Voice of AmericaWie die USA Geschichte als Realityshow inszenieren

Das Elternhaus von George Washington wurde nachgebaut - allerdings nicht detailgetreu
Das Elternhaus von George Washington wurde nachgebaut - allerdings nicht detailgetreu

Über George Washingtons Geburtsort ist Gras gewachsen. Schon vor 250 Jahren brannte das Elternhaus des ersten US-Präsidenten am Ufer des Pope’s Creek in Virginia ab. Doch davon ließen sich die Amerikaner ihre Lust an der Geschichte nicht verderben. Die Regierung hat das Gelände zur nationalen Gedenkstätte erklärt. Entlang der Spazierwege auf der einstigen Tabakfarm posieren Ehrenamtliche in historischen Kostümen, damit die Besucher das Damals im Heute erleben können. Das abgebrannte Herrenhaus wurde nachgebaut – mangels originaler Baupläne allerdings mehr gefühlt als detailgetreu historisch.

Capital-Cover 04/2018
Die neue Capital

Solch spielerischer Umgang mit der Vergangenheit ist keine Ausnahme in Amerika. Es gibt hier Fahrradkarten, mit denen man Bürgerkriegsschauplätze abfahren kann. Bei Gettysburg in Pennsylvania lässt sich jeden Juli live erleben, wie sich Soldaten der Süd- und Nordstaaten mit Bajonetten, Säbeln und Pistolen massakrieren. Eintritt für vier Tage: 90 Dollar, Kinder unter zwölf Jahren ermäßigt.

Bedrückender ist, was im Vorführraum eines Museums in Montgomery, Alabama, gezeigt wird: Die Schwarze Rosa Parks weigert sich, ihren Sitzplatz für einen Weißen zu räumen, und wird deshalb von der Polizei abgeführt. Dank der lebensgroßen Videoszene fühlt sich der Bürgerrechtskampf der 50er- und 60er-Jahre, den meine Generation nur aus Geschichtsbüchern kennt, plötzlich ziemlich nah an.

Tatsächlich ist das Vergangene in Amerika sehr gegenwärtig. Nicht nur, weil an manchen Einfamilienhäusern in den Südstaaten die Flagge der Konföderierten im Wind flattert. Im Kleinstädtchen Charlottesville marschierten letztes Jahr Mitglieder des Ku-Klux-Klans auf. Dort wie anderswo wird darüber gestritten, ob manche Helden der Vergangenheit nicht von ihren Sockeln gestoßen werden müssten, weil sie im Bürgerkrieg aufseiten der Sklavenhalter kämpften. In einem Land, in dem Rassismus auch sechs Jahrzehnte nach Rosa Parks’ Protest noch alltäglich ist, ist das kein professorales Thema, sondern ein lebensnahes.

Am 4. April jährt sich zum 50. Mal der Todestag von Martin Luther King. Washingtons Liberale machen sich selbst Mut, indem sie Zitate des Bürgerrechtlers in ihre Vorgärten hängen: „Ich habe mich für die Liebe entschieden. Hass ist mir eine zu schwere Bürde.“ Im Oval Office aber sitzt der Rächer des frustrierten weißen Mannes und postet Wut. Manchmal scheint es, als suche Amerika seine Zukunft in der Vergangenheit.

In George Washingtons Geburtsort übrigens mussten die Historiker zehn Jahre nach der Eröffnung des Hauses feststellen, dass sie es an der falschen Stelle wiedererbaut hatten. Nun markiert eine Linie im Gras den originalen Standort. Es stört sich niemand daran.