Einzelhandel„Als Unternehmer kriechen wir auf dem Zahnfleisch“

Nach den Lockerungen am 8. März konnten viele Geschäfte mit „Click & Meet“ erstmals wieder öffnen. Viele befürchten nun erneute Schließungen
Nach den Lockerungen am 8. März konnten viele Geschäfte mit „Click & Meet“ erstmals wieder öffnen. Viele befürchten nun erneute SchließungenIMAGO / Chris Emil Janßen

Verlängerter Lockdown und der verstärkte Einsatz der „Notbremse“ bei Sieben-Tage-Inzidenzwerten über 100 – die Beschlüsse des Bund-Länder-Gipfels sorgen beim Einzelhandel für Kritik. „Bund und Länder agieren nur noch im Tunnelmodus“, sagt Stefan Genth vom Handelsverband. „Die alleinige Fixierung auf die Corona-Inzidenzwerte wird der komplexen Lage nicht gerecht.“ Vor allem die Geschäfte, die keine Lebensmittel und Produkte des täglichen Bedarfs verkaufen und erst vor zwei Wochen mit „Click & Meet“ wieder für Terminkunden öffnen konnten, sind angesichts der drohenden Verschärfungen bei einem Sieben-Tage-Inzidenzwert von über 100 besorgt.

Auch in Düsseldorf und in Bautzen rechnen Händler angesichts der Inzidenzwerte damit, „Click & Meet“ in den nächsten Tagen wieder aussetzen zu müssen. Capital hat mit zwei von ihnen darüber gesprochen, wie es um ihre Unternehmen steht und wie sie auf die Maßnahmen blicken:

„Als Unternehmer kriechen wir auf dem Zahnfleisch“

Markus Schmidt ist Gesellschafter der Düsseldorfer jimmy+jo GmbH. An zwei Standorten verkauft das Unternehmen exklusive Damenmode sowie hochwertige Dekoprodukte. Coronabedingt war zuletzt jedoch nur eine der beiden Filialen geöffnet.

CAPITAL: Vor ziemlich genau einem Jahr ist Deutschland in den ersten Lockdown gegangen. Wie ist es jimmy+jo seitdem ergangen?

MARKUS SCHMIDT: Das letzte Jahr war sehr anstrengend. Schon bevor der Lockdown anfing, hieß es von Seiten der Bundesregierung: Bleiben Sie zu Hause! Wir hatten dadurch schon vor dem Lockdown kaum noch Kundenfrequenz. Am Anfang fanden wir es daher eigentlich gut, dass geschlossen wurde und den Firmen, die dadurch in Schieflage geraten sind, geholfen werden sollte. Die Soforthilfen haben uns damals auch erreicht. Als dann aber wieder gelockert wurde, waren die Zurückhaltung der Kunden und die Verunsicherung ganz extrem. Wir haben uns deshalb als inhabergeführter Einzelhandel in der Verantwortung gesehen und haben – ohne dass uns das jemand sagen musste – dafür gesorgt, dass wir Plexiglaswände haben, die Kunden sich die Hände waschen können und die Kabinen desinfiziert werden. Wir sind mit der Pandemie also, ohne dass wir bevormundet wurden oder jemand für uns die Entscheidungen getroffen hat, sehr gut umgegangen.

Wie hat sich die Pandemie auf das Geschäft von jimmy+jo ausgewirkt?

Unsere Stammkunden, die rund 80 Prozent unserer Kundschaft ausmachen, sind uns treu geblieben. Dadurch dass wir aber rein stationär sind und keinen Online-Shop betreiben, haben wir in der gesamten Zeit der Pandemie vier Monate keinen Geschäftsbetrieb gehabt. Anstrengend waren auch die kurzfristigen Schließungen am 16. Dezember. Dadurch, dass das Geschäft im Dezember davor gut angelaufen war und wir gedacht hatten, die Läden würden offen bleiben, haben wir noch einmal viel saisongebundene Ware geordert. Am 15. Dezember wurde die Ware geliefert – und am 16. Dezember hatten wir den Laden zu.

Was macht das mit der Stimmung in der Belegschaft?

Das geht an die Nerven. Wir haben viele Bereiche outgesourct, weil dieser Kostenapparat gerade in der Verwaltung bestehen bleibt. Die Stimmung ist gedrückt, weil man nicht weiß, wie es weitergeht. Zum Glück sind wir bisher noch in der Lage gewesen, uns über Wasser zu halten. Wir versuchen auch, dass die Stimmung nicht auf die Mitarbeiter überschwappt, aber als Unternehmer kriechen wir auf dem Zahnfleisch.

Wie haben Sie sich in der Krise denn bislang über Wasser gehalten?

Uns ging es in den vergangenen Monaten wirklich bescheiden. Wir haben Ende Januar Anfang Februar, als die dritte Überbrückungshilfe immer noch nicht da war, vor der Frage gestanden: Machen wir weiter oder nicht? Wir haben uns dafür entschieden weiterzumachen, weil wir unsere Arbeit gerne machen. Durch gutes Wirtschaften und durch private Rücklagen konnten wir den Geschäftsbetrieb aufrechterhalten. Auch ohne die Zusammenarbeit mit unseren Lieferanten würde es uns jetzt gar nicht mehr geben. Denn die Frühjahrskollektion wird im Dezember und Januar geliefert und muss dann in 30 Tagen bezahlt werden – ohne Umsätze ist das nicht möglich. Unsere Lieferanten haben aber zugestimmt, uns die Ware zu schicken, wenn wir wieder öffnen. Wir haben also Glück gehabt, dass die Waren erst in den vergangenen Wochen geliefert wurden. Aber wenn nächste Woche die Überbrückungshilfe III nicht kommt, dann können wir nicht mehr. Dann habe ich auch niemanden mehr, den ich bereden kann, dann sind wir weg. Dann ist auch das Vertrauen in die Politik weg.

Inwiefern?

Wir warten seit November auf die Überbrückungshilfe II, wir warten seit Dezember und Januar auf die Überbrückungshilfe III. Es wird groß von der Bazooka gesprochen – aber es passiert nichts. Es fühlt sich niemand verantwortlich, habe ich das Gefühl. Auch keiner meiner Kollegen hat bis jetzt die versprochene Unterstützung bekommen. Weder die Gastronomen bei mir gegenüber, noch die Kollegen im Einzelhandel, die ich kenne.

Mit Click & Meet konnte das Geschäft zuletzt wieder in Teilen anlaufen. Wie ist das Angebot bei jimmy+jo genutzt worden?

Wir waren sehr überrascht von diesem Schritt, wir hatten damit erst am 28. März gerechnet und plötzlich war es schon der 8. März. Da war die Stimmung schon kurz vor euphorisch. Jeden Tag, den wir offen hatten und Termine hatten, hat man wieder gehofft: Hoffentlich geht es so weiter. Dann hatten wir schon sieben Tage hintereinander offen und hatten Kundentermine von morgens bis abends und tolle Umsätze. Dann haben wir gehofft: Hoffentlich geht es nächste Woche so weiter. Das macht sich auch beim Umsatz bemerkbar. Verglichen mit 2019 als Zeitpunkt vor der Krise sind die Umsätze mit dem Konzept, das wir im letzten Jahr schon gestartet haben und mit dem wir jetzt weiter fahren, besser als 2019. Wir haben auch mehr Neukunden gehabt, vor allem junge Kundschaft zwischen 16 und Ende 20. Die Angst läuft jetzt immer mit, ob die Kunden kommen. Mittlerweile denke ich aber, die Kunden werden auch weiterhin kommen und wir kommunizieren auch, dass sie weiter kommen dürfen.

Warum haben Sie bisher nicht auf Online-Shopping oder Click & Collect gesetzt?

Wenn ich einen Online-Shop habe, habe ich nicht zehnmal das gleiche Kleid. Verschicke ich also ein Kleid, ist das nicht mehr im Verkauf und kommt dann vielleicht später wieder zurück, weil es nicht passt. Das ist ein unheimlicher Arbeitsaufwand und bringt letztlich einfach nichts. Auch Click & Collect ist für uns keine Option. Ich kann kein Kleid für 500 Euro aus dem Fenster raus verkaufen, das muss anprobiert werden. Wenn man sagt, wir positionieren uns als stationärer Einzelhandel, der ein Erlebnis und Persönlichkeit vermittelt – und Kleidung ist ein Stück Persönlichkeit –, dann macht das keinen Sinn. Für kleine Boutiquen ist das Online-Geschäft einfach nicht rentabel. Ich sehe das immer wieder bei meinen Kollegen, die sagen: Hätte ich das nicht gemacht, es macht nur Arbeit und Ärger! Online-Shopping ist für den Bereich des Einzelhandels, der beratungsintensiv ist und wo Sachen anprobiert werden müssen, ein Killer.

Wie blicken Sie auf die nächsten Wochen?

Wir haben früh auf Click & Meet gesetzt, damit unsere Kunden nicht verwirrt sind. Wir werden das auch beibehalten und das ganze Jahr erstmal durchhalten. Das ist eine einheitliche Linie, die kann man kommunizieren. Und wenn die Politik das nicht kann, dann müssen wir das eben selbst machen. Wir möchten damit einfach mal wieder ein gutes Gefühl vermitteln im Handel – und wir möchten weitermachen. Aber wie gesagt: Wenn die Überbrückungshilfe III in der nächsten Woche nicht kommt, hat sich das alles in Rauch aufgelöst.