GastbeitragWie Bürokratie und Technokratie uns den Fortschritt rauben

Symbolbild Künstliche Intelligenz
Symbolbild Künstliche IntelligenzPete Linforth from Pixabay

Managen heißt entscheiden – heute Dinge tun, die in der Zukunft positiv wirken. Das setzt die Fähigkeit voraus, Zusammenhänge zu erkennen und Entwicklungen zu antizipieren. Nur wer vorausschauend entscheidet, kann nachhaltig handeln. Ob und wie dieses Ziel erreichbar ist, daran scheiden sich die Geister. Die einen glauben, Zukunft sei grundsätzlich planbar. Zitiert seien Emil Oesch, ein Schweizer Schriftsteller und Verleger (1894 – 1974): „Ein Mensch ohne Plan ist wie ein Schiff ohne Steuer“, oder Alan Curtis Kay, ein amerikanischer Informatiker: „Die Zukunft kann man am besten voraussagen, wenn man sie selbst gestaltet.“ Die anderen glauben, dass sich die Zukunft grundsätzlich einer Planbarkeit entzieht, so wie man es Zitaten von John Lennon: „Leben ist das, was passiert, während du beschäftigt bist, andere Pläne zu machen“, oder Friedrich Dürrenmatt: „Je planmäßiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer trifft sie der Zufall“, entnehmen kann. Albert Einstein wird (vermutlich fälschlicherweise) die Zuspitzung zugeschrieben: „Planung ersetzt den Zufall durch den Irrtum.“

Paradebeispiel Pandemie

Die Wirklichkeit ist immer eine Mischung aus jenen Dingen, die wir selbst gestaltet haben, jenen, die wir nicht beeinflussen können, und solchen, die wir aus Unkenntnis oder Trägheit versäumt haben, rechtzeitig zu gestalten. Irgendetwas zwischen fatalistischem Determinismus und utopischem freien Willen. Die derzeitige Pandemie ist ein schönes Beispiel dafür. Und dafür, wie wichtig es ist, lernen zu wollen, um gestalten zu können. Trotz aller Anerkennung für das grundsätzlich verantwortungsvolle und schnelle Handeln der Politik muss man am Ende doch eine gewisse Trägheit der Institutionen und Unfähigkeit der Politik attestieren, kreative und spontane Lösungen zu entwickeln. Dieser Befund ist durchaus bedenklich, denn Krisen wird es in Zukunft wohl häufiger geben.

Es geht um das grundsätzliche Problem, dass die meisten Entscheidungen von Tragweite unter Unsicherheit getroffen werden. Risiken folgen einer bekannten Verteilung, mit ihnen lässt sich vergleichsweise gut umgehen. Unsicherheit aber ist qualitativ ein gänzlich anderes Phänomen. Viele behandeln Unsicherheit wie Risiko. Das aber führt nur dazu, dass wir falsch mit Unsicherheit umgehen. Abgeschreckt von Fehlentscheidungen, wie sie in der Wirtschaftsgeschichte immer wieder nachgewiesen wurden, vermeiden wir die Unsicherheit wie das Risiko. Das aber ist am Ende fatal, weil in der Unsicherheit, anders als beim Risiko das Unerwartete, Unmögliche und Utopische liegt. Sicherheit, Berechenbarkeit und Kontrolle versprechen die klassischen Wirtschaftswissenschaften mit einem Instrumentarium an naturwissenschaftlich geprägten Methoden und Modellen, die dem Prinzip des „Homo oeconomicus“, einem ausschließlich kühl und rational denkenden Menschen gehorchen.

 


Kennen Sie schon unseren Newsletter „Die Woche“? Jeden Freitag in ihrem Postfach – wenn Sie wollen. Hier können Sie sich anmelden


 

Besonders gut abgesichert sein wollen strategische Investitionsentscheidungen. Sie entfalten ihre Wirkung oft erst weit in der Zukunft. Um richtig zu entscheiden, bräuchte es belastbare Informationen, zu den dann herrschenden Randbedingungen, die in Modelle und Rechnungen eingegeben werden. Verändertes Verhalten der Märkte, Konjunktureinbrüche, Pandemien, Aktivitäten der Wettbewerber, Moden, Technologie-Sprünge, regulatorische Auflagen und vieles mehr sind aber nicht prognostizierbar. Nur historische Ereignisse sind Fakten. Anders der Input zur Zukunft. Er erfolgt zwar auch unter dem Mantel von Zahlen, die Verlässlichkeit, Präzision und „objektive Richtigkeit“ suggerieren. Tatsächlich handelt es sich aber um höchst subjektive Annahmen und persönliche Erwartungen. Das ist nicht nur zwangsläufig so, sondern sogar mehr noch: Die Varianz in diesen subjektiven Annahmen über die zukünftige Welt ist eine Quelle von Fortschritt und Freiheit, weil sie abweichendes und experimentelles Verhalten erzeugt. Klar definierte Ziele lassen sich durch regelbasierte Prozesse erreichen, unscharfe Ziele dagegen benötigen Kreativität und Unternehmergeist.

Hype um KI weckt Hoffnung

Schon in der Vergangenheit haben Bürokratie und Technokratie unsere Vorstellungskraft und Handlungsfreiheit erstickt. Der Hype um die künstliche Intelligenz weckt die Hoffnung, dem Dilemma durch Bewältigung ungeheurer Mengen an Informationen und Daten sowie Erkennen von verborgenen Zusammenhängen zu entgehen, Unsicherheit zu vermeiden oder zumindest stark zu reduzieren und richtige Entscheidungen zu treffen. Aber bringt der von den Wirtschaftswissenschaften verfolgte und von künstlicher Intelligenz perfektionierte Weg der strengen Kausalität, der kühlen Ratio und deterministischen Algorithmen wirklich die erhoffte Sicherheit? Lässt sich so der Code der Zukunft knacken? Lassen sich Berechenbarkeit herstellen und Zufall eliminieren? Oder schaffen wir uns mit immer höherem Aufwand nur eine Scheinsicherheit und einen inhumanen und uninspirierten Determinismus? Daten sind lediglich Repräsentanten einer Vergangenheit, die wir selbst geschaffen und konstruiert haben, sie sind aber selbst nicht die Wirklichkeit, so wenig wie künstliche Intelligenz Wahrheit und Erkenntnis verheißen. Der Mensch dagegen ist zur Hypothesenbildung befähigt – eine zufällige Beobachtung, eine vage Ahnung oder kühne Vermutung reicht oftmals aus, um einem Größeren, noch Unbestimmten und Unbekannten nachzugehen. In unserer arbeitsteiligen und konformistischen Gesellschaft aber unterliegen wir einem Phänomen, das der Philosoph John Hardwig die „epistemic dependance“ nennt: Wir alle agieren in einem gewohnten und durch Erfahrung bestätigten Umfeld, das permanent eine bestimmte Erkenntnisabhängigkeit erzeugt.