Heinz-Glas Wie die Glasindustrie in Oberfranken um ihre Zukunft kämpft

Bei Heinz-Glas werden Flakons hergestellt
Bei Heinz-Glas werden Flakons hergestellt
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Seit 400 Jahren stellt Heinz-Glas Flakons für Parfums her. Doch die hohen Energiepreise bedrohen die Glasindustrie in Oberfranken. Ohne Erdgas würden die Anlagen erkalten und zerstört – also bereitet man sich auf das Schlimmste vor
Volle Auftragsbücher, ein wachsendender Markt, 300 verschiedene Flakons jedes Jahr in Stückzahlen zwischen 20.000 und 15 Millionen, ein Umsatz von 330 Mio. Euro: Auf den ersten Blick ist die Lage des Flakon-Herstellers Heinz-Glas, ein Familienunternehmen mit 400 Jahre Geschichte, sehr gut. Und doch gibt es ein großes Problem.
„Mit den Energiepreisen, die wir derzeit haben, arbeiten wir nicht mehr wirtschaftlich“, sagte Christian Fröba, der das operative Geschäft leitet, im Podcast „Die Stunde Null“. „Wir reden teilweise über den Faktor 20 im Vergleich zu Beginn des vergangenen Jahres. Der Markt funktioniert nicht mehr.“ Mit anderen Worten: Heinz-Glas verbrennt jeden Tag Geld.
Das Unternehmen sitzt in Kleintettau, einem Dorf mit 800 Einwohnern in Oberfranken, 1500 Menschen arbeiten hier. In der Region am Rennsteig sitzen andere namhafte Hersteller, darunter Gerresheimer, Röser und Wiegand-Glas. Letzterer hat 2000 Mitarbeiter und stellt ein Viertel aller Getränkeflaschen aus Glas her, die in Deutschland benötigt werden. Jeder vierte Flakon weltweit wiederum kommt von Heinz-Glas, das Unternehmen hat 16 Standorte weltweit, darunter in China, Polen, Indien und Peru.
Das erfolgreiche Cluster ist bedroht – denn zum einen benötigt die Glasproduktion bei Temperaturen von 1500 bis 1600 Grad viel Energie. „Die Glasindustrie am Rennsteig benötigt so viel Strom wie eine Stadt mit 400.000 Einwohnern und so viel Erdgas wie 85.000 Einfamilienhäuser“, rechnete Fröba vor.
Mit einem Video, das innerhalb von 48 Stunden 60.000 mal angeschaut wurde, haben die Glasproduzenten vor kurzem um Hilfe gerufen – Hashtag #Alarmstuferot. „Die Glasindustrie in Deutschland hat eine sehr kleine Lobby oder keine Lobby“, sagte Fröba. „Es war für uns wichtig, uns Gehör zu verschaffen.“
Carletta Heinz, die das Familienunternehmen in 13. Generation führt, hatte die Lage in drastischen Worten umrissen: „Wenn es so weitergeht, können wir uns vielleicht noch ein halbes Jahr über Wasser halten“, sagte sie Ende Februar der „Süddeutschen Zeitung“. „Danach ist es vorbei.“ Die hohen Energiekosten machen die Glasproduktion in Deutschland unwirtschaftlich. Und „dann findet sie eben in anderen Ländern statt, mit weniger Vorschriften und unter schlechteren Bedingungen.“
Ein weiteres Problem ist, dass die Produktion rund um die Uhr laufen muss. Bei einem Gasembargo kann man die Produktion nicht herunterfahren. „Die Schmelzwannen haben das heiße geschmolzene Glas in sich und müssen kontinuierlich beheizt werden“, so Heinz-Glas-COO Christian Fröba in der „Stunde Null“. „Wir betreiben unsere Anlagen 24 Stunden, sieben Tage die Woche. Wird die Energiezufuhr unterbrochen, kühlt das Glas in der Schmelzwanne ab und erstarrt.“ Das Ergebnis sei ein „riesengroßer Glasbrocken“, je nach Anlagengröße von 50 bis 600 Tonnen. „Das ist ein Totalschaden. So eine Wanne kostet zwischen 15 und 50 Mio. Euro.“ Die Bauzeit einer Anlage sei ein Jahr. In der Region am Rennsteig gibt es nach Aussage von Fröba 15 solcher Schmelzwannen.
Die Glasindustrie muss ihre Abhängigkeit vom Erdgas reduzieren. Daran arbeitet sie bereits, einige Werke laufen elektrisch. „Die Glasindustrie ist eigentlich prädestiniert für die Dekarbonisierung“, sagte Fröba. Heinz-Glas bereitet sich nun auf verschiedene Szenarien vor, sollte es zu einem Gasembargo kommen. Man würde dann die Anlagen warmhalten, aber nicht mehr produzieren. „Die Abhängigkeit der Leute hier in der Region von der Glasindustrie ist sehr stark“, sagte Fröba, der in Oberfranken aufgewachsen ist. Im schlimmsten Fall hätte man „8000 Mitarbeiter, die ohne Lohn und Brot stehen“ würden.

Hören Sie in der neuen Folge von „Die Stunde Null“ außerdem

  • warum Flakons immer aufwändiger in der Produktion werden
  • warum Heinz-Glas einige Investitionen auf Eis legen musste
  • was die Menschen in Kleintettau und anderen Orten denken

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