InterviewWie Creditrefom das Rating-Duopol von S&P und Moody's brechen will

Creditreform will den Rantingmarkt aufmischenIMAGO / Steinach

Die Wirtschaft ist bisher überraschend glimpflich durch die Corona-Krise gekommen. Insolvenzwellen, massenhafte Zahlungsausfälle und Staatspleiten blieben aus. Jetzt am Ende der Pandemie macht sich aber Ernüchterung breit. Es wird schon wieder die Gefahr neuer Krisen etwa durch steigende Energiepreise heraufbeschworen. Was sehen Sie, wenn Sie die Bonität von Unternehmen und Staaten unter die Lupe nehmen?

MICHAEL MUNSCH: Zahlungsausfälle und Insolvenzen bewegen sich bislang weiter auf einem extrem niedrigen Niveau. Anfang dieses Jahres hatte ich selbst noch einen Anstieg um 20.000 Insolvenzen für 2021 prognostiziert. Das ist aber ausgeblieben. Wenn wir jetzt in die Zukunft, auf das kommende Jahr schauen, sehen wir zwei gegenläufige Trends. Der eine ist die Rückkehr zum normalen Insolvenzrecht nach fast zwei Jahren Ausnahmeregelung. Das heißt, bei zu erwartender Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung werden wieder mehr Unternehmen Insolvenz anmelden müssen. Der andere Trend ist die gleichzeitige wirtschaftliche Erholung.

Viele Wirtschaftsvertreter machen sich derzeit große Sorgen um diese Erholung. Stichworte: Energiepreise, Inflation, Lieferengpässe, …

Es stimmt, es gibt einige Probleme. Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute haben ja kürzlich ihre Wachstumsprognose für dieses und kommendes Jahr nach unten korrigiert. Aber deswegen sollten wir nicht in Pessimismus verfallen. Mehr als zwei Prozent sind immer noch ein ordentliches Wachstum. Zudem dürfte die Wirtschaft das jetzt eingebüßte Wachstumstempo in den kommenden Jahren nachholen. Das ist weiter unser Basis-Szenario.

Wie groß sind die Risiken für dieses Szenario? Derzeit wird ja vor allem die Inflationsgefahr viel beschworen. Wenn vor allem die Energiepreise weiter steigen sollten, wird befürchtet, dass die Europäische Zentralbank die Zinsen anheben muss, und hochverschuldete Staaten in Zahlungsschwierigkeiten kommen. Sehen Sie diese Gefahr?

Als Ratingagentur sind wir darauf programmiert, Risiken zu sehen: Die hohe Verschuldung der Staaten nach der Pandemie ist aktuell eines. Aber dem gestiegenen Schuldenstand steht ein solides Schuldenmanagement gegenüber, und die EZB wird auch weiterhin für stabile Verhältnisse sorgen. Solche Themen wie derzeit die Inflation, Energiepreise und die Probleme mit den Lieferketten hat es ja immer gegeben. Deswegen dürfen wir jetzt nicht alles schlechtreden.

Für Creditreform Rating haben Sie sich ehrgeizige Wachstumsziele gesetzt. Sie wollen das Oligopol der dominierenden US-amerikanischen Agenturen durchbrechen. Warum ist dieses Oligopol überhaupt ein Problem?

Faktisch ist es ja sogar nur ein Duopol von S&P und Moody’s, die sich mehr als 80 Prozent des gesamten Ratingmarktes teilen. Ein Problem, dass sich daraus für viele Firmen ergibt, ist das extrem hohe Preisniveau. Die beiden großen Agenturen haben eine Gewinnmarge von 40 Prozent. Moody’s galt lange als das profitabelste Unternehmen an der Wall Street. Daneben gelten die Ratingagenturen vielen Kritikern als Mitverursacher der letzten Weltfinanzkrise. Ich teile diese Ansicht zwar in dieser Form nicht unbedingt. Aber ein weiterer Blick aus einer anderen Perspektive auf die damaligen problematischen Finanzprodukte hätte jedenfalls geholfen.

Darüber wird nun seit mehr als zehn Jahren diskutiert. Trotzdem ist es Ihnen und anderen nicht gelungen, in dieses Duopol einzudringen. Warum können Sie Moody’s angesichts des hohen Preisniveaus nicht einfach unterbieten?

S&P gehört zu den Dickschiffen auf dem Ratingmarkt

Es gibt ein Henne-Ei-Problem: Von potenziellen Kunden, also große Unternehmen oder Banken, die ein Rating beispielsweise für eine Anleihe brauchen, höre ich oft zwei Dinge. Zum einen: Ihr seid zu klein und zu unbekannt bei den Investoren etwa in Asien, bei denen wir für unsere Anleihe werben möchten. Und zum anderen: Für uns und unsere Investoren ist wichtig, dass Banken unsere Anleihe bei der Europäischen Zentralbank als Sicherheit für ihre Refinanzierung nutzen können. Doch dafür werden bislang nur die Ratings der vier größten Agenturen akzeptiert. Und von der EZB heißt es dann wieder: Ihr seid zu klein, als dass wir euch auch noch berücksichtigen könnten.

Wie wollen Sie dieses Henne-Ei-Problem lösen?

Die Anforderung der EZB ist, dass eine Agentur drei Jahre lang mindestens zehn Prozent der relevanten Wertpapier-Emittenten und 20 Prozent der von ihr akzeptierten Anleihen, Pfandbriefe etc. geratet haben muss, um in ihrem Risikomanagement-Prozedere berücksichtigt zu werden. Und das haben wir gemacht. Wir haben Dutzende Unternehmen und Wertpapiere geratet. Anfang kommenden Jahres sind die drei Jahre um, und wir werden das Ergebnis bei der EZB präsentieren.

Das heißt, sie haben diese Arbeit drei Jahre auf eigene Kosten gestemmt?

Ja, die Aufträge haben wir ja nicht. Also arbeiten wir mit einem Team von 15 Leuten drei Jahre lang auf eigenen Kosten. Das ist für uns eine große Investition.

Wie sicher sind Sie, dass die EZB ihre Ergebnisse akzeptiert?

Sicherheit gibt es dabei nicht. Schließlich gibt es dafür keinen Präzedenzfall. Wir sind eine der ersten Agenturen, die diesen Weg gehen. Aber wir sind dabei natürlich im engen Austausch mit der EZB, und ich bin sehr zuversichtlich.

Was erwarten Sie konkret für die Entwicklung von Creditreform Rating, wenn Sie das EZB-„Siegel“ bekommen?

Damit können wir das Henne-Ei-Problem tatsächlich lösen. Wenn große Konzerne in Europa uns dank der EZB-Akzeptanz als zweite Ratingagentur neben einer der großen mit an Bord holen, dann würden wir auch bald in anderen Märkten wie Asien bekannt und akzeptiert sein. Unser Ziel ist es, unseren weltweiten Marktanteil bis 2030 auf etwa drei Prozent zu steigern, von derzeit 0,53 Prozent.

Was ist Ihr langfristiges Ziel? Können Sie zu den großen Agenturen aufschließen?

Darüber hinaus haben wir keine konkreten Zielmarken. Aber wenn wir einmal drei Prozent Marktanteil erreicht haben, wird das ein Sprungbrett für die weitere Entwicklung sein. Langfristig wollen wir dann weltweit wachsen auch mit neuen Niederlassungen in Asien und Lateinamerika. Das wird langfristig das gesamte Marktgefüge verändern.

Sie haben es bereits erwähnt: In der Finanzkrise hat der Ruf der Ratingagenturen insgesamt stark gelitten. Spüren Sie das bei Kunden und Anlegern noch?

Nein. Seitdem ist tatsächlich viel passiert. Und zwar nicht nur in Form neuer Gesetze und Vorschriften, sondern auch bei deren praktischer Umsetzung. Die Kontrolle der Agenturen durch die Aufsichtsbehörden ist in Europa inzwischen sehr intensiv. Dadurch ist das Vertrauen in die Branche gewachsen. Die Nachfrage nach Ratings nimmt zu – nicht zuletzt auch wegen der steigenden Bedeutung der Themen Klimaschutz und Nachhaltigkeit.

Welche Bedeutung hat denn Nachhaltigkeit inzwischen bei der Beurteilung der Bonität eines Unternehmens?

Da muss man unterscheiden. Es gibt weiterhin den Bedarf, mit einem Rating die Kreditqualität und Zahlungsausfallwahrscheinlichkeit zu beurteilen. Dabei spielen Nachhaltigkeitsaspekte neben vielen anderen Kriterien eine Rolle. Ein nicht nachhaltiges Unternehmen kann immer noch eine gute Kreditqualität und geringe Ausfallwahrscheinlichkeit haben. Aber daneben gewinnt die Bewertung der Nachhaltigkeitsstrategie eines Unternehmens für viele Investoren an Bedeutung. Immer mehr Banken etwa wollen zunehmend „saubere“ Firmen in ihrem Kreditportfolio.

Welchen Anteil haben diese Themen an Ihrer Arbeit als Ratingagentur?

Wir stehen gerade erst am Anfang. Derzeit macht das Thema ESG [Environmental, Social, and Governance; Umwelt, Soziales und Unternehmensführung] 20 bis 25 Prozent unserer Arbeit aus, langfristig sicher ein Drittel oder mehr.

In der Finanzbranche reden derzeit alle über ESG. Jedes Unternehmen veröffentlicht lange Nachhaltigkeitsberichte. Aber ist das mehr als Greenwashing, also die bisherige Geschäftstätigkeit ohne echte Änderungen einfach mit einem grünen Anstrich zu versehen?

Ja, da bewegt sich zuletzt wirklich etwas. Die EU hat in diesem Jahr verbindliche Maßstäbe festgelegt und die EZB hat klargemacht, dass Nachhaltigkeitskriterien bei der Bewertung von Assets für sie eine entscheidende Rolle spielen. Das bedeutet, dass Nachhaltigkeitsstrategien für Unternehmen keine Nebensache mehr sind, sondern wichtige finanzielle Faktoren. Unsere Aufgabe als Ratingagentur ist, das für Anleger transparent zu machen.

Der Beitrag ist zuerst erschienen bei ntv.de