-Epidemie noch frisch in ihren Köpfen sind. Sie kostete fast 300 Menschen in der Stadt das Leben.

Aber nirgends haben die Lehren aus SARS einen so großen Unterschied gemacht wie in Taiwan. 73 Menschen starben daran. Doch wegen der von China geforderten Ächtung durch internationale Gremien wurde es weitgehend sich selbst überlassen. Nachdem die Epidemie abgeklungen war, verbrachte Professor Su – der damalige Direktor des Center for Disease Control – mehrere Monate damit, in den USA Verfahren zu studieren. Als er Anfang 2004 zurückkehrte, begann er eine Generalüberholung des gesamten öffentlichen Gesundheitssystems in Taiwan.

Taiwan krempelte nach SARS Gesundheitswesen um

So fuhr das Land seine Kapazitäten hoch und nahm Dutzende neue Ärzte in das Seuchenkontrollzentrum auf. Es wurden mehr als 1000 Unterdruckräume in Krankenhäusern eingerichtet und mehr Labore für Infektionskrankheiten geschaffen, die Tests auf Viren durchführen können. „Früher machte das nur die CDC, aber wenn ein Ausbruch da ist, können Sie das nicht bewältigen“, sagt Su. „Da Labore vertraglich an medizinische Einrichtungen gebunden sind, können wir nun 2400 Personen pro Tag testen, und wir können die Kapazität personell schnell ausweiten.“ Taiwan baute auch Lagerbestände von Artikeln des Grundbedarfs auf – einschließlich eines Vorrats von 40 Millionen Chirurgenmasken.

Aber die größte Wirkung entfaltete sich an der politischen Front – obwohl das Land parteipolitisch normalerweise genauso polarisiert ist wie die USA. Nach häufigem Zwist und Missverständnissen zwischen der Zentralregierung und lokalen Verwaltungen während SARS entwickelte Professor Su eine einzigartige Managementstruktur: Spezialisten für Infektionskrankheiten werden aus Ärztezentren in ganz Taiwan an eine Einrichtung namens Central Epidemic Command Center abgeordnet, die von der CDC betrieben wird. Der Vorsitzende des Expertengremiums ist einem Minister gleichgestellt. Medizinische Fachleute und Regierungsbeamte bewerten diese Struktur als einen wichtigen Beitrag, um unabhängig von der Politik schnelle Reaktionen zu gewährleisten.

Außerdem hat Taiwan die rechtlichen Grundlagen geschaffen, um die bürgerlichen Freiheiten im Rahmen einer Epidemie einzuschränken. So ist es nun möglich, Verstöße gegen die Quarantänebestimmungen mit einer Geldstrafe zu ahnden. All diese Reformen wurden während des H1N1-Grippeausbruchs 2009 getestet. „Dadurch konnten wir Lücken erkennen, wo Dinge nicht funktionierten“, sagt Professor Chang. „Und seitdem wurden viele weitere Änderungen vorgenommen.“

Stresstest bestanden

Die gegenwärtige Epidemie hat das System nun voll auf die Probe gestellt – eine Prüfung, die Taiwan bisher offenbar bestanden hat. Obwohl die Kontakte mit China so häufig sind, wie in kaum einem anderen Land – mehr als eine Million Bürger leben oder arbeiten dort, und mehr als 2,7 Millionen Chinesen besuchten die Insel im vergangenen Jahr –, liegt Taiwan heute bei den bestätigten Coronavirus-Fällen weltweit nur noch auf Platz 50.

Taipeh wurde frühzeitig über den Ausbruch in Wuhan informiert. Ende Dezember begannen Gesundheitsbeamte damit, ankommende Passagiere von dort im Flugzeug zu untersuchen. Vorher durften sie nicht aussteigen. Am 23. Januar, als Wuhan abgeriegelt wurde, setzte Taipeh alle Flüge von und nach der Stadt aus, untersagte den Einwohnern die Einreise und verlangte eine tägliche Gesundheitsüberwachung für Personen mit Atemwegsbeschwerden, die aus ganz China angereist waren. Am 26. Januar war Taiwan das erste Land, das praktisch allen Bürgern der Volksrepublik die Einreise verwehrte.

Die Behörden für Einwanderung und Krankenversicherung vernetzten ihre Datenbanken und ermöglichten der Regierung, Personen mit erhöhtem Infektionsrisiko zu identifizieren. Als mehr Informationen über Übertragungswege und Inkubationszeiten verfügbar wurden, verschärfte Taipeh die Quarantänebestimmungen. Das Land warf auch ein breiteres Netz aus: Patienten mit Atemwegsbeschwerden, die negativ auf Influenza getestet worden waren, wurden auf Corona getestet. Eine Initiative, die die ersten Übertragungen in Taiwan aufdeckte und half sie zu stoppen, bevor die Krankheit sich weiter ausbreitete.

Internationale Experten sind voll des Lobes ob dieser Reaktion. „Taiwan ist ein Modell dafür, wie eine Gesellschaft schnell auf eine Krise reagieren und die Interessen ihrer Bürger schützen kann“, befand eine Gruppe von US-Wissenschaftlern in einem Anfang des Monats veröffentlichten Papier. Aber die Regierungen im Westen scheinen dem wenig Aufmerksamkeit zu schenken. „Vielleicht hoffen einige Gesundheitsexperten, dass wir ihnen mit Tests helfen können“, sagt Professor Chang. „Aber was das Management im öffentlichen Gesundheitssystem betrifft, so hat sich bisher niemand um Rat bemüht.“

 


Singapur: Stadtstaat ohne Todesfälle

Obwohl Singapur eines der ersten Länder war, auf die das Coronavirus aus China übergriff, hat es noch keinen einzigen Todesfall gegeben. Der Stadtstaat mit 5,7 Millionen Einwohnern verzeichnete bislang knapp über 300 bestätigte Fälle, von denen etwas weniger als die Hälfte vollständig genesen ist und aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Die Tatsache, dass die meisten Infizierten unter 65 Jahre alt sind, trägt nach Expertenmeinung dazu bei, dass es bislang keine Toten gab.

„Wenn das Gesundheitssystem wie in Italien seine Belastungsgrenze überschreitet, steigt die Zahl der Todesfälle“, sagt Dale Fisher, Professor für Infektionskrankheiten an der National University of Singapore. „Es ist sicherlich kein Hexenwerk. Es ist eben so, dass wir die Fälle erfassen, dass wir uns gut um sie kümmern, und zum Glück sind viele von ihnen jung, und wir haben leistungsstarke Intensivstationen.“ Der Vizedirektor des Programms für neu auftretende Infektionskrankheiten an der Duke-National University of Singapore Medical School, Ooi Eng Eong, fügt hinzu: „Dadurch dass für jeden, der es brauchte, ein Beatmungsgerät oder andere ärztliche Hilfe verfügbar war, wurden wir nicht überfordert.“

Was Europa und die USA von Singapur lernen könnten, sind nach Meinung von Experten klare Botschaften der Regierung. Außerdem hätten harte Strafen für Regelverstöße dazu beigetragen, die Ansteckung einzudämmen. Allerdings wurde der Umgang mit der Krise stark durch den SARS-Ausbruch 2003 geprägt, bei dem 33 Menschen ums Leben kamen. Die Bereitschaft wurde hochgefahren, sobald Informationen aus Wuhan kamen – einschließlich neuer Labore für Massentests. Die meisten entwickelten Länder verfügen über die Technologie, Tests zu entwickeln, sagt Professor Fisher. „Der größte Unterschied liegt darin, dass wir es getan haben.“


Mitarbeit: Kana Inagaki in Tokio, Stefania Palma in Singapur, Kang Buseong in Seoul, Alice Woodhouse und Nicolle Liu in Hongkong

Copyright: The Financial Times Limited 2020